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"... und nichts als nur Verzweiflung kann uns retten"
- Über Christian Dietrich Grabbe

Musik:
Akzent

Gothland:
(Leise:) Ei, darf der Hund in seine Kette beißen,
So darf es auch der Mensch! (Sehr laut:) Ja, Gott
Ist boshaft, und Verzweiflung ist
Der wahre Gottesdienst!

Ansage:
... und nichts als nur Verzweiflung kann uns retten!
Über Christian Dietrich Grabbe - Feature von Detlef Grumbach

Musik:
Burgmüller

Grabbe:
Bester Freund!
(...) Was ich treibe? Wo ich bin? Was ect? (...) ICH und JETZT, ein Fisch im Morast, der noch nicht stirbt, sondern sich durchdrängt.

Erzählerin:
Am 4. Mai 1827 antwortet Christian Dietrich Grabbe auf einen Brief seines Studienfreundes Kettembeil. Der Brief hat ihn in seiner Geburtsstadt Lippe-Detmold erreicht und kommt ihm wie "eine Stimme in der Wüste" vor. Grabbe ist gerade sechsundzwanzig Jahre alt - und sein Lebensgefühl hat einen Tiefpunkt erreicht.

Grabbe:
Ich stehe erträglich und verdiene auch erträglich - aber ich bin nicht glücklich, werde es wohl auch nie wieder sein. Ich glaube, hoffe, wünsche, liebe, achte, hasse n i c h t s, sondern verachte nur noch immer das G e m e i n e; ich bin mir selbst so gleichgültig, wie es mir ein Dritter ist;

Erzählerin:
Als Sohn des Zuchtmeisters Adolph Henrich Grabbe und seiner Frau Dorothea war er 1801 in der bäuerlichen Residenz eines der kleinsten der deutschen Fürstentümer geboren. In fast plebejischen Verhältnissen aufgewachsen, hat er mit neunzehn Jahren die Heimat verlassen, in Leipzig und Berlin Geschichte und Recht studiert, seine ersten Dramen geschrieben und sich ein Leben im Glanz von Erfolg und Ruhm erträumt.

Grabbe:
Ich lese tausend Bücher, aber keines zieht mich an; Ruhm und Ehre sind Sterne, derenthalben ich nicht einmal aufblicke; ich bin überzeugt, alles zu können, was ich will, aber auch der Wille erscheint mir so erbärmlich, daß ich ihn nicht bemühe; ich glaube, ich habe so ziemlich die Tiefen des Lebens, der Wissenschaft, und der Kunst genossen (...). Meine jahrelange Operation, den Verstand als Scheidewasser auf mein Gefühl zu gießen, scheint ihrem Ende zu nahen: der Verstand ist ausgegossen und das Gefühl zertrümmert.

Erzählerin:
Als gebrochener Mensch kehrt er 1823 nach Detmold zurück. Statt ein großer Künstler zu werden, muß er notgedrungen sein juristisches Examen ablegen und kann froh sein, als Advokat und Militärrichter am lippischen Hof unterzukommen. Alkoholische Exzesse und Skandale begleiten seine Arbeit, die er - nüchtern - zunächst allerdings zur vollsten Zufriedenheit ausführt. Und plötzlich dieser Brief von Kettembeil. Der Freund hat die Verlags-Buchhandlung seines Vaters übernommen und will Grabbes frühe Dramen drucken, die er aus gemeinsamen Leipziger Tagen kennt - Herzog Theodor von Gothland, das monströse und blutrünstige Erstlingswerk, in dem Grabbe den Idealen der Aufklärung und der Klassik zu Leibe rückt, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung, die Komödie, in der ein leibhaftiger Teufel auf der Erde wandelt und sich als Kirchenmann ausgibt - Himmel und Hölle, sind sie nicht austauschbar? Und Nanette und Maria, ein Stück, das scheinbar in der Tradition romantischer Rührstücke beginnt, die Idylle dann jedoch um so wirkungsvoller zerstört.

Grabbe:
Der Mensch ist in facto nichts; er ist nur Erinnerung oder Hoffnung, was man Gegenwart nennt, ist ein häßliches Ding, und kaum kann man es bemerken. Meine Seele ist tot, was jetzt noch unter meinem Namen auf der Erde sich hinschleift, ist ein Grabstein, an welchem Tag für Tag weiter an der Grabschrift gehauen wird; Dein Brief kommt auch darauf.

Erzähler:
Grabbes Briefe - wie auch die meisten seiner Dramen - zeigen ein maßloses Genie, daß - wenn nicht die Welt, so wenigstens die Literatur verändern will - einen scheiternde Helden im Untergang: Ideale, Träume, Zukunftspläne zerplatzen wie Seifenblasen an der Macht des Schicksals, an ganz profanen Zufällen oder erweisen sich als hohle Phrasen von Anfang an. Was bleibt, ist eine zerrissene Seele, eine abgrundtiefe Enttäuschung und ein irrwitziges "Lachen der Verzweiflung". Vom "einsamen Sonderling" ist im Zusammenhang mit Grabbe genauso die Rede wie vom "dramatischen Revolutionär". Heinrich Heine schreibt in seinen Memoiren:

Heine:
All seine Vorzüge sind verdunkelt durch eine Geschmacklosigkeit, einen Cynismus und eine Ausgelassenheit, die das Tollste und Abscheulichste überbieten, das je ein Gehirn zu Tage gefördert. Es ist aber nicht Krankheit, etwa Fieber oder Blödsinn, was dergleichen hervorbrachte, sondern eine geistige Intoxikation des Genies. Wie Plato den Diogenes sehr treffend einen wahnsinnigen Sokrates nannte, so könnte man unsern Grabbe leider mit doppeltem Rechte einen betrunkenen Shakespeare nennen.

Bobrowski:
Warum säufst du soviel? -

Erzähler:
fragt hundert Jahre später Johannes Bobrowski -

Bobrowski:
Nun sag bloß: wie ich zu der Frage komme! Ich weiß doch, wie das zugeht, wenn man andre sieht, so wie sich selber: fortgehn und wiederkehren und fragen, Antworten finden - - Der Held so wie wir selber: ein Wort.

