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Heroinabgabe an Schwerstabhängige

Zu den Problemen eines Modellversuchs

8. April 2002
NDR 4 - Forum 4 - Redaktion: Rolf-Martin Korda

O-Ton:
Henning Voscherau
Die Politik des Kopf in den Sand Steckens ist eine moralisch verkleidete, die Hände in Unschuld waschende Kapitulation vor der Wirklichkeit.

Erzähler:
So beschrieb Hamburgs damaliger Bürgermeister Henning Voscherau vor fast zwölf Jahren den Umgang der deutschen Drogenpolitik mit Heroinab hängigen.

O-Ton: Henning Voscherau
Einerseits weiß jeder: Die sind gar nicht Herr ihres Willens. Es gibt einen medizinischen Zwang für die Süchtigen, sich irgendwie ihre Ration verschaffen zu müssen. Darauf muss man sich irgendwie einstellen. Andererseits weiß jeder: Das ist strafbar. Und zwischen diesen beiden Polen beweist sich aus meiner Sicht die absolute Ungeeignetheit unserer juristischen Situation.

Erzähler:
Voscherau gehörte schon Ende der achtziger Jahre zu den ersten deutschen Politikern, die die Freigabe von Heroin als Medikament für Schwerstabhängige forderten, -

O-Ton: Henning Voscherau
damit die Fachleute nach medizinischer Verantwortung gegenüber dem einzelnen Suchtpatienten in einem staatlich zuzulassendem Drogenambulatorium endlich das tun dürfen, was nach ihrer Verantwortung erforderlich ist. Was auch immer. Ein Entzug. Eine Substitution. Und wenn die Medizin es gar nicht anders möglich hat, am Ende notfalls auch Applikation von Heroin.

Matthias Runge
Auf lange Sicht sollte man wirklich, wenn man sieht, jemand ist wirklich lange Jahre heroinabhängig, dann sollte man auch sagen, bevor wir den Mann quälen, geben wir ihm lieber gleich Heroin.

Erzählerin:
Mit dreizehn Jahren wurde Matthias Runge süchtig, mit vierzehn war das erste Mal in einer Klinik zum Entzug, mit siebzehn hat seine erste Haftstrafe verbüßt - vier Jahre, zwei davon in einer Fachklinik für jugendliche Drogenabhängige. Jetzt ist er vierzig.

O-Ton: Matthias Runge
Dann ist die Beschaffungskriminalität weg, der Mann ist erst mal den ganzen Druck los, der Mann kann erst mal aufatmen. Und dann ist er im Grunde frei. Frei für 'ne Entscheidung. Man hat seinen Stoff. Täglich. Man weiß, man kommt ran. In dem Moment hat man halt mehr Freiheit. Man ist nicht nur noch rund um die Uhr am Machen für'n paar hundert Mark, die man wirklich braucht für den Stoff. Das fällt weg. Und dann kann im Kopf, wenn man frei ist, auch eine Entscheidung stattfinden.

Erzählerin:
Politisch stand Henning Voscherau auf verlorenem Posten. Seine Forderung, einen Kurswechsel in der Drogenpolitik und sein Heroin-Modell in das Bundestagswahlprogramm der SPD im Jahr 1990 aufzunehmen, fand keine Mehrheit. Und mit der CDU war eine solche Politik schon gar nicht zu machen.

Erzähler:
Die CDU hält nach wie vor an dem realitätsfernen Dogma einer drogen-freien Gesellschaft und den drei Säulen ihrer Drogenpolitik fest. Prävention soll den Einstieg vor allem Jugendlicher in die Drogenszene verhindern, polizeiliche Repression gegen Dealer und Süchtige soll die Drogenszene bekämpfen und Therapien mit dem Ziel der völligen Abstinenz sollen den Ausstiegswilligen helfen. Dem Ziel des Ausstiegs und der Abstinenz sind auch die Substitutionsprogramme untergeordnet: Die Sucht wird durch Methadon oder Polamidon, oft kurz Pola genannt, befriedigt, körperliche Entzugserscheinungen fallen weg.

O-Ton:
Matthias Runge:
Bis 1991 habe ich gedrückt. Und dann habe ich angefangen mit diesem Pola-Programm. Tote Zeit war plötzlich da. Ich bin damit nicht klar gekommen. Immer wieder die Leute gesucht. Weil ich kannte nichts anderes. Ich habe nichts anderes kennen gelernt in meinem Leben. Ich kannte nur, nur Süchtige. Das war mein Umfeld, darin bin ich klar gekommen, da bin ich groß geworden. Da kannte ich mich aus.

