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Gutenbergs Welt im Neuen Markt

Marktkonzentration und Informationstechnik verändern den Buchmarkt

NDR 4, Forum 4, 12. Oktober 2000

"Branchenbeben" lautete die Überschrift der Zeitung "Die Woche", als vor zwei Jahren der junge Berlin Verlag vom Bertelsmann Konzern geschluckt wurde. Die Übernahme galt als Menetekel für erfolgreiche unabhängige Verlage. "Der Anfang vom Ende" - so titelte "Die Zeit" im August dieses Jahres, als es wieder einmal um das Thema Buchpreisbindung ging. Nach jahrelangem Hin-und-her wurden bei der Europäischen Union die Weichen für den Bestand der Buchpreisbindung gestellt - und prompt wurde sie von einem der größten Buchhändler im deutschsprachigen Raum, dem österreichischen Konzern Libro, unterlaufen und gebrochen. Sowohl in seiner Berliner Filiale als auch in seiner Internetbuchhandlung gab es Bestseller zu Sonderpreisen. Die Konkurrenz sollte mit Lockangeboten aus dem Feld geschlagen werden.

"Der Anfang vom Ende" - so hätte sicher auch die Schlagzeile lauten können, wenn sich das Blatt mit den Entwicklungen innerhalb des Holtzbrinck-Konzerns beschäftigt hätte: Da "Die Zeit" jedoch selbst zu diesem Konsortium gehört, hielt sie sich hier mit Hiobsbotschaften zurück und überließ die Unkenrufe der Konkurrenz. Als "Aufräumer im Nadelstreifen" bezeichneten so die "Spiegel Reporter" die Mitarbeiter der Unternehmensberatung McKinsey, die die Verlage Rowohlt, Fischer und Droemer Knaur unter die Lupe genommen hatten und ihnen eine Rosskur verschrieben: Die Verlage schreiben rote Zahlen, und nachdem Rowohlt jeweils, wie der "Spiegel" schreibt, "hohe sechsstellige Beträge" für geplante und dann am Markt gescheiterte Bestseller gezahlt hatte - für die Biographien Harald Juhnkes und Alexander Schalck-Golodkowskis sowie für den Schlüsselroman "Das Magazin" von Hellmuth Karasek - riss den Konzernherrn der Geduldsfaden. Bis zu einem Drittel der Mitarbeiter sollten abgebaut und die Programme auf Verkäuflichkeit durchgeforstet werden.

Auch dieses Thema berührt die Buchpreisbindung: In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben Bücher einen festen, vom Verlag bestimmten Ladenpreis, so dass sie überall, ob im Buchkaufhaus, in der kleinen Stadtteilbuchhandlung oder im Internet, dasselbe kosten. Gut verkäufliche Titel zu festen Preisen erwirtschaften gute Renditen, die - so die Idee - die Produktion der übrigen Bücher mittragen sollen, die unter künstlerischen oder inhaltlichen Aspekten wichtig, am Markt jedoch ungleich schwerer durchsetzbar sind. Wo nicht nur schwarze Zahlen, sondern sogar steigende Gewinne erwartet werden und hoch gepokert wird, hat eine solche sogenannte Mischkalkulation kaum noch eine Zukunft, erfüllt das Mittel nur noch eingeschränkt seinen Zweck. Bei Rowohlt - so ein internes Thesenpapier - sollen in Zukunft nur noch Titel erscheinen, denen man eine Auflage von 6000 verkauften Exemplaren zutraut. Vor Jahren kalkulierten Verlage auch Bücher mit Auflagen in Höhe von 2000 bis 3000 Exemplaren, und selbst angesehene Häuser wie Suhrkamp können von einem guten, aber noch unbekannten Schriftsteller manchmal nicht mehr als 800 Exemplare verkaufen. Er habe Angst vor schwarzen Zahlen, erklärte so jüngst der ungarische Autor Imre Kertész, "vor diesen ganzen kalten geschäftlichen Überlegungen", und hat dem Hause Rowohlt den Rücken gekehrt. Auch sein Kollege Peter Nadás und die Österreicherin Elfriede Jelinek vollzogen die Trennung von Rowohlt.