Erzähler:
Grabbes Leben, sein Werk - und seine erschütternden Briefe: überhöht und stilisiert sich der Dichter in diesen persönlichen Zeugnissen, schreibt er hier an einem Opus, in dem er selbst die Hauptrolle spielt? Lothar Ehrlich, der Grabbe in der DDR bekannt gemacht, eine Biographie des Dichters vorgelegt und 1995 eine Ausgabe seiner Briefe herausgegeben hat, will es so einfach nicht sehen.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Also ich meine schon, daß manche Briefe Grabbes von Selbstinszenierung oder von Elementen einer Selbstinszenierung geprägt sind, aber ich meine vor allem und zunächst, daß die meisten Briefe tatsächlich sehr individuell und sehr subjektiv und sehr ernst gemeint und sehr ehrliche Zeugnisse seines Lebens sind. (26'')

Grabbe:
Und bei all dem, Kettembeil, sind Wir im Benehmen noch immer ganz der Alte; ja Wir hoffen zwar nicht, aber erwarten doch ruhig, ob nicht die geistige Harmonie einmal bei uns möglich werden könne. Wir ertragen gnädigst Uns (den Mr. Christian) selbst.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Das schließt nicht aus, wie in den Werken, daß es Partien gibt, wo das deutlich wird, was für Grabbe eben typisch war: einerseits die Neigung, bis zur tiefen Verzweiflung zu gehen, und andererseits aber auch sich in dieser Verzweiflung nach dem Vorbild von Lord Byron zu gefallen und mit dieser Verzweiflung, mit diesem Leiden zugleich auch spielerisch umzugehen und sich selbst zu inszenieren. Das heißt, die Voraussetzung für all diese Briefe ist schon ein völlig desillusioniertes, nihilistisches Weltverständnis, Weltgefühl, mit dem er dann, um überhaupt mit dieser Aussichtslosigkeit und dieser Ohnmacht umgehen zu können, über Strecken hinweg auch spielt und in diesem Spiel ein partieller Sinn entsteht. (1')

Musik:
Akzent

Gothland:
Die Erde ist von heilgem Blut gerötet
Und ein geschminkter Tiger ist der Mensch!
Weh! Weh! zu welchem Ziele wird dies führen?
Ich bete! Höret mich ihr obern Mächte!
Höret mich, den Wurm, dem man sein einzig Gut
Will rauben! Nehmt Gesundheit mir und Habe, - doch
Den Glauben an die Menschheit, diesen Trost
Des Menschen in den Nöten, ohne den
Es keine Liebe, ewgen Haß nur gibt,
Der mich vertrauen lehret auf mich selbst,
Der mich beglückt, wenn ich mein Weib
Umfasse, der den Menschen menschlich macht,
Den Glauben an die Menschheit raubt mir nicht!

Erzähler:
Herzog Theodor von Gothland. Zu Beginn dieses ersten Stückes, das Grabbe im Alter von einundzwanzig Jahren vollendet, vertritt der schwedische Herzog noch die großen, europäischen Ideale der Menschheit, glaubt er noch, durch die historische Tat die Welt zum Besseren führen, dem Fortschritt bahnbrechen zu können. Im Konflikt mit Berdoa, dem schwarzen Heerführer der Finnen, dem Neger, der sich mit Lüge und zerstörerischer List in sein Vertrauen schleicht, geht die Welt Gothlands jedoch unter.

Gothland:
Der Mensch erklärt das Gute sich hinein,
Wenn er die Weltgeschichte liest, weil er
Zu feig ist, ihre grause Wahrheit kühn
Sich selber zu gestehn! (...)
Der Mensch
Trägt Adler in dem Haupte
Und steckt mit seinen Füßen noch im Kote!
Wer war so toll, daß er ihn schuf?

Erzähler:
Jeder kämpft gegen jeden, aus Brudermord wächst Völkermord, ganze Heere werden auf der Bühne in die Schlacht geführt. Am Ende des Stückes steht das Szenario einer totalen Apokalypse. Dem Glauben an die Höherentwicklung der Menschheit setzt Grabbe die Zerstörung entgegen und stellt damit das idealistische Fortschrittskonzept der Aufklärung und der Klassik auf den Kopf. Goethe erhebt seine Iphigenie aus dem Chaos von Bruder-, Vater- und Kindermord. Durch Wahrheit, Offenheit und Menschlichkeit bekommt sie die Chance, ins Reich der Ideale aufzubrechen.

Orest:
Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm,
Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele
Beschämt, und reines kindliches Vertrauen
Zu einem edlen Manne wird belohnt.

Erzähler:
Mit diesen demütigen Worten besiegelt Goethes Orest den Aufbruch in die Zukunft. Doch was ist aus den Idealen des aufbrechenden Bürgertums inzwischen geworden? Die Französische Revolution ist im Blut erstickt, Napoleon hat sich zum Herrscher über Europa aufgeschwungen. Die Völker Europas und auch begeisterte Anhänger der Revolution wenden sich gegen die Franzosen. Fichtes "Reden an die deutsche Nation" zeugen genauso davon wie Kleists Drama Die Hermannsschlacht oder sein Katechismus der Deutschen. "Was hältst Du von Napoleon?" - lautet eine der Fragen, und die Antwort:

Kleist:
Für einen verabscheuungswürdigen Menschen; für den Anfang alles Bösen und das Ende alles Guten; für einen Sünder, den anzuklagen, die Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst, am jüngsten Tag, der Odem vergehen wird.

Erzähler:
Und unter welchen Umständen darf man dennoch seine Leistungen bewundern?

Kleist:
Wenn er vernichtet ist.

Erzähler:
Mit dem Ende der Befreiungskriege, dem Wiener Kongreß und der Gründungsakte des Deutschen Bund wurde nicht nur die französische Fremdherrschaft beendet. Zugleich wurden auch die Ideen des deutschen Bürgertums auf dem Altar der Restauration geopfert. Die Gewalt auf der Bühne spiegelt die Gewalt auf den Schlachtfeldern der Geschichte. Im Zerrspiegel der Stücke Grabbes erkennen wir das Wesen einer Übergangsepoche, in der nichts mehr Gültigkeit hat. In ihrer Bodenlosigkeit irrlichtern seine Figuren in unsere Gegenwart. Lothar Ehrlich:

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Er war sicher kein systematisch-spekulativer Kopf, kein Intellektueller, der sehr bewußt und sehr ordentlich, sehr philosophisch fundiert mit den geschichtlichen Prozessen sich auseinandergesetzt hat, sie analysiert hat und versucht hat, sie in einem bestimmten Konzept zu sehen. Er war mehr der Kopf, der höchst sensibel und in sich zerrissen Symptome, krisenhafte Symptome seiner Zeit, ergriff, klar ergriff und gestaltete. Und dies ist, glaube ich, seine besondere Leistung. (40'')

Erzählerin:
In der Provinzialität der lippischen Residenz, in der das geistige Leben durch gesellige Abende und Kartenspiel in der Ressource ersetzt war, mußte Grabbe den Stillstand der Zeit und die Perspektivlosigkeit der Geschichte besonders stark empfinden. Noch in Detmold hat er seinen Gothland begonnen. Kein Historiendrama, wie später sein Marius und Sulla, die Hohenstauffen-Dramen oder Napoleon oder die hundert Tage, wie der Hannibal oder Die Hermannsschlacht. Frei von geschichtlichen Tatsachen und frei von überlieferten Dramenformen, in loser Szenenfolge, mit gewagten Sprüngen in Ort und Zeit, entfaltete er den sinnlosen Kampf jedes gegen jeden.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Hier liegt ja auch ein großer Fortschritt seiner Dramen- und Theaterästhetik, daß er sich löst von dem autonomen Kunstverständnis der Weimarer Klassik. Dennoch bin ich vor allem der Meinung, daß Grabbe sehr gezielt, sehr bewußt auf die entscheidenden eben neuralgischen Punkte der Existenz, seiner Existenz zunächst in Lippe-Detmold, im restaurativen Deutschland, aber darüberhinaus in der deutschen Provinz als Metapher für deutsche Befindlichkeit, für deutsche Geschichte erfaßt. (43'')



Grabbe:
Haß auf die detmoldischen kleinlichen Umgebungen a priori und doch jedem schmeichelnd

Erzählerin:
- auf diesen Satz läuft alles hinaus, was er über seine Heimatstadt formuliert. Schon für den Heranwachsenden hat nur ein Fluchtweg aus der Misere offengestanden: der Weg in die Welt der Literatur.