Erzählerin:
Auf etwa 250.000 wird die Zahl der Heroinabhängigen in Deutschland geschätzt. Etwa 5.000 Plätze für stationäre Abstinenztherapien stehen zur Verfügung, etwa 60.000 Abhängige werden ambulant substituiert. So wie Matthias Runge geht es etwa gut einem Viertel dieser Substituierten. Sie kommen nicht heraus aus der Szene, sie vermissen den Kick, den nur das Heroin bewirkt und organisieren sich ihren ruinösen "Beikonsum": Kokain, Amphetamine, Barbiturate und Alkohol.

O-Ton:
Matthias Runge:
Ich schwitze sehr viel. Ich schwitze fast nur. Ich leide an Durchfall. Ich bin überhaupt nicht belastbar. In keinster Weise. Körperlich. Arbeiten? Hier, den Haushalt, teilweise. Da robbe ich dann schon auf dem Zahnfleisch. Das ist von diesem Ersatzstoff. Das ist ganz einfach so. Das ist ganz einfach so. Auch weil ich dadurch diesen Nebenkonsum, weil da eben der Kick fehlt. Es fehlt eben der Kick bei dem Ersatzstoff und dadurch nimmt man andere Substanzen, und diese Substanzen machen krank. Mit Polamidon zusammen machen die krank.

Erzähler:
Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer will "so rasch wie möglich" mit dem Modellversuch zur ärztlich kontrollierten Heroinabgabe beginnen.

Erzählerin:
So verkündeten die Zeitungen schon wenige Wochen nach der Bundestagswahl 1998 den Kurswechsel in der Drogenpolitik. Mit dem Start der rot-grünen Bundesregierung wechselte die Zuständigkeit für die Drogenpolitik vom Innenministerium zum Gesundheitsressort - mehr als nur ein symbolischer Akt. Die drei bestehenden Säulen der Drogenpolitik wurden um eine weitere ergänzt.

O-Ton:
Marion Caspers-Merck
Da geht's dabei um Überlebenshilfe.

Erzähler:
So Marion Caspers-Merck, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

O-Ton:
Marion Caspers-Merck
Neudeutsch wird das unter "harm reduction" zusammengefasst, dass es also darum geht, diejenigen, die schwerstabhängig sind, die aber den Schritt zu einer abstinenzorientierten Therapie nicht schaffen, dass man denen Überlebenshilfe gibt. Dazu gehören Maßnahmen wie zum Beispiel die Substitution mit Methadon, dazu gehören die Einrichtungen von Drogenkonsumräumen und dazu gehört auch das heroingestützte Modellprojekt.

Erzähler:
Ein einfacher und schneller Weg zur ärztlich kontrollierten Heroinabgabe war aber auch unter den veränderten politischen Bedingungen nicht durchzusetzen. So sollte es bis heute dauern, bis die Rahmenbedingungen für eine Arzneimittelstudie, für einen Modellversuchs festgelegt waren, bis das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie die Ethikkommissionen der Ärztekammern die Planungen abgesegnet haben und der Versuch nun beginnt.

Erzählerin:
1120 Drogenabhängige sollen in sieben deutschen Städten an dem Versuch teilnehmen - 460 in Hamburg, 200 in Frankfurt, 140 in Hannover, je 100 in Köln und Bonn und je 60 in Karlsruhe und München. Die Teilnehmer müssen mindestens 23 Jahre alt sein, länger als fünf Jahre heroinabhängig sein und zuvor schon Therapien abgebrochen haben. Die eine zufällig ausgewählte Hälfte bekommt regelmäßig Heroin, die andere bekommt Methadon, beide Gruppen werden nach unterschiedlichen Ansätzen psychosozial betreut. Der Versuch soll zwei Jahre dauern und ist in zwei Phasen unterteilt. Springen nach dem ersten Jahr Teilnehmer aus der "Heroin-Gruppe" ab, haben Teilnehmer der "Methadon-Gruppe" die Chance, in die "Heroin-Gruppe" zu wechseln. Am Ende wird entschieden, ob Heroin als Arzneimittel zur Behandlung von Schwerstabhängigen zugelassen wird.:

Erzähler:
Heroin ist ein seit langem erforschtes und in einigen Ländern auch zugelassenes Arzneimittel. Das auf der Straße sichtbare Drogenelend hat weniger mit der Substanz zu tun als mit den sozialen Umständen, unter denen illegales Heroin als Droge konsumiert wird: Kriminalität, unhygienische Bedingungen, verunreinigtes und "gestrecktes" Heroin - "Straßenheroin" enthält oft nur zwanzig Prozent reines Heroin -, Beikonsum von allen möglichen Stoffen, wenn es gerade kein Heroin gibt, schwerste Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder Aids.

