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Gegen den Wind gebissen

Christian Geissler zum siebzigsten Geburtstag

Freitag, Ausgabe 52/1998

Flach zieht sich das Land zu beiden Seiten des Deichs Richtung Horizont, nur ein paar Häuser liegen in der Nachbarschaft. Seine kleine Kate, geduckt hinterm Deich gelegen, nur ein paar Meter vom Kanal, sucht Schutz vor dem Wind, der vom Dollart herüber bläst. Bis Ende der siebziger Jahre hatte Christian Geissler in Hamburg und in der näheren Umgebung, an der Elbe, nahe der Grenze zur DDR. Später hielt er sich dann in Südfrankreich, Schottland und Portugal auf. Heute lebt er im ostfriesischen Rheiderland. Dorthin hat Geissler sich zurückgezogen, von hier bricht er auf zu seinen Erkundungen nach Polen (dem Land seiner Mutter), zu Besuchen bei seinen Kindern, Freunden und Genossen, zu Aufenthalten in Frankreich, Portugal, mischt er sich ein.

Im ersten der drei kleinen Durchgangszimmer stolpern Besucher über einen alten Metallkoffer. "Geissler" wurde vor vielen Jahren mit einem Pinsel darauf geschrieben. Vielleicht dient er nur als Fußbank, vielleicht enthält er aber auch das Nötigste für einen schnellen Aufbruch.

"Klopfzeichen" hat Christian Geissler das im Herbst erschienene Bändchen genannt, in dem er Gedichte aus den Jahren 1983 bis 1997 versammelt hat, "Klopfzeichen eines Kammersängers":

"was für ein volk
so fleißig
schmatzt es die schmiere
vom schönen Tod
die lüge von oben"

Aus Portugal, dem Land, das einst für die Hoffnungen der Nelkenrevolution stand und heute Teil des weißen Hauses kapitalistischer Herrschaft ist, schreibt Geissler "lieder für zuhaus":

"da ist ein alter mann
umbaumelt von apfelsinen
im rätsel der fremden sprache
unterm hieb der sonne
im weißen haus
fast verstummt.

er sehnt sich nachhaus
ins regenplatschen
ins ofenbullern
ins gänsegeschrei überm tee.

Die heimat hat zwei große augen.
Das ist rätsel genug."

"Du bist nicht zu Hause" bedeutet ihm der Klang der fremden Sprache in seinen Ohren. Doch nicht die Sprache bedroht ihn, sondern die Wirklichkeit. Die "Hochhauskultur des schnellen Geldes" und die "Macht einer falschen Berechnung" haben auch sein beinahe idyllisches Refugium schon durchdrungen. Der Text klingt resignativ, melancholisch, aber es spricht auch die Sehnsucht. Klopfzeichen eines Gefangenen nach draußen?

Am 25. Dezember wird Christian Geissler 70 Jahre alt. Geboren wurde er 1928 als Sohn eines deutschen Bauunternehmers und NSDAP-Mannes und einer polnischen Mutter in Hamburg. Er wurde in die Hitler-Jugend geschickt und erlebte, wie jüdische Freunde der Mutter aus Deutschland flohen, wie die jüdische Schule in der Nachbarschaft geschlossen wurde und Menschen verschwanden. In den letzten Kriegsmonaten wurde er noch als Flak-Helfer eingezogen. Nach dem Krieg kamen dann bohrenden Fragen an die Generation der Väter und Konsequenzen für das eigene Leben: 1960 erschien sein erster Roman - "Anfrage". Es folgten Arbeiten für den Rundfunk und das Fernsehen, ein weiterer Roman. 1967 trat er in die illegale KPD ein, verließ die Partei wieder, als die DKP gegründet und aufs Grundgesetz verpflichtet wurde und geriet zu Beginn der siebziger Jahre ins Umfeld der "Rote Armee Fraktion". Die Romane "Das Brot mit der Feile", "Wird Zeit, daß wir leben" und "kamalatta" rücken die Frage der politischen Gewalt in den Mittelpunkt. Die Gedichtbände "Im Vorfeld einer Schußverletzung" und "spiel auf ungeheuer" spitzen sie zu im Fokus des Individuums.