Ob es um die wirtschaftliche Konzentration in der Buchbranche und die Buchpreisbindung oder ob es um die Durchsetzung von Rentabilität und Renditeerwartungen und die Strukturveränderungen durch das Internet geht: Untergangsszenarien auf der einen Seite, auf der anderen aber durchaus auch Goldgräberstimmung kennzeichnen die Situation in einer Branche, die schon seit eh und je vor der Herausforderung steht, Kunst, Wissenschaft und Kommerz erfolgreich miteinander zu verbinden und die im letzten Jahr immerhin über 18 Milliarden Mark umgesetzt hat. Die Zeichen scheinen mehr denn je auf Kommerz zu stehen, wie kritische Beobachter besorgt registrieren, denn immerhin handelt diese "Bewusstseinsindustrie" mit Inhalten künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit. Nicht zum ersten Mal wird in den Feuilletons einer handfesten Krise und - womöglich - dem "Ende" das Wort geredet. Nicht dem Ende des Verlagswesens, der Produktion und des Verkaufs von schöngeistiger Literatur und informativen Sachbüchern überhaupt, aber dem Ende einer differenzierten Struktur unabhängiger und oft kleinerer Betriebe, die als Garant für ein vielfältiges, auch Minderheiteninteressen bedienendes kulturelles Angebot, als intellektueller Humus der Demokratie gelten. Denn was wüssten wir heute über den Alltag und die Verfolgung im Nationalsozialismus, über die Situation von Frauen oder Homosexuellen in der Geschichte oder über die Literatur Lateinamerikas, wenn sich nicht in den siebziger und achtziger Jahren kleine Verlage dieser damals wenig marktgerechten Themen angenommen und oft "alternativ" genannte Buchhandlungen sie in die Gesellschaft hineingebracht hätten? Was wüssten wir über osteuropäische Gegenwartsautoren, wenn nicht der gerade zusammengestrichene Rowohlt-Ableger in Berlin das Risiko eingegangen wäre, Autoren wie Kertész oder Nadás auf dem deutschen Markt bekannt zu machen.

Schon als in den achtziger Jahren Buchkaufhäuser und Boulevardbuchhandlungen ihren Einzug in Fußgängerzonen hielten, wurde das Aus für viele kleine Buchhandlungen befürchtet, die sich bestimmten Nischenangeboten verschrieben hatten oder im Umfeld begrenzter politischer oder sozialer Bewegungen angesiedelt waren. Insgesamt verzeichnete die Branche damals jedoch Umsatzsteigerungen, unter anderem, weil durch die neuen Vertriebsformen zusätzliche Kunden gewonnen werden konnten und besonders die Sparte des populären Sachbuchs expandierte mit Ratgebern zu allen Lebenslagen und lebendig dargestellter Geschichte. Heute sieht dies anders aus. Dieses Wachstum ist in den letzten Jahren einer Stagnation gewichen. Während die Umsätze 1999 insgesamt nur um 1 Prozent zunahmen, stiegen sie bei den 100 größten Buchhandlungen aber um 6 Prozent, bei den zehn größten sogar um 8 Prozent und beim Branchenprimus Hugendubel um stolze 11 Prozent. Die Großen wachsen auf Kosten der Kleinen - es wird enger auf dem Markt. In einer Metropole wie Hamburg, deren Größe, soziale Struktur und Ausstrahlung auf auswärtige Kunden eine besondere Vielfalt an Läden ermöglicht, sank die Zahl der Buchhandlungen innerhalb der letzten zehn Jahre von 221 auf 171 - das entspricht über 20 Prozent. In Kiel nahm die Anzahl von 35 auf 32, in Hannover von 69 auf 60 ab - also weniger dramatisch und auf niedrigerem Niveau.