Musik:
Burgmüller

Grabbe:
Liebe Eltern!
Schnell ergreife ich die Feder, da ich höre, daß mein Vater mit mir nach Meinberg will!
Ich habe einen heftigsten Wunsch, Wunsch sage ich, die heftigste Begierde, die größte Leidenschaft, nach einem Buche. Aber ach alle meine Wünsche scheitern, meine Ruhe ist dahin auf lange lange Zeit, es ist - es ist ---- ich bin verwirrt, ich vermag es nicht zu schreiben es ist --- o Gott --- zu theuer.

Erzählerin:
Zwischen banger Hoffnung und schierer Verzweiflung schwankend bettelt der Zwölfjährige um Bücher: Reisebeschreibungen, Geographie, Geschichte, aber auch Schiller, Shakespeare und die Historiendramen seiner Zeit. Ins Unmäßige wachsen die Träume, was er selbst einmal auf dem Gebiet der Literatur leisten will. Mit sechzehn hat er sein erstes, jedoch nicht erhaltenes Stück geschrieben und schickt es an Georg Joachim Göschen in Leipzig, den berühmten Verleger Schillers. Die Wünsche, der Enge zu entfliehen, die Sehnsucht nach dem Erfolg werden übermächtig - und bleiben erfolglos. Als er endlich in Leipzig und Berlin studiert und direkten Anschluß an das geistige Leben findet, kommt er fast schon wieder zu spät.

Erzähler:
Gerade an den Hochschulen sammelte sich der Teil der deutschen Jugend, der für die Einheit der Nation, Freiheit und Gleichheit und eine neue, demokratische Ordnung eintrat. Auf solche Bestrebungen, die auch schon auf dem Wartburgfest formuliert wurden, reagierte der Deutsche Bund mit Repression. Die Karlsbader Beschlüsse vom September 1819 verboten die Burschenschaften, regelten die Überwachung der Universitäten, stellten die Presse unter Zensur und setzten eine Untersuchungskommission ein, um - so wörtlich - "revolutionäre Umtriebe und demagogische Verbindungen" aufzuhellen.

Erzählerin:
Im Vergleich zu seiner Situation in Detmold erlebt Grabbe seine neue Umgebung jedoch als Befreiung. Er atmet tief durch, läßt sich auf das großstädtische Leben ein, studiert wenig und trinkt viel, schreibt vor allem an seinem Herzog Theodor von Gothland.

Musik:
Akzent

Berdoa:
(...) Mitternacht? So ist
Die düstre Stunde wieder da, worin
Ich mein Gelübd erneuere. - -
Der Glanz
Des Mondes und der Sterne ist erloschen
Und Finsternis bedeckt die weiten Räume,
Als hätte sich der Satan aufgerichtet
Und würfe seinen Schatten durch das All! -
Nie will ich mich erfreun, nie will ich lachen,
Als wenn ich Europäer leiden sehe!

Erzähler:
Berdoa, der schwarze Gegenspieler des Herzogs von Gothland ist aus der Sklaverei zum Heerführer der Finnen emporgestiegen. "Finnland und Schweden können b e i d e nicht bestehn", verkündet er im ersten Akt sein Credo, "So soll denn eins von beiden untergehen." Berdoa verkörpert das Schwarze, Böse, Teuflische und erinnert stark an den Schwarzen Aaron, der in Shakespeares Drama Titus Andronicus auf hinterlistige Weise Zwietracht säht. Da er militärisch nicht siegen kann, schleicht Berdoa sich in Gothlands Vertrauen. Er zerstört das Wertgefüge dieses Idealisten von Innen, treibt ihn zum Brudermord, macht ihn zum Todfeind seines eigenen Volkes. Erstaunlich ist nur, wie schnell das geht, wie anfällig der edle Herzog Gothland für die Intrigen des verhaßten Gegners ist.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Sicher ist es so, daß diese bösen Züge in den Figuren des Gothland Teil der Figuren von Anfang an sind, meines Erachtens. Das ist das eine. Und das zweite ist, glaube ich, daß diese Werte, die der junge Grabbe als Zitate, als klassische Zitate in diesem Stück transportiert, daß er diese Zitate als Signale des deutschen Humanismus, der deutschen Humanität in der Aufklärungs- und in der Klassik-Epoche benutzt. Und daß er mit ihnen umgeht und daß er zeigen will, inwieweit diese Wertvorstellungen der europäischen Aufklärung, der Weimarer Klassik, inwieweit diese Wertvorstellungen tatsächlich in der Geschichte durchgesetzt werden können. Oder ob es nicht vielleicht so etwas gibt wie eine Zwangsläufigkeit in der Entfaltung der Individuen in diesem Stück, daß sie, selbst wenn sie etwas Gutes wollten oder auch partiell taten, sie dann durch den Gang dieser unmenschlichen Geschichte selbst unmenschlich handeln müssen, um fortexistieren zu können. (1')

Erzähler:
So, wie die Führer der Französischen Revolution - und später auch die der sozialistischen - in der Barbarei versanken? Ein Sinn, ein historisches Ziel oder eine Perspektive ist im Gemetzel auf der Bühne nicht erkennbar. "Gerechtigkeit und wenn der Weltbau bricht!" - schon am Ende des ersten Akts treiben Gothlands Ideale ihn zu selbstzerstörerischer Rigorosität. Niedere Rachegelüste werden zum Motor der Handlung. "Weil es verderben soll, ist das Erschaffene erschaffen!" - wiederholt Gothland gleich dreimal im zentralen Dialog mit seinem Gegenspieler im dritten Akt. Hat in Shakespeares Titus Andronicus nach Mord und Totschlag letztlich das Gute noch eine Chance, geht Aaron - zwar ohne Reue - in den Tod, steht am Ende von Grabbes Gothland weder eine Katharsis noch glänzt ein Silberstreif am Horizont. Das Böse erweist sich als Zerrspiegel, als historisches Produkt des scheinbar Guten. Berdoa ist zum Bösen gemacht worden - durch die Europäer, die ihre menschlichen Ideale nur für ihresgleichen reklamieren und den schwarzen Sklaven erniedrigt und beleidigt haben.