Erzählerin:
Die lange Zeit rechtlich und politisch umstrittenen Drogenkonsumräume, auch "Fixerstuben" genannt, setzen mit ihrem Angebot bei den Konsumbedingungen an. Sie ermöglichen den Junkies, ihren nach wie vor illegal erworbenen Stoff wenigstens unter hygienisch einwandfreien Umständen zu spritzen und bieten darüber hinaus auch soziale Kontakte, Betreuung und Hilfe bei ersten Schritten aus dem Elend heraus an. Das jetzt erprobte Heroin-Modell setzt auf der Ebene des Stoffs selbst an.

O-Ton:
Marion Caspers-Merck
Ziel der ganzen Maßnahme ist, Überlebenshilfe zu geben, diejenigen, die in der offenen Szene in der Stadt sind, an eine Einrichtung zu binden und sie dadurch auch in ein Kontrollsystem und eine Neuausrichtung ihres Lebens zu bringen. Für mich gibt es vier Zielsetzungen, die ich damit verbinde: Das erste ist, ich möchte die Beschaffungskriminalität zurückdrängen. Das zweite ist, ich möchte diejenigen erreichen, die praktisch aufgegeben worden sind. Das dritte ist, ich möchte, dass sich die Arbeitsfähigkeit und der Gesundheitszustand dieser Schwerstabhängigen verbessern, und das vierte ist, ich möchte für diejenigen, die kein Methadon vertragen, die für Methadonsubstitution nicht in Frage kommen, eine weitere Möglichkeit schaffen.

Michael Krausz:
Die Studie ist ein Erfolg, wenn der körperliche oder psychische Gesundheitszustand sich deutlich bessert, also mindestens in einer Größenordnung von 20 %, und der Konsum von Straßenheroin deutlich abnimmt und der Kokain-Konsum nicht zunimmt. Die Hypothese ist, dass der Kokain-Konsum abnehmen wird.

Erzähler:
Darüber hinaus, so Michael Krausz, Professor an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und wissenschaftlicher Leiter der Studie, sollen die Junkies von der Straße geholt, die Belästigung der Bevölkerung gemildert und auch die begrenzten finanziellen Ressourcen der Drogenhilfe sinnvoller eingesetzt werden.

O-Ton:
Michael Krausz
Es ist meiner Meinung nach die wirtschaftlichste Form, mit Drogenabhängigkeit umzugehen, weil man nicht erst wartet, bis man Frührentner und körperlich Schwerstkranke hat, sondern man wird letztendlich in einer Form von Sekundärprävention tätig. Man gibt für Suchttherapie Geld aus, was meiner Meinung nach sinnvoll ist und auch erfolgsversprechend, und nicht für die Behandlung von schweren Komplikationen, wie sie eben leider sehr sehr häufig vorkommen. Es gibt ja nicht nur die Drogentoten auf Grund von Überdosierung, sondern es gibt ja eben auch sehr viele, die im Zusammenhang mit schweren Infektionserkrankungen oder mit Selbstmord versterben. Und das ist bei Menschen zwischen dreißig und vierzig einfach ein nicht zu tolerierender Zustand.

Erzählerin:
Der Weg, auf dem diese Ziele erreicht werden sollen, hat jedoch im Laufe der Jahre eine deutliche Veränderung erfahren, und hier setzt vor allem die Kritik von Mitarbeitern der Drogenhilfeeinrichtungen an. Rainer Schmidt, Geschäftsführer des Vereins Palette e.V., eines Trägervereins für Einrichtungen der Drogentherapie:

O-Ton:
Rainer Schmidt
Zunächst muss man einmal festhalten, dass ursprünglich daran gedacht war, eine beinahe flächendeckende Versorgung mit Heroin zu gewährleisten, um den Schwarzmarkt auszutrocknen, um Kriminalitätsraten massiv herunterzudrücken und um natürlich auch für die Gesundheit der betroffenen Menschen etwas zu tun. Das war der Ansatz. Den gibt es in dieser Form nicht mehr. Statt dessen haben wir es heute mit einer Medikamentenstudie zu tun, die höchstens 230 Leute bedient und dazu eine Methadon-Gruppe hat, um eine Vergleichsmöglichkeit zu haben. Das ist etwas ganz anderes als das, was ursprünglich gedacht war. Jetzt kommt als Zweites noch hinzu, dass diese Medikamentenstudie gewisse Anforderungen hat, die sehr hoch sind und die viele derjenigen, die ja immerhin als schwerstabhängig bezeichnet werden, die eigentlich diejenigen vom Hauptbahnhof sein sollen, wahrscheinlich nicht werden erfüllen können.