Dieser Trend wird sich verstärkt fortsetzen. Zum einen expandieren die großen Ladenketten zielstrebig - in diesem Herbst eröffnet allein die Ladenkette "Weltbild plus" in acht Städten neue Filialen -, zum anderen kommt die Konkurrenz bedeutender, international operierender Internet-Anbieter hinzu, die in vielen Fällen Allianzen mit den großen Verlagskonsortien und den Buchhandelsriesen eingehen. Wichtige Handelshäuser wie Hugendubel in München, die Mayersche Buchhandlung in Aachen, Bouvier in Bonn, Weiland in Lübeck oder Thalia in Hamburg haben sich in den letzten zehn bis 15 Jahren zu starken Filialbetrieben entwickelt, die regional wie überregional expandieren. Sie kaufen ihrer Umsatzstärke entsprechend günstiger ein und können sich die hohen Mieten in Innenstädten und in Fußgängerzonen leisten, sie verfolgen ein Verkaufskonzept, das weniger auf personal- und deshalb kostenintensive Beratung setzt als auf ein Massenangebot auf attraktiven Verkaufsflächen. Dabei muss hervorgehoben werden, dass die genannten Firmen, die sich alle auf der Liste der zehn umsatzstärksten Buchhandlungen der Bundesrepublik finden, noch am ehesten dem traditionellen Buchhandel verbunden sind. Auf Platz zwei hinter Hugendubel steht aber die Karstadt-AG auf der Liste, auf Platz drei findet sich die Phönix-Montanus-Kette, die zur Douglas-AG gehört, auf Platz fünf die Kaufhof AG und auf Platz sechs die Kette Weltbild plus. Weltbild plus wiederum gehört zu je 50 Prozent dem Branchenprimus Hugendubel und der Weltbildgruppe, dem größten Anbieter für Modernes Antiquariat, mit dessen Tochtergesellschaft Droemer Weltbild der Holtzbrinck-Konzern verbandelt ist. Neben den großen noch eher traditionellen Geschäften bestimmen also branchenfremde Handelskonzerne das Terrain, die sich - um nur zwei Beispiele zu nennen - zugleich mit hohem finanziellen Einsatz im Internethandel engagieren: Karstadt beginnt mit einem eigenen, größeren Buchangebot im Internet und die Douglas-Kette erhöhte gerade ihren Anteil am Anbieter "buch.de" auf 37 Prozent. Womit diese Handelsunternehmen ihr Geld verdienen, ist ihnen vermutlich gleichgültig. Hauptsache Umsatz, Hauptsache, wachsender Marktanteil. Es geht um Rendite - und zwar nicht mehr nur um in der Branche für realistisch gehaltene 5 Prozent, sondern um 15 Prozent, die angestrebt werden zur Steigerung des "shareholder values".

Wir beobachten also einen mit langfristigen strategischen Optionen und hohem Kapitaleinsatz geführten Verdrängungswettbewerb, dessen Notbremse - die Buchpreisbindung - in der Vergangenheit das Schlimmste zwar verhindert hat, sich in der Zukunft aber wohl kaum als Allheilmittel erweisen wird. Eine Voraussetzung dafür, dass sie ihre Zwecke erfüllt, besteht darin, dass alle Beteiligten tatsächlich gleichgerichtete Interessen im Sinne der Buchkultur verfolgen. Davon kann aber kaum noch die Rede sein. In Großbritannien wurde die Preisbindung, das Net Book Agreement, 1995 aufgehoben. Die Folgen: Bestseller sind billiger geworden, der neue Harry-Potter-Roman wurde nach einem gnadenlosen Preiskampf in Kaufhäusern sogar ohne Gewinn, also zum Einkaufspreis an die Kunden weiter gegeben. Insgesamt wurden Bücher allerdings deutlich teurer, und der kleine Sortimentsbuchhandel, der sich solche Verkaufsschlachten nicht leisten, sieht schwarz.

Solche Verhältnisse wünschen sich jene, die sich stark genug fühlen und hoffen, als Gewinner aus der Konkurrenz hervorzugehen, auch hierzulande. In diesen Zusammenhang ist der Versuch des österreichischen Buchhändlers Libro - die Nummer vier im deutschsprachigen Buchhandel - einzuordnen, Bestseller zu Sonderpreisen anzubieten. Der Börsenverein, Verlage und Buchhandlungen schreien Protest und haben erst einmal eine Rücknahme der Aktion erzwungen, die anderen großen Konzerne aber stehen in den Startlöchern, um es Libro gleich zu tun. Der nächste Angriff auf die Buchpreisbindung ist programmiert.