Musik:
Akzent

Berdoa:
Ich bat, ich schrie, ich wimmerte
Um Menschlichkeit! Umsonst! Ich wand mich vor
Dem Abschaum unseres Geschlechts im Staube, rief:
Erbarmet Euch! ich bin ein Mensch! "Du wärst
Ein Mensch?" (hohnlachten sie mich an) "du bist nur
Ein Neger!" und wütger als zuvor
Verdoppelten sie meine Qual! (...)
Die Weißen haben mich für keinen Menschen
Erkannt, sie haben mich behandelt, wie
Ein wildes Tier; wohlan, so sei's denn so!
Ich will 'ne Bestie sein!

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Insofern ist Berdoa ein vorweggenommener, in der dramatischen Handlung vorweggenommener, in der dramatischen Vorzeit schon strukturierter Gothland. Berdoa der Vor-Fabel hat aufgrund seiner Erfahrungen sich zu dieser Bestie entwickelt und Gothland wird es auch tun, so daß also hier zwei Vorgänge, einer vor der dramatischen Zeit und einer während der dramatischen Zeit liegende, parallelisiert werden und dadurch wird meines Erachtens die Grundaussage des Stückes auch noch zusätzlich gedoppelt, daß aus diesem unentrinnbaren Kreislauf, in dem nur Antihumanistisches hervorgeht, daß in diesem ewigen Kreislauf der Geschichte möglicherweise - so die Annahme des jungen Grabbe, später die Bestätigung in den anderen Werken - es mit der Humanität insgesamt schlecht bestellt ist. (1'07'')

Erzähler:
Ludwig Tieck, dem Grabbe das Manuskript nach Vollendung zugesandt hat, spart nicht mit Kritik und äußert sich doch voller Achtung.

Tieck:
Ich bin einigemal auf Stellen geraten, die ich groß nennen möchte, Verse in denen wahre Dichterkraft hervorleuchtet. Auch ist Ihr Stück so wenig süßlich sentimental, unbestimmt und anderen nachgeahmt, daß es gewissermaßen zum Erschrecken sich ganz einzeln stellt, im Entsetzlichen, Grausamen und Zynischen sich gefällt und dadurch nicht allein jene weichlichen Gefühle ironisiert, sondern zugleich alles Gefühl und Leben des Schauspiels, ja selbst diesen Zynismus zerstört. (...) Ihr Werk hat mich angezogen, sehr interessiert, abgestoßen, erschreckt und meine große Teilnahme für den Autor gewonnen, von dem ich überzeugt bin, daß er etwas viel besseres liefern kann.

Musik:
Burgmüller

Grabbe:
Liebe Eltern!
Für mein künftiges Unterkommen bin ich, so Gott will, nicht bange, und ich hoffe, daß ich es in Detmold nie zu suchen brauche; vielleicht bin ich schon in einem halben Jahr am Ziele. (...)

Erzählerin:
Kaum der Enge der Residenz entkommen, kann Grabbe es sich nicht mehr vorstellen, je nach Detmold zurückzukehren, es sei denn, zu Besuch. Dem Herzog Theodor von Gothland folgt das Lustspiel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Die Eltern, die - keineswegs wohlhabend - ihre letzten Geldreserven für das Studium des Sohnes opfern, machen sich Sorgen. "Du versäumest mit Deinem Lustspiel Deine anderen Sachen doch nicht", mahnen sie vorsichtig die Fortsetzung des Studiums an: "Wir fordern von Dir ja noch nichts." Grabbe antwortet:

Grabbe:
Theure Eltern!
(...) Jetzt ist mir wirklich von einem Buchhändler für mein Lustspiel Geld angeboten worden; Weil es aber nur ein Louisd'or für den Bogen war, so habe ich es ausgeschlagen. (...) Noch nie bin ich so anerkannt worden als wie jetzt; in einer beschränckten, kleinen Stadt wie Detmold können mich die Leute nicht begreifen, und ich muß darin verkümmern wie welkes Laub; hier haben meine Bekannten Nachsicht mit meinen Fehlern, weil sie einsehen, daß dieselben aus meinen Vorzügen entspringen. Ein hiesiger Schriftsteller hat von mir gesagt: ich wäre ein Mensch, den man erst nach Jahrhunderten verstehen würde. Darum werde ich aber nicht hochmüthig, denn ich kenne meine Schwächen nur zu gut.

Erzählerin:
Bessere Angebote bekommt der von seiner Genialität so überschwenglich überzeugte Dichter jedoch nicht, und die Anerkennung in seinem Berliner Kreis, in dem er auch Heine kennenlernte, der bloße Umstand, daß Ludwig Tieck ihm geantwortet hatte, bleiben folgenlos. Grabbe schreibt mehrere Bittbriefe an den einflußreichen Kollegen, dieser vermittelt sogar Kontakte, doch es nützt nichts. Ohne Geld, völlig gebrochen, kehrt Grabbe im Sommer 1823 nach Detmold zurück.

Grabbe:
Mich ergriff's wie ein Krampf, als ich über die schwärzlichen Berge meiner Heimath, dem traurigen Widersehen entgegen klettern mußte. Doch genug von allem, - ich habe kein Recht, Sie an meiner Lage Theil nehmen zu lassen, - sie ist zu abscheulich.

Erzählerin:
- schreibt er am 29. August 1823 an den "Hochwohlgeborenen Herrn" Tieck, an den "Verehrtesten Herrn Geheimrath":

Grabbe:
So schlich ich mich Nachts um 11 Uhr in das verwünschte Detmold ein, weckte meine Eltern aus dem Schlafe, und ward von ihnen, denen ich ihr ganzes kleines Vermögen weggesogen, die ich so oft mit leeren Hoffnungen getäuscht, die meinetwegen von der halben Stadt verspottet werden, mit Freudenthränen empfangen. Ja, ich mußte mich noch obendrein mit der plumpsten Grobheit waffnen, weil ich sonst in das heftigste Weinen ausgebrochen wäre und eine ifflandische Scene aufgeführt hätte. - Nun sitze ich hier in einer engen Kammer, ziehe die Gardienen vor, damit mich die Nachbarn nicht sehn, und weiß keinen Menschen in den gesammten lippischen Landen, denen ich mich deutlich machen könnte. (...) Mein Malheur besteht einzig darin, daß ich in keiner größeren Stadt, sondern in einer Gegend geboren bin, wo man einen gebildeten Menschen für einen verschlechterten Mastochsen hält.