Erzählerin:
Wollte der Hamburger Senat zunächst probeweise, dann auf Dauer das Betäubungsmittelgesetzes so ändern, wird jetzt der wesentlich kompliziertere Weg einer Arzneimittelstudie beschritten. Und das, obwohl eigentlich keine Zeit zu verlieren ist, obwohl in der Schweiz und in den Niederlanden unterschiedliche Studien zu guten Ergebnissen geführt haben und seit Jahren Heroin mit Erfolg in der Drogenhilfe eingesetzt wird. Was von zahlreichen Fachleuten gerade für die Züricher Drogenszene anerkannt wird, kann der Drogenexperte Günter Amendt aus eigener Beobachtung bestätigen.

O-Ton:
Günter Amendt
Also aus einem Menschen, der vorher ausschließlich in der Welt der Heroin-Beschaffung und des Heroin-Rauschs gelebt hat und praktisch kaum noch andere Interessen hatte, auch weil der Tagesablauf eben total strukturiert war durch die Notwendigkeit, Geld zu beschaffen, um dann Heroin zu beschaffen, sich dann einen Ort zu suchen, wo man sich den Schuss setzen konnte, um dann schon wieder vorzubereiten die nächste Geldbeschaffungs- und Heroinbeschaffungsaktion - das ist ein full-time-job - solche Leute habe ich erlebt. Vorher. Nachher. Und ich habe veränderte Menschen wiedergefunden. Ich habe Menschen wiedergefunden, um mal vom Simpelsten auszugehen, die beispielsweise wieder auf Körperhygiene geachtet haben. Menschen, die wieder auf ihre Ernährung achten, Leute, die, ja ich würde es wirklich so pathetisch sagen, wieder aufrecht gegangen sind. Das heißt, die aus dieser Fixer-Haltung, die jeder der die Szene kennt, sofort beschreiben könnte, das ist die Haltung eines zurückgezogenen Körpers, eines, als Laie würde man vielleicht sogar sagen, eines verkrampften Körpers, jedenfalls Menschen, die permanent geduckt gehen, die permanent auf der Lauer sind, auch Angst vor Repression, Angst vor Polizei, Angst vor Spitzeln haben, all das ist weg und dir treten Leute entgegen, wie einem andere Leute auch entgegentreten. Erzählerin: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung dagegen verweist darauf,

O-Ton:
Marion Caspers-Merck
dass es international heftige Kritik an der Schweiz gab, weil die Schweiz internationale Konventionen nicht erfüllt hat. Wir sind in internationalen Suchtstoffkonventionen gebunden, wir haben die von 1988 unterzeichnet, die Schweiz nicht, und dort wird klar geregelt, dass es staatlicherseits nicht zum Einsatz von Originalstoff kommen darf. Wenn man das tut und nicht gerügt werden will international, hat man einfach diese sehr komplizierte Konstruktion einer Arzneimittelstudie vorzulegen. Und es ist der Schweiz auch vorgeworfen worden, ihr könnt ja gar nicht nachweisen, dass eure Erfolge, dass die Leute wieder arbeitsfähig werden, dass die gesundheitliche Stabilisierung erreicht wurde, dass die auf den Originalstoff zurückzuführen sind, sondern ihr habt die einfach besser betreut wie die Normalen, die in der Substitution sind. Und aus diesem Grund haben wir gesagt: Uns interessiert, an was liegt es? Und von daher ist für mich entscheidend gewesen, dass wir eine Gruppe haben, die Heroin bekommen wird, und eine Kontrollgruppe, die normal substituiert wird, und beide werden intensiv betreut.

Michael Krausz
Wir variieren und vergleichen miteinander zwei pharmakologische Bedingungen, nämlich einmal die Methadonbehandlung und auf der anderen Seite die heroingestützte Behandlung. Das umfasst die Möglichkeit, bis zu drei mal am Tag Heroin zu injizieren und Methadon im Bedarfsfall dazuzukriegen.