Gefährdet ist die sensible Balance zwischen Kunst, Wissenschaft und Kommerz, ein vielfältiges und nicht nur an Verkaufszahlen orientiertes Buchangebot, auch durch den atemberaubenden Konzentrationsprozess in der Verlagslandschaft, der mit Börsen-Kapital finanziert wird und die Beteiligung an den großen Handelsketten einschließt. Um überhaupt noch das notwendige Kapital auf dem Markt bekommen und die Konkurrenz bestehen zu können, schließen sich deshalb immer mehr kleine und mittlere Verlage zu Verlagsgruppen zusammen: Luchterhand mit Limes und Volk & Welt; Hanser mit Sanssouci, Zsolnay und Nagel & Kimche; oder das Verlagshaus Goethestrasse mit den Verlagen Ullstein, Econ, List, Claassen, Propyläen und Marion von Schröder. Andere wurden und werden von großen Konzernen wie Bertelsmann mit 449 Millionen, Holtzbrinck mit geschätzten 500 Millionen oder Axel Springer mit 190 Millionen Mark Jahresumsatz im Buchbereich geschluckt. Auch das Verlagshaus Goethestraße ist schon wieder einem dieser Großen einverleibt worden.

Die Programme der Verlage werden sich immer ähnlicher, der Raum für Neuentdeckungen kleiner. Als der erst 1995 vom ehemaligen Fischer-Verlagslektor Conradi gegründete Berlin-Verlag 1998 von Bertelsmann übernommen wurde, wirkte das wie ein Schock und löste das zitierte "Branchenbeben" aus. Reinhold Neven Dumont, Chef des damals noch unabhängigen Verlags Kiepenheuer & Witsch, sorgte sich um den Einfluss der Finanz-Controller auf die Verlagsprogramme und sprach von "verheerenden Auswirkungen vor allem auf die junge Literatur". Zum 1. Januar 1999 verkaufte er selbst 45 Prozent seines Hauses an den Holtzbrinck-Konzern. Beide Ereignisse wurden aufmerksam registriert: Sie galten als Symbole dafür, dass sogar umsatzstarke und stabile Unternehmen keine andere Möglichkeit sehen, als sich durch Finanzpolster für den Wettbewerb zu wappnen, dass sie dafür sogar bereit sind, ihre Unabhängigkeit - bis dato ihr Erfolgsrezept - teilweise aufzugeben.

Drei Prozent der Verlage machen etwa 75 Prozent des Umsatzes. Um die Erwartungen des Kapitalmarktes zu erfüllen, jagen sie auf schon beinahe hysterische Weise nach Bestsellern und weiten ihre Billigangebote aus. Dieser Trend begann Anfang der neunziger Jahre, als der Verlag Hoffmann & Campe 1,3 Millionen Mark für die deutschsprachigen Rechte an dem Roman "Scarlett", der in 40 Ländern zeitgleich erschienenen Fortsetzung von "Vom Winde verweht", bezahlte und noch einmal 500.000 Mark für Werbung ausgab. Die Rechnung ging auf: 400.000 Mark zahlte die "Bunte" für ein paar Seiten Vorabdruck, "einige Hunderttausend Mark", wie es hieß, brachten die Taschenbuchrechte. Und innerhalb der ersten zwölf Wochen wurden immerhin 760.000 Exemplare verkauft. Nach dem selben Rezept handelte der Verlag, als 1994 Papst Johannes Paul II. sein Buch "Die Schwelle der Hoffnung überschreiten" zu einem Welterfolg machte. Über eine Millionen Mark zahlte Hoffmann & Campe für die deutschen Rechte und überschritt die Schwelle der Hoffnung mit Bravour. Mit der Idee, Erfolge nicht zu kreieren, sondern einzukaufen, setzte der Verlag Maßstäbe: Das Augenmerk der großen Verlage konzentrierte sich in der Folge auf den amerikanischen Markt. Jede Mark, die man hierzulande am Risiko sparen konnte, wurde in den USA angelegt. Agenten haben den Markt abgegrast und Übersetzungsrechte für horrende, nicht selten sechsstellige, auch siebenstellige Summen eingekauft. 1,6 Millionen Mark zahlte Bertelsmann vor zwei Jahren für den Roman "Das Lazaruskind" von Robert Mawsons. Hier wird die Verknüpfung zwischen Verlagen und Handel auf Konzernebene besonders sinnfällig: Um seine Buchgemeinschaft Bertelsmann Club zu stärken, vermarktete man den Titel mit riesigem Werbeaufwand zunächst ausschließlich hier.