Erzähler:
Der emphatische Aufbruch und die Bruchlandung in der provinzielle Enge, eine historische Situation, in der all die progressiven Ideen der Zeit keine Entsprechung mehr in der Realität hatten, in der sie - schlimmer - von ihren Sachwaltern verraten worden waren - eine solche Konstellation hat Grabbe auch für die DDR interessant gemacht. Salonfähig wurde er zunächst als Wegbereiter eines neuen, revolutionären historischen Dramas, in einer Linie von Lenz über Büchner bis hin zu Brecht und Heiner Müller. Der subversive Stachel und vor allem sein monströse Frühwerk wurden zunächst jedoch kaum beachtet.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Es wurde ja offiziell immer noch an diesem Vermächtnis der Weimarer Klassik festgehalten und an diesem Versuch, aus der Weimarer Klassik heraus, aus Goethe heraus, aus diesem Humansimus der Weimarer Klassik heraus einen sozialistischen Humanismus abzuleiten. Dies war ja eine Grundposition, und die stand immer im Widerspruch zu diesem höchst krisenhaften Bewußtsein, das beispielsweise durch den frühen Grabbe thematisiert wurde. (34'')

Erzähler:
Herzog Theodor von Gothland - dieses Stück setzt sich mit den Erfahrungen der Restaurationszeit, dem geplatzten Wechsel des klassischen Fortschrittsideals auseinander. Markiert Goethes Tod das Ende der Klassik und der Kunstperiode, so kann man Grabbes Gothland als ihren vorweggenommenen Nekrolog betrachten. Gleichermaßen trifft das Stück aber auch den vom idealistischen Kopf auf die materialistischen Füße gestellten Geschichtsoptimismus des Marxismus, die Grundfeste des realexistierenden Sozialismus. 1984 brachte Alexander Lang den Gothland in einer Doppelinszenierung zusammen mit Goethes Iphigenie auf die Bühne des Deutschen Theaters: das Spannungsverhältnis zwischen vorrevolutionärer Hoffnung und nachrevolutionärer Enttäuschung.



Erzähler:
1986 finden aus Anlaß des 150sten Todestags des Dichters Grabbe-Tage in Detmold statt. Auch hier diskutiert man die Aktualität seines Werkes. Der Paderborner Literaturwissenschaftler Raimar S. Zons nimmt Grabbe vor dem Vorwurf des Nihilismus in Schutz und bezeichnet ihn als "enttäuschten Idealisten" - enttäuscht über die "uneingelösten Versprechen der klassischen Periode". Vor anderem gesellschaftlichen Hintergrund liegt der Reiz, der von Grabbes Werk ausgeht, auch für Zons in seiner Destruktivkraft. Diese, so betont Zons jedoch ausdrücklich- "lebt aus dem Wunsch nach Rettung!"

Musik:
Burgmüller

Grabbe:
In diesem Detmold, wo ich abgeschnitten von aller Litteratur, Phantasie, Freunden und Vernunft bin, stehe ich (Dir in's Ohr gesagt) am Rande des Verderbens. Ich muß fort (...) und ich muß emporkommen, muß, werde und soll emporkommen, wenn ich nur am Leben bleibe.

Erzählerin:
Verzweiflung und Resignation befallen Grabbe in seinem, wie er schreibt, "Geburtsneste, wo man die Litteratur nur vom Hörensagen kennt". Er legt sein juristisches Examen ab, wird als Advokat zugelassen, bemüht sich vergeblich um verschiedene Anstellungen in der Verwaltung und tritt schließlich als Auditeur, als Militärrichter, in den Dienst des lippischen Fürsten. All die Jahre schreibt er nichts. Nicht gerade in ifflandischen Szenen der Empfindsamkeit, doch beinahe so, führt Grabbe ein Leben, das er stets gefürchtet hat: zwar immer an der Grenze zum Skandal und diese mehr als einmal überschreitend, doch immerhin in bürgerlich-situierten Verhältnissen.

Grabbe:
Bester Freund!
Vergessen konnte ich Dich nie und bin sehr erfreut, daß Du an mich selbst mitten in Deinem Glück (zu dem ich gratulire) gedenkst.

Erzählerin:
Erst der Brief von seinem Frend Kettembeil - im Frühjahr 1827 - weckt wieder Grabbes literarischen Lebensgeister. Angriffslustig spottet er über jene Trivialdramatik, die die Bühnen beherrscht und nichts anderes tut, als zu kopieren: Shakespeare, die Romantik, Schicksals- und Schauerdramen. Besonders auf Friedrich von Uechtriz, einen alten Bekannten aus Berlin, hat er es abgesehen - und umreißt damit zugleich die Bedingungen seines eigenen Scheiterns.

Grabbe:
Denk Dir, Uechtriz mit den ausgetrockneten Haaren, er, der mich in Briefen, die ich noch von ihm bei mir liegen habe, so hoch über sich selbst erhebt, er, dessen Autorität ich bloß durch mein Erscheinen in seinem Berliner Zirkel vernichtete, er, der Poesieentblößte, soll ein Trauerspiel (...) mit Beifall auf der Berliner Bühne aufgeführt haben, und dieses Ding soll genial sein. Die Sonne muß eine Brille aufsetzen, wenn sie im Uechtriz eine Spur Genialität erblicken will. (...) - Wie kann ich in arte existieren, wenn ein Uechtriz Beifall findet?

Erzählerin:
Mit Elan macht er sich an die Herausgabe seiner Dramen, die er nun mittlerweile vor vier bis fünf Jahren abgeschlossen hatte. In aller Eile schreibt er - als eine Art Vorwort - eine kleine Abhandlung Über die Shakespearo-Manie:

Grabbe:
Merkwürdig genug hat ohngefähr mit der Zeit der Französischen Revolution die deutsche Literatur ihr Zenith erreicht, und vieles, was man bisher in deutscher Kunst vom Shakespeare herdatirt, läßt sich richtiger aus der Entwicklung des damaligen revolutionären Zeitgeistes erklären.

Erzähler:
Krass und deutlich gegen Tieck gerichtet, zieht er gegen die Epigonen, gegen die Goethe-Verehrer und die romantische Schule zu Felde:

Grabbe:
Vieles, sehr Vieles, was sich sonst wohl selbstständig und herrlich entfaltet hätte, ist seitdem im Shakespearischen Streben untergegangen.
Es ward unter den Schriftstellern (nicht unter dem Volke) beinah Mode, etwas spöttisch auf Schiller hinabzusehen, man warf ihm nicht undeutlich eine bornirte Subjectivität vor, und als Schiller gestorben war, Goethe wenig mehr schrieb, Kotzebue nach Rußland flüchtete, herrschten die Romantiker ohne Hinderniß.
Die Napoleonische Zwangsherrschaft trat ein: da die Deutschen im Leben nichts mehr von Freiheit besaßen, suchten sie dieselbe in der K u n s t, (...) - aus der trüben Gegenwart flüchtete man in das Mittelalter, zu dem leuchtenden Throne der Hohenstaufen, - und wer weiß, ob nicht (...) etwas Eigenthümliches Vollkräftiges auch in der Kunst hervorgegangen wäre, wenn nicht abermals all und überall der Shakspeare als höchstes poetisches Kriterium hätte gelten müssen.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Den frühen Grabbe stelle ich mir vor als einen hochtalentierten, hochambitionierten, in die Welt aufbrechenden Dramatiker, der versucht, über das, was er, wie er meint, am besten kann, nämlich Theaterstücke wie Shakespeare zu schreiben, versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben und zugleich durch seine Veranlagung in dieser Zeit schon höchst gespalten ist und höchst geprägt ist durch das, was wir im Gothland erlebt haben, durch dieses tragische Lebensgefühl, was ihn das ganze Leben über nicht wieder verlassen soll.(45'')