"wieso gedichte

aber der stein im maul
gegen den wind gebissen
glasaugenblick

nicht feld und wald mehr
nicht keller und kammer
für lange Geschichten

suche nach worten"

In seiner zuletzt erschienenen Erzählung, dem als "Kinderlied" bezeichneten Text "Wildwechsel mit Gleisanschluß", läßt Geissler die Erfahrungen seines Lebens in dichten, poetischen Bildern ineinander stürzen. Nach der Niederlage des Sozialismus und den Erwachen einer neuen deutschen Großmannssucht beschwört er in einer geheimnisvoll verschlüsselten und sehr rythmischen Sprache, in beinahe unzugänglich formulierten Alpträumen das Wüten der Deutschen in Polen, die Gefahr eines neuen Faschismus, des Kriegs der Festung Europa gegen fremde Eindringlinge, gegen die Kinder Welt, die etwas zu Essen brauchen. Das Buch sei geprägt von der wirklichen "Gefahr, daß die Sprache wegbleiben wird angesichts der Schweinereien," erklärt er. Er versteht es als existentiellen Versuch, "wirklich Wort für Wort am Leben zu bleiben über das gearbeitete Wort." Der Text wirkt unheimlich, führt Autor und Leser auf einen schmalen Grat zwischen der Liebe zum Leben und Apokalypse. Düstere Bilder von Bedrohung und Kampf, Erfolg, Mißerfolg und - am Ende - von einem übermächtigen Gegner. Viet, das alter ego des Autors, knüpft ein Netz des Widerstands, hält Verbindung zu alten Genossen aus dem antifaschistischen Kampf, steht aber mit dem Rücken an der Wand: Mit seinem Haß, seiner Angst, seiner Liebe.

Sei erster Roman, erschienen 1960, erzählt von dem jungen Studenten Köhler, der wissen will, was mit einer jüdischen Familie während der Nazi-Zeit geschehen ist und warum es geschehen konnte. Die "Väter" seiner Generation stehlen sich aus der Verantwortung, seine "Anfrage" - so der Titel - stößt auf eine Mauer des Schweigens.

In der folgenden Erzählung "Kalte Zeiten" beobachtet Christian Geissler den jungen Bauarbeiter Jan Ahlers und seine Frau Renate an einem Freitag, an dem der Lohn ausgezahlt wird. Die beiden haben eine kleine Werkswohnung im Hamburger Arbeiterstadtteil Wilhelmsburg. Renate ist schwanger, und beide träumen von ihrem Glück. Dieses Glück ist teuer. Der Kinderwagen - "der blaue, zum Zusammenklappen, wie nebenan der" - kostet 200 Mark. Aber der soll es schon sein, man will Schritt halten ja mit Wirtschaftswunder und Nachbarn. Ahlers wird vom Chef geködert und läßt sich gegen die Kollegen ausspielen. Abends fährt er - in Gedanken an den Kinderwagen - noch eine Extra-Tour für den Chef. Geisslers Art zu erzählen - "nicht frei erfunden" - erinnert an die Techniken des Films: Kamerafahrt, Totale, Fokus und harte Schnitte. Er zeigt zwei Menschen, die auf Konsum und Konkurrenz eingeschworen werden, denen ihre Traum vom Glück für ein paar Mark abgekauft wird und die dabei sich selbst und alles verraten, was sie wirklich besitzen: ihre Selbstachtung, ihr Vertrauen zueinander, auf die eigene Kraft. Jan kehrt spät nach Hause zurück, denkt, daß Renate schon schläft, legt noch eine Schallplatte auf - "ihr" gemeinsames Lied. Renate kommt herein:

"Er freute sich, aber er sagte: Ich denk, du schläfst.
Mach nochmal an, sagte sie.
Er wollte hingehen, blieb stehen, sah sie an. Die sieht schön aus.
Ist was, fragte sie.
Er freute sich, aber er sagte: Zieh dir was über, wirst bloß krank.
Sie zögerte, wollte zu ihm gehen, ging zurück ins Schlafzimmer, zog die Tür hinter sich zu. Er wollte noch etwas sagen, aber er konnte nicht reden, war stumm, als läge ein Stein auf seinem Mund."