Die Umsatzerwartungen im Bestsellergeschäft erfüllten sich aber nur selten - und so waren die Kriegskassen der Verlage bald leer. Es wurden - wie bei Rowohlt und S. Fischer - Verluste gemacht, die Unternehmensberater ins Haus geholt und - man sprach tatsächlich von einem "Wunder" -die junge deutsche Literatur wurde wieder entdeckt: gut aussehende Autorinnen und Autoren, geeignet für Medienevents und präsent in allen Talkshows. Was sie zu erzählen haben, spielt keine große Rolle. Dass dabei ein 300.000-Mark-Vorschuss für den Erstlingsroman eines jungen Autors - die Zahl wird hinter vorgehaltener Hand für Michael Kumpfmüllers Roman "Hampels Fluchten" genannt -keine Ausnahme ist, stellt die eine logische Folge dieser Strategie dar. Dass bei einem Poker in diesen Größenordnungen - immer mit dem Risiko des Scheiterns im Nacken - kaum noch Platz und "Spielgeld" vorhanden sind für Titel, die von vornherein als Experiment gelten, ist die zweite Folge. Weitere Konsequenzen des Kampfes der Giganten sind, dass die Möchte-gern-Bestseller den Handel wie Dampfwalzen überrollen und ein Überangebot, eine Verstopfung des Marktes deutlich spürbar wird. Der Ausweg aus diesem Problem: die Ausweitung des Ramschangebots, die Ausweitung des Billigbuch-Sektors und die wachsende Etablierung eines zweiten, nicht preisgebundenen Buchmarkts neben dem ersten: das Moderne Antiquariat. Dass die Buchpreisbindung auch vor diesem Hintergrund von den Marktstrategen eher als eine Fessel denn als ihre Chance betrachtet wird, sei nur am Rande bemerkt.

"Der Anfang vom Ende" könnte demnächst wieder einmal die Überschrift in einem der großen Feuilletons lauten, wenn über die aggressiven Werbemethoden und Expansionsgelüste der großen Internetbuchhandlungen berichtet wird, die heute noch mit Büchern handeln, längst aber die neu- entwickelten "e-books" - electronic books - ins Visier genommen haben: kleine buchförmige elektronische Geräte mit großen Speichern, auf denen man bequem eine kleine Bibliothek unterbringen und lesen kann. Mit ihnen kann sich der Kunde seine Lektüre gegen Kreditkartenzahlung direkt aus dem Internet herunterladen, "downloaden", ein Verfahren, das im Bereich von Software und Musik schon weiter verbreitet ist. Ob, in welchen Bereichen und in welchem Umfang sich in ein paar Jahren das "e-book" durchsetzen wird, ob in Bussen und U-Bahnen, in Zügen, auf dem Sofa oder im Bett in Papier geblättert oder ein Button auf dem Bildschirm angetippt wird, darüber soll hier genauso wenig spekuliert werden wie über die Chancen des elektronischen Handels, des "e-commerce". Es wird weiterhin gedruckte und schön ausgestattete Bücher geben - und es wird immer jene Menschen geben, die gern ein Buch anfassen, die beim Lesen vor- und zurückblättern, die sich Notizen am Rand machen, ihren Namen hineinschreiben oder ein Exlibris einkleben und das Buch schließlich ins Regal stellen. Hier wollen wir uns mit dem Handel beschäftigen.