Erzählerin:
Nachdem der erste Band der Dramatischen Dichtungen von Grabbe erschienen ist, arbeitet er in rasantem Tempo an weiteren Stücken, die teilweise auf nationale Stoffe zurückgehen und von denen er sich endlich einen Durchbruch auf dem Theater erhofft.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Und die zweite Phase, die Mitte der zwanziger Jahre, nach dieser Krise in Detmold ab 1823 anzusetzen wäre, ist gekennzeichnet dadurch, daß durch einen Zufall die Möglichkeit entstand, diesem eigentlich da schon erledigten Leben einen neuen Sinn zu geben, den er dadurch gewinnt, daß er vorübergehend beruflich aktiv wird und auch durch seinen Freund Kettembeil die Möglichkeit erhält, Dramen zu schreiben. Und jetzt kommt der Aufbruch Grabbes, der euphorisch-manische Aufbruch Grabbes. Er produziert schnell, ungestüm, auch unkontrolliert, und er fühlt sich nun sehr schnell, obwohl es im Untergrund seiner Person, meine ich, extrem kritisch eingestellt war, versucht er, eine Wendung diesem desolaten Zustand zu geben. (1'06'')

Erzählerin:
Er arbeitet an Don Juan und Faust, seinen Hohenstaufen-Dramen Kaiser Friedrich Barbarossa und Kaiser Heinrich der Sechste und greift damit auf gängige nationale Mythen zurück. "Ich bin wieder ziemlich gesund", schreibt Grabbe an seinen Verleger, als er die Pläne für sein Stück Napoleon und die hundert Tage entwickelt: "Ich trinke weniger." Nach einer gescheiterten Liebesbeziehung heiratet er - wohl eher aus Vernunftsgründen Louise Clostermeier.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Und dann die nächste Enttäuschung, daß dieser Versuch wiederum scheitert aus mehreren Gründen - beruflich, privat, als Stückeschreiber, als Theaterdichter, der keine Chance hat, diese Texte auf dem Theater zu sehen. So daß also dann, nach diesem letzten Aufbruch von Detmold nach Düsseldorf in die dritte Phase hineinkommt, daß er sich nun nicht mehr von dieser ursprünglichen Grundprägung lösen kann und jetzt sehr schnell, durch mehrere Dinge begünstigt, also als Mensch und Dramatiker, nicht mehr entwickelt und im Grunde höchst tragisch dann auch endet. (51'')

Erzählerin:
Grabbe trinkt wieder mehr als je zuvor und vernachlässigt seine Amtspflichten: Konflikte mit dem Fürsten und dem ihm wohlgesonnen Regierungsrat von Meien sind die Folge. Er gerät in einen Strudel, aus dem er nur noch einen Ausweg sieht: die Flucht aus Detmold. Im Februar 1834 schreibt er an seinen Vorgesetzten:

Grabbe:
Hochgeehrtester Herr Regierungsrat!
Sie haben mich als Vorgesetzter so gut, als wie jüngst als Freund behandelt. Nie, nie habe ich Grund gehabt, irgend über Sie zu klagen. (...)
Aber, unter uns!, ich muß davon. Meine Geisteskraft wird ruiniert, laß ich jeden Tag 50 von Bauern und anderem Ärger in dieselbe hineinlaufen.
Können Sie etwas Gutes für mich dabei thun, so soll Ihr Name in der Geschichte über dem meinigen stehen.
Noch bin ich frisch, noch lebenskräftig, noch voll Poesie und Wissenschaft; soll ich dabei untergehen in Sorgen und Beschwernissen? Nein!
Stellen sie mich vor Pistolen, Batterien, ich werde wissen, für meinen Fürsten zu sterben, unter Actenstößen ist's mir unmöglich.
Weg damit, und wo möglich etwas Hülfe, denn ich habe zwar Ruhm, aber auch Frau, Mutter, und mich selbst.

Erzählerin:
Im Oktober reist Grabbe über Frankfurt nach Düsseldorf. Dort lebt er mit Unterstützung Karl Immermanns.

Immermann: Er kam mir grade vor, wie ein Mensch, welcher vom Monde auf die Erde gefallen. Eine außerordentlich große, prächtige Stirn, herrliche blaue Augen, eine kleine, wohlgeformte Nase, dann aber der untere Theil des Gesichts auf die sonderbarste Weise zurückweichend, kein Hals, sondern Kinn und Brustknochen durch eine schräge Fleisch-Fettlage verbunden. Sehr kleine Hände, der Körper aber in Haltung und Bewegung so ungefüg, daß er mir wie der gemischte König im Mährchen Goethes vorkam."

Erzählerin:
Mit letzter Energie begibt er sich daran, den Hannibal zu vollenden.

Musik:
Akzent

Hannibal:
Italia! Herrliche, um die ich siebzehn Jahre warb, die ich geschmückt mit eignem und mit Konsulblut, s o muß ich Dich verlassen? Nichts bleibt mir von Dir, die ich mitreißen möchte übers Meer? Du, ganz anders als die finstre Karthago und ihr heißes, trübrotes Firmament, Du, prangend mit Helden, die nur vom Ruhm und Eisen, nichts vom Gold wissen, mit dem Glanz selbst, nicht durch Mietlinge errungener, zum Kapitol heraufschimmernder Triumpfe, nie erhabener als da ich Dich zu meinen Füßen wähnte, und Du Dich aufrichtetest zu dem Gewölbe Deines ewig blauen Himmels! - Ha, diese Gräser entreiße ich Dir und berge sie an meinem Herzen; mein jahrelanges Mißgeschick entschuldige bei mir selbst einen Augenblick der Empfindung.

Erzähler:
Abschied von Italien - der zentrale dritte Akt. Hannibal ist am Ende. Das einst heldische Karthago, heruntergekommen zu einem nur nach dem materiellen Vorteil schielenden Marktplatz, unterstützt ihn nicht. Er, der Rom jetzt seinen Idealen näher sieht, muß sich zurückziehen, der Untergang Karthagos und sein eigener Tod - in Grabbes Stück bewußt zeitlich zusammengezogen - bahnen sich an. Doch triumphiert im Sieg Roms nicht der modern verfaßte, demokratische Staat über das heruntergekommene Kriegervolk. "Karthago soll zu Grunde gehen!", fordert Kato Zensor zwar mit Entschiedenheit, doch führen will er Roms Legionen nicht. Der Erste Konsul spricht beiseite:

1. Konsul:
Sein Landgut bestellen, Bücher darüber schreiben, in hohem Alter das Griechische (Zeus weiß vielleicht weswegen) studieren und große Worte machen, das kann er, obgleich er Zensor ist - Aber Schlachtfelder - Rübsenfelder sind ihm angenehmer.

Erzähler:
Der Führer Roms tritt nicht für die Ziele seines Staates ein, auch die römische Gesellschaft ist marode und verkommen, was Grabbe dadurch unterstreicht, daß er historisch belegte Grausamkeiten der Karthager in seinem Stück den Römern zuschreibt. Rom verkörpert in Grabbes Stück weder den historischen Fortschritt gegenüber Karthago noch irgendeines der auf den Lippen geführten Ideale, es zeigt nur deren lächerliche Fratze. Hannibals Monolog auf das herrliche Italia erweist sich dem Zuschauer als bittere Ironie.

