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Martin Dannecker wurde 1942 in einer kleinen schwäbischen Stadt geboren. Im Alter von 18 Jahren zog er nach Stuttgart. Sechs Jahre später kam er schließlich nach Frankfurt am Main, wo er heute als außerordentlicher Professor am Institut für Sexualwissenschaft tätig ist. Die Reform des Paragraph 175 des StGB im Jahr 1969 ermöglichte erstmals ein offenes Auftreten Homosexueller. Für Dannecker bedeutete dies, die Schwulen zu Ehrlichkeit und Unbescheidenheit aufzufordern. Es ging ihm darum, „einerseits ein scheinbar bürgerliches Leben - Beruf, Karriere, Geld verdienen - und andererseits ein mit bürgerlichen Vorstellungen nicht so leicht vereinbares Leben wie den Gang in schwule Subkultur, flüchtige sexuelle Kontakte, Klappe, Park, Sauna, alles, was dazu gehört, zusammenzubringen. Denn das zusammen ist Homosexualität. Sie besteht aus diesen beiden auseinandergefallenen und auseinandergehaltenen Teilen." Dieses Programm war politischer als es scheint: es stellte die Gesellschaft mit ihren starren Geschlechterrollen und die bürgerlichen Doppelmoral in Frage. 1972 nahm Dannecker an einer Schwulen-Demonstration im katholischen Münster teil. "Brüder und Schwestern, ob warm oder nicht, den Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht" lautete die Parole auf seinem Transparent. Gegen eine solche offene und offensive Strategie wandte sich die Mehrheit der Homosexuellen. Für sie war dieses Auftreten antihomo-sexuell. „Das konnte gar nicht anders verstanden werden", erklärt Dannecker, aber „für diejenigen, die gesagt haben, Homosexualität ist im Zweifelsfall das Ganze, auch etwas ganz Unanständiges, war das Politik für Homosexuelle." Doppelleben und Anpassung an die herrschenden Normen oder Emanzipation - zwischen diesen beiden Pole gab es kaum eine Vermittlung. Wütende Proteste verhinderten sogar, daß der Praunheim-Film 1972 im 1. Fernsehprogramm ausgestrahlt wurde. Er wurde ins 3. Programm des WDR abgeschoben. Von solchen Widerständen unbeeindruckt führte Dannecker zusammen mit Reimut Reiche eine erste große empirische Untersuchung durch: „Der gewöhnliche Homosexuelle" (1974). In dieser Studie kamen die Tatsachen des schwulen Lebens und die Zwänge, die es bestimmten, ungeschminkt auf den Tisch. Sie konfrontierte die angepaßten Homosexuellen mit den Aspekten ihres Lebens, die sie gerne verdrängten. Seitdem hat sich die Gesellschaft und haben sich auch die Schwulen spürbar verändert. Frei - so Martin Dannecker - sind die Schwulen aber auch heute noch nicht: „Ich würde freier sagen. Freier ist immer nur relativ frei, und es ist nicht wirklich frei." Kriterium von Freiheit wäre, daß es für Eltern völlig gleichgültig sein müsse, ob ihr Kind homosexuell ist oder nicht. Sie müßten ihm gegenüber die gleichen Gefühle haben. Ohne wenn und aber! „Und das glaube ich immer noch nicht." Der Kern des Problems homosexueller Männer liegt für Martin Dannecker nach wie vor darin, daß sie vom Stereotyp der Männlichkeit abweichen. Sie müssen, so meint er, diese Differenz akzeptieren anstatt sie zu kaschieren. Und die Gesellschaft müsse sie als abweichend akzeptieren und nicht versuchen, sie „gleich" zu machen! Das traditionelle Bild vom Mann hat sich in den vergangenen dreißig Jahren zwar deutlich gewandelt. Es ist durch die Frauenbewegung, Gammler, Hippies und durch Pop-Gruppen in Frage gestellt worden. Männer sind heute gern gesehene Kunden der Parfümerien und tragen Schmuck. Wenn man nach Äußerlichkeiten urteilt, „kann man schon das Gefühl haben, daß die Schwulen heute männliche Repräsentanzen bestimmen. Sie haben durchgesetzt, daß Männer sich so zeigen, daß man ihnen anmerkt: Sie ein sexuelles Objekt sein. Sie locken Begehren hervor in dem Sinn: Ich bin schön, und ich tue etwas dafür. Das war ja immer ein Problem der homosexuellen Männer. Sie mußten Subjekt und Objekt der Sexualität in einem sein." Wie stabil die Geschlechterrollen aber dennoch sind, zeigt sich immer wieder: Wenn z.B. Jungen vom Bild der Männ-lichkeit abweichen, bringen Eltern sie häufig in die sexualtherapeutische Ambulanz. Sie fragen, ob hier nicht eine Geschlechtsidentitätsstörung vorliege. Und wenn Schwule in Kontaktanzeigen ihre Wünsche an den "Traumprinzen" formulieren, endet dies häufig mit der