Noch spielt das Internet keine bedeutende Rolle im deutschen Buchhandel - so wie sich insgesamt die hohen Erwartungen, die in den sogenannten "e-commerce" gesetzt waren, bislang nicht erfüllen. Heute wird nicht mehr als ein Prozent aller Bücher im Internet verkauft. Die Prognosen sagen für die nächsten drei bis fünf Jahre einen Anteil von 5 bis 10 Prozent voraus. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, das Bücher neben Reisen und Software an der Spitze der Produkte liegen, die im Internet vermarktet werden - und das bei dreistelligen Wachstumsraten, die vor allem die großen Anbieter wie Amazon.de, bol.de, Buecher.de, Buch.de oder Booxtra.de erzielen. Die Investitionen und die Ausgaben für Werbung - pro Neukunde werden nach Schätzungen von Fachleuten zwischen 50 und 100 Mark eingesetzt - sind jedoch so enorm, dass all diese Unternehmen noch lange nicht wirtschaftlich arbeiten. Buecher.de beispielsweise hat im ersten Halbjahr 2000 mit einem Umsatz von 17,1 Millionen Mark ein Minus von 12,2 Millionen Mark erwirtschaftet. Dass international agierende Medienkonzerne wie Bertelsmann oder Holtzbrinck, Telekommunikationsunternehmen wie T-Online, Kaufhausriesen wie die Karstadt-AG heute bereit sind, Milliardenbeträge ins Online-Geschäft zu stecken und zu erheblichen Teilen abzuschreiben, zeigt aber zusammen mit anderen Indizien, wo sie die Zukunft des Buchhandels sehen: in einer strategischen Allianz zwischen den großen Verkaufsflächen in den Innenstädten und dem Internet.

Ohne das gute alte Buch verraten zu wollen, ohne fasziniert und kritiklos einer neuen Technologie das Wort zu reden und ohne die von Insidern und Anlegern ja schon in Zweifel gezogenen Zukunftschancen des elektronischen Handels für bare Münze zu nehmen: Dem Anfang vom Ende eines differenzierten und breit gestreuten stationären Buchhandels sind wir - nach den aus heutiger Perspektive relativ harmlosen Umstrukturierungen Mitte der achtziger Jahre - doch entschieden näher gekommen. Das Internet wird sich weiter verbreiten, immer mehr Bürger werden über einen Online-Anschluss verfügen. Und überall im Netz wird man auf Bücher und Bookshops hingewiesen - auch das ist eine Folge der Verflechtung von Unternehmen, bei denen ein bestimmtes Internet-Portal, die dazugehörige Suchmaschine, verschiedene Plattformen für "e-commerce", Job-Börsen und selbstverständlich ein Buchanbieter in der selben Hand sind und noch mit einer Online-Bank kooperieren -Der Rückgang kleiner, traditioneller und an bestimmten Interessenprofilen ausgerichteter Buchhandlungen wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen. Die Buchpreisbindung, wie gebetsmühlenhaft immer wieder beschworen, wird das nicht verhindern können. Auch wenn sie - so sicher wie der Ladenschluss um 18.00 Uhr - gegen die am Markt wirkenden Kräfte überraschender Weise Bestand haben sollte.