"Ich habe die ersten beiden Bücher allein geschrieben", sagt Geissler heute, "auch im Gefühl der Isolation gegenüber einer deutschen Literatur, die nicht meine war." Ahlers verstummt, und Verstummen bedeutet Niederlage. Die Suche nach Worten bedeutet Leben, Kampf um das bißchen Glück, für eine gerechtere Welt. Und als ob der Autor sich bei Ahlers, bei Karl Kasten, Henning Specht und Tim Scott, bei Robert Beck, dem alten Genossen, der noch gegen die Nazis gekämpft hat, und all den anderen einfach unterhakt und mit ihnen zusammen in eine neue Zeit marschiert, erzählt er acht Jahre später in "Das Brot mit der Feile" und den folgenden Romanen von ihrem Weg durch die sechziger und siebziger Jahre: "Von da an habe ich als Kommunist geschrieben. Ich bin der Kommunistischen Partei beigetreten, wußte ja wohl auch, warum, hatte mich also in einer bestimmten Weise entwickelt. Von da an war das "wir" wichtig für mich. Es war so richtig, in "wir" zu denken und auch zu schreiben, daß die folgenden Bücher diesen Atem bekommen haben: Ich bin gar nicht allein. Wir überlegen uns jetzt, wo wir eigentlich sind und was wir wollen?"

Er gibt seinen Figuren eine persönliche Geschichte. In dem Roman "Wird Zeit, das wir Leben" erzählt er dann von der Aktion eines sozialdemokratischen Polizisten, der in Hamburg 1933/34 versucht, politische Gefangene zu befreien. So verknüpft er die aktuellen Diskussionen um bewaffneten Kampf und Widerstand gegen den Staat mit dem antifaschistischen Kampf, zieht von dort die historische Linie zur RAF und mischt sich ein in die laufenden Debatten.

Schon in "Das Brot mit der Feile" tritt Proff auf. In Gestalt seines Alter ego gerät der Autor langsam aber sicher vom Rand her ins Zentrum des Geschehens, lotet er seinen eigenen Standpunkt aus. In einem Akt spontaner Gewalt beginnt Proff, sich bei Filmaufnahmen in Mexiko gegen die Herrschaft und Unterdrückung zu wehren und gerät in die Mühlen amerikanischer Agenten. Als er später nach Hamburg zurückkehrt, ist auch er erst einmal stumm.

Die Frage nach der Berechtigung von politischer Gewalt stellt sich Christian Geissler im Folgenden nicht, weil die Gewalt war ja schon da ist - auf Seiten des Eigentums, der Kriegstreiber, der modernen Kolonialisten. Für ihn ist nur bedeutsam, wie man sich gegen diese Gewalt wehren kann - und welche Rolle die eigene Gewalt dabei notfalls spielt.

In dem Roman "kamalatta", der 1988 erscheint und die Arbeit der RAF ins Zentrum rückt, spitzt Geissler diese Frage zu, radikalisiert sich auch seine Sprache. Sie wird freier, assoziativer, stärker vom Rhythmus getragen und mit der Sprache der "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss verglichen: eine Sprache des Diskurses, die den Leser in die Konflikte hinein zwingt. Er zeigt die Arbeit von alten und jungen Kommunisten, die Bedingungen des illegalen Lebens im Untergrund, den Knast und die Vorbereitung eines Anschlags. Anstoß für Proff, seine Sprache wiederzufinden und sich der Gruppe anzuschließen, ist die Befreiung Andreas Baaders aus der Haft:

"mensch guck dir das an, in berlin haben sie gestern einen rausgeschossen aus all dem knast und gesetze, beim bücherlesen, weil wissen ist macht, na bitte, das fühlt sich gut an, ogottmann, wie sich das fühlt. verlodern der brücken das mein sprung.
wer war das. ich denk du bist stumm.
stumm auf die dauer macht dumm.
mach kein gedicht, mein freund. du stehst hier noch immer im regen. und nachts. und gesprungen sind die. und wir nicht."