rüden Bemerkung: "Tunten zwecklos!" Die Angst, von Männlichkeit abzuweichen, sitzt tief! Einen Rückschlag erlitt die die Schwulenbewegung Mitte der achtziger Jahre durch die Aids-Krise. Aus Angst vor Repression zogen sich viele Schwule zunächst wieder zurück. In dieser brisanten Situation - 1987 - bereitete Martin Dannecker seine zweite empirische Studie über das Sexualverhalten von Schwulen vor. Er sollte überprüfen, wie sie auf die Bedrohung durch Aids reagieren: im Auftrag der Bundesregierung. Vertreter von Schwulenverbänden protestierten und riefen zum Boykott auf. Sie befürchteten, daß die Ergebnisse zur Rechtfertigung von Zwangsmaßnahmen gegen Infizierte mißbraucht würden. Dannecker ließ sich nicht beirren. Er war auch in diesen von Angst, Vorurteilen und aggressiver Abwehr beherrschten Zeiten der Meinung, daß die sexuellen Tatsachen auf den Tisch der Gesellschaft gehören. Immerhin wurde in der Gesundheitsverwaltung und bei den Aids-Hilfen öffentlich finanzierte Stellen mit Schwulen besetzt. „Der Staat brauchte plötzlich Homosexuelle und mußte sie ernst nehmen. Homosexualität wurde zu einer Qualität, die nachgesucht wurde. Das war und ist historisch wirklich neu. Und eines der ersten Plakate der Deutschen Aids-Hilfe, das bald an jeder Litfass-Säule hing, zeigte ein wunderschönes schwules Paar. Homosexualität wurde zu einem ästhetischen Gebilde stilisiert. Das konnte nicht ohne Einfluß auf das Bild von Homosexualität in der Gesellschaft bleiben." „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seines Geschlechts, (.... - und neuerdings auch wegen) seiner sexuellen Identität benachteiligt oder bevorzugt werden." Bis hinein in einzelne Länder-Verfassun-gen setzt sich mittlerweile durch, was im Fachjargon "Gleichstel-lungs-politik" genannt und von vielen Homo-Politikern mit einer andere Lebens-wirklichkeiten ausschließenden Absolutheit betrieben wird. Bei zahlreichen Landesregierungen arbeiten ReferentInnen für lesbische und schwule Lebensweisen oder Gleichstellungsbeauftragte. Parlamentarische Mehrheiten für die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften, für entsprechende Änderungen im Erb-, Miet-, und Versicherungsrecht, im Kindschafts- und Familienrecht sind keine Zukunftsmusik mehr. So wich-tig und auch von symbolischer Bedeutung dies alles ist, warnt Martin Dan-necker davor, nicht wieder, wie von konservativen Homosexuellen zu Beginn der siebziger Jahre getan, Anpassung vor Emanzipation zu stellen: „Diejenigen, die glauben, daß mit dieser Politik eine Aufhebung der Differenzen verbunden sein wird, werden sehr enttäuscht sein," erklärt er. Eine abstrakte rechtliche Gleichmacherei, werde „fatal, wenn sie die Rede über die Differenz ausschließt, weil es das Gleichstellen stören könnte. Außerdem denken die politisch verfaßten Schwulen heute nicht daran, daß wahrscheinlich die allermeisten der Homosexuellen so etwas wie ehe-ähnliche Verhältnisse gar nicht eingehen werden, weil es ihren Lebensformen gar nicht entspricht. Eine ganz große Gruppe Homosexueller kommt in der gesamten Gleichstellungs-politik gar nicht vor." Anders als vor dreißig Jahren fühlen sich junge Schwule, wenigstens in den Großstädten, heute als anerkannte Bürger dieser Republik. Martin Dannecker, einer der Vorkämpfer dieser Entwicklung, steht ein wenig abseits. Einerseits empfindet er die Veränderungen auch für sich selbst als befreiend, andereseits kann er sich nicht aus seiner Geschichte herausstehlen: „Man wollte mich in dieser Gesellschaft nicht haben. Und dann habe ich mich mit der Geschichte auseinandergesetzt und gemerkt, daß man solche wie mich auf ganz unterschiedliche Weise nicht haben wollte, bis hin zum Mord. Das werfe ich dieser Gesellschaft immer noch vor, und ich glaube nicht, daß sich die Grundstrukturen so verändert haben, daß so etwas nie wieder passieren könnte." Das soll nicht verbittert klingen. Auch Martin Dannecker, Vorkämpfer für eine grundlegend andere Gesellschaft, ist heute ein Bürger geworden - wenn auch ein „Bürger wider Willen": „Das ist etwas Paradoxes. Man wird in die Gesellschaft integriert, obwohl man Emanzipation denkt. Insofern bin ich widerwillig durch die eigenen Aktivitäten stärker eingemeindet worden als ich es wollte."
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