Wichtiger als die im Feuilleton immer wieder hochgespielte Diskussion über dieses sympathische Relikt aus Zeiten eines gezügelten Marktes ist also die Frage: Leisten die neuen und noch lange nicht ausgeschöpften technischen Möglichkeiten der Kommunikation und des "e-commerce" nur einer Goldgräberstimmung in der sogenannten "new economy" Vorschub oder bieten sie auch denen eine Chance, die im Rahmen des Konzentrationsprozesses an den Rand und in die Pleite getrieben zu werden drohen? Bietet das ja immerhin von seinen Apologeten als "demokratisch" bezeichnete Internet die Möglichkeit, Minderheiteninteressen und Vielfalt zeitgemäß zu sichern oder gerät es vollends unter die Herrschaft finanzieller Interessen? Greifbar sind die Chancen des Internets am ehesten dort, wo vor knapp zehn Jahren seine Wiege stand - im Bereich der wissenschaftlichen Forschung und Kommunikation. Ursprünglich war es das Ziel des WorldWideWebs, Universitäten und Forschungseinrichtungen zu vernetzen, um einen schnellen Austausch von Forschungsergebnissen und Materialien zu gewährleisten. Die immens wachsenden Mengen von Wissen und die Geschwindigkeit dieses Wachstums sprengen die Möglichkeiten traditioneller Kommunikationsformen: Diplomarbeiten, Dissertationen und Habilitationen werden heute ohne lange Vorlaufzeiten im Internet publiziert und diskutiert. Teilweise wird dies von den Universitäten selbst und ohne wirtschaftliche Interessen organisiert, teilweise geschieht es in der Regie von Verlagen: So erscheinen auch immer mehr wissenschaftliche Zeitschriften, die wegen der kleinen Leserschaft so teuer sind, dass sie von immer mehr Bibliotheken einfach abbestellt werden, in Online-Ausgaben. Die Vernetzung ermöglicht in diesem Fall den direkten Kontakt zwischen Autoren und Lesern.

Greifbar sind die Vorteile der neuen Kommunikationstechnologie aber auch überall dort, wo es um den flächendeckenden schnellen Zugriff auf aktuelle, sich oft ändernde Informationen geht: Seien es Nachschlagewerke, die von Verlagen im Internet vermarktet werden, oder die neueste Fassung des Sozialgesetzbuchs, die kostenfrei vom Server der Bundesregierung abrufbar ist. Wer sich vor dem Gang aufs Sozialamt zu Hause, in einer öffentlichen Bibliothek oder in einem Internet-Cafe einmal die entsprechenden Abschnitte der Gesetze und Verordnungen downgeloadet hat - nach dem neuen Duden übrigens ein deutsches Wort - wird nicht mehr in der letzten Ausgabe Beck'scher Gesetzessammlungen blättern und dann doch Zweifel haben, ob er auf dem neuesten Stand ist.

Wie aber verändert das Internet die Rolle der Verlage und Buchhandlungen in den Nischen des traditionellen Sachbuchmarkts und der Belletristik? Einerseits kann heute zwar jedermann seine eigene Website gestalten, seine Texte ins Internet bringen und auch Bücher dort zum Verkauf anbieten. Stephen King kann es sich, wie gerade mit seinem Roman "The Plant" bewiesen, als weltbekannter Autor leisten, seinen Lesern ein Buch direkt, unter Verzicht auf einen Verlag, zum Downloaden/Herunterladen anzubieten. Das Buch ist ein Ereignis, die Medien berichten darüber, und die Fans, ob mit eigenem Computer oder ohne, finden einen Weg, an die Lektüre heranzukommen. Weniger bekannte Autoren würden mit ihren Büchern so aber wohl untergehen. Bei allen technischen Möglichkeiten des Einzelnen - Autoren und Bücher brauchen ein Netz, das sie trägt, einen profilierten Markt, der die Angebote strukturiert und sie an ihre speziellen Leser bringt. Dieses Netz bilden heute unabhängige Buchhandlungen und Verlage, und auf ein solches Netz wird man in Zukunft nicht verzichten können. Kleine Spartenbuchhandlungen und Verlage haben auch im elektronischen Zeitalter eine wichtige Aufgabe und können diese mit Hilfe des Internets vielleicht sogar besser erfüllen. Dazu müssten sie allerdings - ähnlich wie die Riesen der Branche - strategische Allianzen schmieden und im neuen Sinne des Wortes Vernetzungen schaffen:

"Wir bestellen jedes lieferbare Buch" - beinahe jede kleine Buchhandlung hat heute dieses Schild im Schaufenster oder an der Ladenkasse und man weiß doch, dass es nicht nur dieser ja auch nicht mehr selbstverständliche Service ist, der die Kunden an den Laden bindet. Die besondere Auswahl der Bücher, die Erfahrung und das Wissen der Buchhändler, der gewachsene Kontakt zu dem Kunden sind hier wichtiger. Kundennahe Buchhandlungen, die wegen der hohen Lagerhaltungskosten und Mieten aber schon lange nur noch eine begrenzte Auswahl der Titel ihres Spezialgebiets anbieten, können im Verbund mit anderen Läden und mit Verlagen Internet-Angebote schaffen, die ihre inhaltliche Ausrichtung, Erfahrung und Kompetenz zusammenführen, die über den Standort der einzelnen Läden hinaus standortunabhängige Diskussions- und Informationsforen anbieten und damit ihr Marktsegment und ihre ökonomische Basis stärken.