Erzählerin:
Auf den Hannibal folgt Die Hermannsschlacht, Grabbes letztes Stück, mit dem er sich ungewöhnlich lange quält. Das Drama wird zu einer letzten "Liebeserklärung" an die Heimat und die verlorene Jugend. Der Dichter ist am Tiefpunkt seines Lebens angekommen. Sein Körper verfällt zusehends und seine Frau hat sich längst von ihm losgesagt. Sie bangt vor allem um ihr Vermögen, das sie in die Ehe eingebracht hat und von dem Grabbe seinen Lebensunterhalt bestreiten muß. Ohne Hoffnung auf irgendetwas, holt er aus zum großen Wurf - und der endet bitter wie der Hannibal. Im Januar 1835 schreibt Grabbe an seine Frau in Detmold:

Grabbe:
Mein Hannibal ist fast ganz umgearbeitet und fertig, (...) und der Gedanke an die Heimath (der einem in der Ferne wohl kommt, jedoch nicht mit Heimweh zu verwechseln ist) hat mich auf etwas aufmerksam gemacht, was mir so nahe lag: nämlich ein großes Drama aus der Hermannsschlacht zu machen; alle Thäler, all das Grün, alle Bäche, alle Eigentümlichkeiten der Bewohner des lippischen Landes, das Beste der Erinnerungen aus meiner, so viel ich davon weiß, auch, wenn Du willst, von Deiner Kindheit und Jugend, sollen darin grünen, rauschen und sich bewegen."

Erzählerin:
Den nächsten Sommer, Grabbes letzten Sommer, verbringt er wieder in Detmold. Am 26. Mai ist er ein zweites Mal - diesmal völlig gebrochen - zurückgekehrt,

Grabbe:
- was immer besser ist als ein wohlfeiler Sturz in den Rhein, wofür ich mich noch zu theuer achte.

Erzählerin:
Grabbe zieht nicht in das Haus seiner Frau, sondern wohnt im "Hotel Stadt Frankfurt" - direkt über der Schankstube. Hier vollendet er Die Hermannsschlacht, seinen "letzten Trost".

Grabbe:
Sie ist fertig. Ich feile nur noch, sinke wohl an ihr nieder, wenn sie vollendet ist - auf ewig."

Erzählerin:
Das hat er schon ein Jahr zuvor aus Düsseldorf geschrieben. Am 26. Juli verschafft er sich dann mit Polizeigewalt Zutritt zum ehelichen Haus. Seine Frau reicht am 6. August die Scheidung ein, doch bevor es zu Verhandlung kommt, stirbt Grabbe am 12. September 1836.

Musik:
Akzent

Hermann:
Deutschland, verlaß mich nicht mit deinen Fluren, Bergen, Tälern, und Männern! Ich kämpfe ja nur deinethalb: die Feinde sollen deine Waldungen nicht zum Schiffbau zerschlagen, dir deine Herrlichkeit, deinen Söhnen ihr Blut und ihre Freiheit nicht nehmen! - Du mit ewigem Grün prangender Rhein, du donnernde Donau, du, meine Weser, und du leuchtende Elbe (...) - ihr solltet speichelleckend fluten unter dem Brückengekett des Römers? Nein, wir sind dankbar, und werden euch erlösen.

Erzähler:
Hermann schlägt die Römer, aber was wird aus Deutschland? Deutschland - das geeinte, freie Vaterland: Hermanns Leute kennen es nicht. Was geht sie der Rhein an, da "Linsen, Kohl, Erbsen und große Bohnen" jetzt wieder ihr eigen sind, die Römer aus der eigenen, kleinen Heimat vertrieben sind?

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Und ich glaube schon, daß diesem Hermann die Absicht zunächst zugrunde liegt, nicht so sehr die Ambivalenzen, die Aporien, die Verletzungen der Geschichte zu zeigen, nicht so sehr die Ironie, die Absurdität, die in den Figuren und in dem Konflikt selbst liegt, zu zeigen, sondern daß er doch zunächst versucht, diesen geschichtlichen Vorgang als Beispiel zu demonstrieren. Und indem er das versucht, schlägt natürlich die eigentliche Intention und seine eigentliche Lebens- und Werkintention durch, nämlich die, diese Dinge zu desillusionieren, auch zynisch zu betrachten, mindestens also, wie gesagt, ironisch zu brechen. Obwohl ich meine, nach wie vor, das Stück selbst über weite Strecken von dieser Bestrebung her zu bestimmen ist, daß er letztmalig, kurz vor seinem Tode, kurz vor dem geahnten Tode, kurz vor dem völligen Zusammenbruch versucht, so etwas wie einen Sinn noch einmal zu verleihen. (1'13'')

Grabbe:
(verfremdet:) Ein hiesiger Schriftsteller hat von mir gesagt: ich wäre ein Mensch, den man erst nach Jahrhunderten verstehen würde.

Erzähler:
Hundert Jahre nach seinem Tod erlebt diese Prophezeiung eine groteske Umkehrung. Vorbereitet durch eine vereinzelte, völkisch-nationalistische Aneignung seiner Geschichtsdramen Ende des neunzehnten Jahrhunderts vereinnahmen die Nationalsozialisten den im Großen und Ganzen vergessenen Detmolder Dichter, erklären ihn kurzerhand zum "völkischen Visionär", zum "Deutschesten seiner Zeit". Der Sieg Hermanns über die römischen Truppen und das riesige, 1875 eingeweihte Hermannsdenkmal bilden die historische Kulisse für nationalsozialistische Mythenbildungen, Lippe-Detmold wird zur Wiege des Dritten Reiches erklärt und soll durch großzügig geplante, sogenannte "Führerbauten" an die Seite von Berlin und Nürnberg gestellt werden. Hannibal, Die Hermannsschlacht und andere Stücke Grabbes werden als "Führer-Dramen" mißverstanden und unter dem Titel Was ist mir näher als das Vaterland gedruckt. 1936 findet unter Schirmherrschaft von Joseph Goebbels eine reichsweite Grabbe-Woche statt. Gauleiter Meyer führt in seiner Eröffnungsrede aus:

Meyer:
"Man kann Grabbe mit Recht auch einen völkischen Vorkämpfer nennen. In einer Biedermeierzeit, als ein saturiertes Bürgertum sich dem Traum eines Weltbürgertums hingab, kämpfte er fanatisch für eine völkische Wiedergeburt. Den leidenschaftlichen Dichter ließen Instinkt und Erkenntnis weit über seine Zeit hinauswachsen. Unverstanden von seiner Mitwelt, bekannte sich Grabbe schon als ganz junger Mensch zur nordischen Natur und Geschichte und erkannte die blutsmäßig geschichtlichen Zusammenhänge. So ist uns Nationalsozialisten Grabbe in vielem verwandt. Wir werden aus seinen Werken erkennen, wie er schon vor hundert Jahren für völkische Grundsätze eintrat, für großes Führertum, Gefolgschaftstreue, Heroismus, Volksgemeinschaft, Volk, Nation, Blut und Boden."