Erzählerin:
So Michael Krausz, der schon in den Expertenbeiräten der Versuche in der Schweiz und in den Niederlanden gesessen hat und die Fragestellungen, die angewandten wissenschaftlichen Methoden und die Auswertungskriterien entwickelt hat. Darüber hinaus geht es allerdings auch um eine Therapiestudie. Zwei unterschiedliche Therapiekonzepte werden miteinander verglichen.

O-Ton:
Michael Krausz
Das eine ist eine Gruppenintervention, die auf die Erfahrungen in der psychiatrischen Therapie aufsetzt. Dabei geht es um die Stärkung vorhandener Ressourcen, um die Mobilisierung von Erfahrungen und sozialen Fähigkeiten, sehr klar beschrieben, sehr klar standardisiert. Und in der anderen Variante geht es um Case-Management, um eine nachgehende Sozialarbeit, die letztendlich die Patienten in ein bestehendes Hilfsangebot außerhalb optimal vermitteln soll. Nicht wie die meisten Drogenberatungen, die eine Komm-Struktur haben, sondern die Case-Manager sind gehalten, ihre Klienten mindestens einmal in der Woche zu sehen und sich auch selber darum zu kümmern, dass der Kontakt zustande kommt und nicht zu warten, bis die erscheinen. Sie haben also ein Einzelsetting, ein Gruppensetting, es sind wirklich signifikante Unterschiede, die auch interessant sind für die Weiterentwicklung des Hilfesystems darüber hinaus.

Matthias Runge
Ich bin immer noch ein Junkie. Ich bin heroinssüchtig. Und ich bin kein Koksraucher, und ich bin kein Polytoxikomane. Aber alles bin ich zwangsläufig gewesen. Alles nur weil das Medikament Heroin, was ich eigentlich gebraucht hätte, mir nicht verschrieben worden ist.

Erzählerin:
Um aus dem gleichförmigen Einerlei seiner Tage herauszukommen, um diese Gier nach einem Kick zu befriedigen, hat Matthias Runge zusätzliche zu Plamidon weiterhin Straßendrogen. Obwohl er also in einem Programm der Drogenhilfe war, ging es ihm bald wirklich dreckig.

O-Ton:
Matthias Runge
Ich habe Krampfanfälle bekommen, bin also in dieser Wohnung praktisch mit dem Kopf in die Heizung gelaufen. Frontal. Und bin in der Nacht irgendwann aufgewacht und wusste von nichts. Ich hab nur in den Spiegel geguckt: alles blutüberströmt und hab mich dann wieder ins Bett gelegt und war einfach kaputt. Ende aus. War nichts mehr. Lag auf dem Rücken und wusste nicht mehr, wie ich hoch komm. Ich wollte aufstehen und wusste gar nicht mehr, wie das funktioniert. Da hat's bei mir dann Peng! gemacht. Da habe ich gedacht, wenn ich aus diesem Alptraum jemals wieder aufwache, dann führe ich mir einige Substanzen nicht mehr zu.

Erzählerin:
Matthias Runge will nur eines: sauberes Heroin. Damit der den Druck los wird, seine Gier nach dem Kick mit dem Beikonsum befriedigen zu müssen. Eine weitere Kritik an dem Modellversuch lautet deshalb, dass man den Teilnehmern nicht zumuten kann, in die Methadon-Kontrollgruppe Modellversuchs gelost zu werden.

O-Ton:
Günter Amendt
Die Weltgesundheitsorganisation hat durchaus mittlerweile Kriterien entwickelt, die die Notwendigkeit einer solchen Arzneimittelstudie in Frage stellen. Denn als Kriterium für den Erfolg oder Misserfolg einer solchen Maßnahme wird auch das subjektive Empfinden der Menschen, die beispielsweise jetzt Heroin bekommen, mit zugrunde gelegt. Und nicht nur deren subjektives Empfinden, sondern auch das subjektive Empfinden ihrer Umwelt. Also wenn plötzlich die Ehefrau sagt, meinem Mann geht es besser, wir haben es in der Familie wieder besser, weil mein Mann regelmäßig sauberes Heroin bekommt. Und der betroffene Mann sagt, mir geht es besser, ich will wieder arbeiten, ich kümmere mich um meine sozialen Verpflichtungen gegenüber den Kindern und der Familie, dann ist das auch schon ein Kriterium. Und die Vergleichsebene liegt für mich nur auf der Ebene vorher - nachher.