Hier gibt es Ansätze, die sozusagen noch in den Kinderschuhen stecken, die aber bei weitem nicht mit dem Kapitaleinsatz wie die großen Internet-Buchhandlungen aufgebaut werden und zumindest in eine bestimmte Richtung weisen. Unter der Adresse "txt.de" haben sich beispielsweise 60 kleine und mittlere Verlage von der AchillaPresse über die Europäische Verlagsanstalt und Antje Kunstmann bis hin zu Rotbuch zusammengeschlossen. Sie präsentieren ihr Angebot im Zusammenhang und haben so die Chance, es näher an ihre Zielgruppe heranzubringen, als es ihnen im angespannten stationären Klein-Buchhandel gelingt. Der integrierte Webshop ist darüber hinaus mit einer Schlagwortsuche ausgestattet, die wesentlich differenzierter ist als die bei Amazon, booxtra oder buch.de.

Wenn kleine Buchhandlungen ihren Kunden auch eine Web-Präsenz anbieten wollen, bleiben ihnen bislang nur die sogenannten Partnerprogramme der großen Webshops, die sie mit all ihren Anhängen im Einheitsbrei untergehen lassen, dem großen Partner aber Umsätze bescheren. Aber auch auf diesem Gebiet tut sich etwas: Unter dem Titel "KommBuch.com" soll im nächsten Jahr ein Webshop eingerichtet werden, in dem die buchhändlerische Erfahrung und die speziellen Interessen der einzelnen Läden zusammengeführt werden sollen, wo es spezielle Titellisten und Schaufenster zu aktuellen Diskussionen geben wird, wo statt der Verlagsinformationen eigene Beurteilungen zu den einzelnen Büchern weitergegeben werden, wo sich Rezensionen finden, wo der direkte e-mail-Kontakt zum persönlich bekannten Stammbuchhändler möglich ist und Links zu anderen thematisch interessanten Seiten führen. Unter dem Slogan "Ihre Internetbuchhandlung vor Ort" sollen den Kunden alle Möglichkeiten und Bequemlichkeiten des elektronischen Einkaufens und ein Mehr an Information geboten werden, soll in der Anonymität des Internets die Bindung an die einzelnen Läden gestärkt und das Versandgeschäft ausgebaut werden. Noch werden solche Ansätze aus der Defensive geboren und nur zögerlich realisiert. Noch jammert das Feuilleton lieber über das drohende Ende der Buchkultur, als über solche Möglichkeiten zu berichten oder auf Websites aufmerksam zu machen. Noch werden solche Initiativen seitens der Kulturpolitik nicht gefördert! Das demokratische und kulturpolitische Potential solcher Ansätze ist jedoch unverkennbar. Es wird dort besonders deutlich, wo sich einzelne soziale Gruppen schon sehr weitgehend vernetzt und eine Struktur im Internet geschaffen haben. Schwule sind so eine Gruppe: Wenn sie nicht in Hamburg, Berlin, Köln oder München leben, finden sie keine Buchhandlung, die "ihre" Literatur führt. In welche Cafés oder Bars sie sich treffen, steht nicht in der Lokalzeitung, und welche Reiseziele für sie attraktiv sind, ist im Tui-Katalog nicht ausgewiesen. Hier setzen verschiedene Internetanbieter an und präsentieren ein umfassendes interessenspezifisches Angebot - selbstverständlich einschließlich eines Buchladens. Und es ist bestimmt kein Zufall, dass der Börsenverein des deutschen Buchhandels eines von ihnen - mit der Adresse "homo.de" - auf der letzten Buchmesse als vorbildliche innovative Internetbuchhandlung ausgezeichnet hat.


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