Erzähler:
Die Grabbe-Woche 1936 offenbare, so der "Völkische Beobachter", "daß im neuen Deutschland der Geist und das Werk Grabbes lebendiger sind denn je." Detmolds Bürgermeister Keller gelobt am Grabe des Dichters, "daß seine Heimat, nachdem sie ihn jetzt verstanden habe, ihm in seinem Geiste folgen wolle."

Das Wort:
Sein Leben war erbitterter Kampf gegen Unfreiheit und Ungerechtigkeit und den beschränkten Untertanenverstand in den deutschen Landen.

Erzähler:
Heißt es dagegen im Vorwort der von Bertolt Brecht, Willi Bredel und Lion Feuchtwanger herausgegebenen Exil-Zeitschrift Das Wort:

Das Wort:
Vor hundert Jahren verkrüppelte die geniale Dichterkraft eines Grabbe an der deutschen Misere und ging an ihr zugrunde. Wer weiß, wieviele kostbare Talente im heutigen Deutschland unter dem 'Zwang des Marschierens im Gleichschritt' ebenfalls zugrunde gehen?

Erzähler:
Fünfzig Jahre später ist das Werk Grabbes vergessen. Weder die kurzatmige Inanspruchnahme durch die Nationalsozialisten - Gott sei Dank - noch die vereinzelten Inszenierungen seiner Stücke konnten daran etwas ändern. Wenn das Grabbe-Jahrbuch dennoch in jeder neuen Ausgabe Aufführungen notiert, handelt es sich dabei überwiegend um die Arbeit von Schultheater-Gruppen. Meistens versuchen diese sich an Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung oder an Don Juan und Faust. Die von Lothar Ehrlich zusammengestellte Ausgabe von Grabbe-Briefen lag 1989 druckfertig beim Insel-Verlag in Leipzig. Nach der Übernahme durch den Frankfurter Insel-Verlag wurde das Projekt gestoppt, erst fünf Jahre später erschienen die Briefe in kleiner Auflage im Bielefelder Aisthesis-Verlag. Ansonsten gibt es lediglich ein paar Reclam-Bändchen und eine Gesamtausgabe für stolze 250 Mark.

Erzählerin:
Grabbes Leben im Kleinen spiegelt die Trostlosigkeit und die Enttäuschungen der Epoche. Die Höherentwicklung des Menschengeschlechts oder aktueller: Utopien, Visionen, und - vielleicht sogar - machtpolitische Strategien, wie die Welt zum besseren geändert werden kann, sind für Grabbe außer Sichtweite. Nicht einmal auf dem Theater sind sie für ihn greifbar. Auf der Bühne, wie jüngst in Inszenierungen des Herzog Theodor von Gothland im Stuttgarter Staatstheater und im Lippischen Landestheater - bleiben Verzweiflung und Haß, die Zerstörung der Heuchelei.

Musik:
dramatischer Akzent

Berdoa:
So will ich denn zum letzten Mittel greifen: Ich lasse sie verzweifeln!
Finnen! Wir sind hoffnungslos verloren!

Erzähler:
Berdoa - zur Bestie gemacht und am Tiefpunkt seiner Entwicklung angelangt - setzt, ganz Realist, die Verzweiflung als Mittel ein, um seine finnischen Truppen im mörderischen Kampf gegen Gothland zu motivieren. "Rette! rette uns!" - rufen sie ihm zu.

Berdoa:
Und nichts als nur Verzweiflung kann uns retten.

Erzähler:
Und nichts als nur Verzweiflung kann uns retten? Als Theodor W. Adorno in seinem letzten großen Spiegel-Gespräch 1969 auf die teilweise gewalttätigen Aktionen des Studentenprotests und die Angriffe auch auf ihn und die Kritische Theorie angesprochen wurde, antwortete er mit diesem Satz Berdoas und fuhr fort:

Adorno:
Das ist provokativ, aber gar nicht so dumm. - Ich kann darin keinen Vorwurf sehen, daß man in der Welt, in der wir leben, verzweifelt, pessimistisch, negativ sei. Eher sind doch die Menschen beschränkt, die krampfhaft die objektive Verzweiflung durch den Hurra-Optimismus der unmittelbaren Aktion überschreien, um es sich psychologisch leichter zu machen.

Erzähler:
Wer die Grenzen bürgerlicher Illusionen, die Grenzen jedes ungebrochenen Fortschrittsglaubens und die dazugehörigen, manchmal rigorosen Taten so provozierend offenlegt wie Grabbe - radikaler noch als Kleist oder Büchner - darf eben nicht mit dem Beifall der Bürger rechnen - weder zu Lebzeiten noch in späteren Jahren.

O-Ton:
Lothar Ehrlich
Und es ist nicht zufällig, daß in den letzten Jahren gerade der Gothland inszeniert worden ist. Und zumal in der Stuttgarter Inszenierung wird mit aller Gewalt - und zwar nicht nur, weil es ein Regisseur war, der vom Balkan kam und jetzt in Deutschland lebt, etwa sich bezieht auf die unvorstellbaren Aggressivitäten, Brutalitäten, Perversitäten, die sich auf dem Balkan vollziehen, sondern der Balkan-Krieg wurde dort zur Metapher für eine Gesamteuropäische, vielleicht auch für eine Weltsituation, die eben dadurch gekennzeichnet ist, oder sein soll in diesem Verständnis, daß die Menschen nicht miteinander, sondern gegeneinander agieren. Ob dies nun in der Wirtschaft stattfindet, was dort in Stuttgart assoziiert worden ist, oder auf dem Balkan, oder in Ost-Europa, oder wo auch immer. (1'03'')

Musik:
Burgmüller

Grabbe:
Hochverehrter Herr!
Nahe dem Untergang blicke ich noch einmal auf der Erde umher, und sehe Keinen, Keinen als Sie zu dem ich mich wenden möchte; ich flehe um nichts als diesen Brief zu lesen.
Ich bin in Lippe-Detmold von armen Eltern geboren; sie waren thöricht genug mich auf das Gymnasium zu schicken und dadurch meiner Seele Gelegenheit zum Erwachen zu geben. Ich machte bald in den Wissenschaften bedeutende Fortschritte und überflügelte vielleicht manche meiner Lehrer; selbst die Fürstin Pauline wurde auf mich aufmerksam und bezeugte mir persönlich ihr thätiges Wohlwollen (...) - Nun wird es gewiß Jeder, dessen Inneres sich so gewaltsam und verschiedenartig entwickelt hat, wenigstens nicht unnatürlich finden, daß mitunter auch einige äußerlich etwas heftige Ausbrüche des jugendlichen Muthes zum Vorschein kamen; meine etwas kleinstädtichen Landsleute mochten und wollten dies jedoch nicht begreifen; sie beurtheilten mich nach ihrer engherzigen Kritik, und ich merkte, daß es um meine Laufbahn im Lippischen gethan sei."


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