Proff will auch springen. Mit einem Schlag will Proff den Feind enthaupten. Unter dem Deckmantel seiner journalistischen Arbeit bereitet er einen Anschlag auf die Militärakademie in Bad Tölz vor: Gewalt gegen Gewalt. Tote gegen Tote. Ein blutiger Krieg nicht in fernen Landen, sondern im Zentrum der Herrschaft. Ein Plan, der erschrecken muß, und doch einer, der seine Wurzeln in der Übermacht des Gegners hat, in politischer Einschätzung und persönlicher Erfahrung.

"so kann, was in allen deutschen ausgaben, die ich kenne, heißt: der schlaf der vernunft weckt ungeheuer - auch heißen: der traum von der vernunft weckt ungeheuer", stellt Christian Geissler im November 1990 in Anspielung auf Francesco de Goya fest: "aus der französischen revolution und den ersten jahren der spanischen guerilla-kämpfe gegen napoleons besatzungstruppen hatte goya anlaß für beide gedankengänge.
und wir, hier heute, aus unserer neuesten geschichte auch." Nach den Erfahrungen der Stalinismus und nach dem sinnlosen Töten der RAF mahnt Geissler: "wir haben nie wieder den traum von unserer befreiung zu träumen, ohne die ungeheuer auch.
aber desweiteren nie haben wir die ungeheuer zu nennen, ohne den traum von unserer befreiung auch. nein. wir sind nicht zu retten.
aber wehe denen, die aufhören, unsere rettung zu suchen, an ihr zu arbeiten, um sie zu kämpfen. (...) es bleibt der schmerz."

Nach der historischen Niederlage der Linken bezeichnet sich Geissler nach wie vor als Kommunist. Die Erfahrung der Ohnmacht, die zusammenfällt mit dem Altern, bedroht ihn existentiell. "In manchen Märchen helfen Tiere den Menschen voran, auf Wolken durch einen Tunnel über den See", erzählt er in "Wildwechsel mit Gleisanschluß", "es ist aufgepaßt worden, es wird geplaudert." Die existentielle Gefahr des Verstummens und das Ringen um Worte sprechen dagegen aus den jüngsten Texten Geisslers, hinterlassen ihre Spuren in der Bearbeitung des Materials: "Wir haben fast keine Sprache", heißt es im Anschluß an die zitierte Stelle, ein andermal: "Jemand könnte mir einen Stein hinlegen und sagen, davor erfinde Worte. Ich habe keine Worte." Und jetzt also "Klopfzeichen" als Ausdruck des Widerstands, des nicht Aufgebens:

"der schwarze hut
die wolke weiß
das grauen
alt
das trauert
licht
woher das licht?
ist arbeit."

Andere Texte kreisen, wie schon "Wildwechsel mit Gleisanschluß", um den Mord an den polnischen Juden, um die Hatz auf Terroristen noch heute (Bad Kleinen), tasten sich heran an Alter und Tod, an letzte Erfahrungen. Eine Homage ans Rheiderland findet sich in dem Bändchen genauso wie die Zyklen "Nachtschatten", "Meine Schwester ist gestorben", "böses geflüster" oder "nashornlieder":

"das auge hell
die waffe frei auf der nasen
der tanz geht schnell
so oft sie zum angriff blasen".

"Ich werde demnächst siebzig", erklärt er Geissler: "Das ist eine ungünstige Kombination. Die einen, die ich immer noch zu Recht die Schweine nenne, siegen in einem Moment, wo ich selber ein alter Mann geworden bin. Die können mich nicht fertigmachen, aber diese Kombination verschärft die Ohnmachtserfahrung natürlich. Aber ich bin noch nicht am Ende. Ich arbeite ja am nächsten Buch."


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