Erzähler:
In Karlsruhe und Bonn ist die Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer angelaufen, in Hamburg, Hannover und Frankfurt, in München und Köln werden letzte Vorbereitungen dazu getroffen. Obwohl es in einzelnen Städten, besonders in Hamburg noch Probleme mit dem Standort der Heroinambulanz gibt, obwohl neben der Kritik aus Einrichtungen der Drogenhilfe auch konservative Kritiker jetzt behaupten, das Projekt gehe an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbei, ist Michael Krausz optimistisch, dass die konkrete Behandlung im Spätsommer startet.

O-Ton:
Michael Krausz
Auch der Drogenabhängige, der verelendet ist, ist durchaus in der Lage, wenn er einen persönlichen Nutzen daraus ziehen kann, an so einem Programm teilzunehmen. Und zwar aus verschiedenen Gründen. Wenn sie feststellen, dass sie sich dadurch stabilisieren, dass es ihnen besser geht, dass sie ihre Abhängigkeit einigermaßen kontrollieren können. Und diese Erfahrung machen die Betroffenen sehr schnell. Allein durch die Struktur der Ambulanz und die dort vorhandene Hilfe und Ansprache verändert sich das Leben der Betroffenen ganz grundsätzlich. Wenn sie sich die Methadonsubstitution anschauen, ist das ganz ähnlich. Die Anforderungen sind da natürlich niedriger, aber das, was sie dafür kriegen, ist für sie subjektiv auch sehr viel wert.

Erzählerin:
Das Argument, dass das rigide Zeitmanagement des Versuchs für einen Junkie von der Straße nicht zu bewältigen ist, weist Michael Krausz wegen der guten Erfahrungen in anderen Ländern zurück. Auch der Junkie auf der Straße lebe ja unter dem Diktat der Zeit.

O-Ton:
Michael Krausz
Der Rhythmus der Junkies ergibt sich da ja aus ganz anderen Gesetzmäßigkeiten. Der ergibt sich daraus, wie ist gerade der Stand des Entzugs und wie komme ich an Nachschub ran. Und genau diese Zeit für andere Dinge nutzen zu können, ist ja ein großer sekundärer Gewinn. Wieder jobben zu können wieder Zeit für andere Dinge zu haben, sich neu zu orientieren. Das ist ja überhaupt eine der Grundideen von Substitution.

Erzähler:
Diese Grundidee wird auch in konservativ regierten wie Frankfurt und Bonn getragen, und auch Hamburgs Bürgermeister von Beust steht zu dem Modellversuch. In der politischen und auch ethisch motivierten Diskussion über die Ausrichtung der Drogenpolitik wird immer wieder die Frage gestellt, ob sich der Staat und die Gesellschaft auf diese Weise nicht zum Dealer machen, ob sie vor dem Drogenproblem kapitulieren statt es zu lösen. Zu diesem Problem ist seit dem Statement Henning Voscheraus aus dem Jahr 1991 kaum etwas Neues hinzuzufügen:

O-Ton:
Günter Amendt
Es geht simpel, um es noch einmal zu sagen, darum, Menschen, die krank sind, zu helfen und Heroin aus dieser mystifizierte heroischen Droge zu einem simplen Medikament zu machen, und ihnen das zu geben, was andere Menschen, die eine andere Krankheit haben, auch bekommen als Medikament, um ein Leben ohne Schmerzen, ohne Qualen, ohne Verelendung führen zu können. Nur darum geht es. Das Drogenproblem selbst muss an einer ganz anderen Stelle angegangen werden.

Erzähler:
In der Diskussion, auch in Kommunalwahlkämpfe geraten kann und die Emotionen hoch kochen lässt, geht es um die praktische Durchführung der Studie, um die Auswahl der Standorte, an denen die Abhängigen ihr Heroin bekommen und psychosozial betreut werden sollen. Die Nachbarn haben Angst, dass mit den Abhängigen auch die Kriminalität in ihre Stadtteile zieht: zum einen die Beschaffungskriminalität, Überfälle und Einbrüche also, zum anderen der Drogenhandel, der seiner Kundschaft folgt und auch neue Märkte erschließen will, also Schülerinnen und Schülern gefährlich werden kann. Dazu kommt die Sorge, dass sich das Drogenelend, das sie sonst vom Hauptbahnhof oder anderen einschlägigen Plätzen kennen, in Zukunft vor der eigenen Haustür breit macht.

Erzählerin:
Diese Ängste sind durchaus ernst zu nehmen, ob sie aber gerechtfertigt sind, steht auf einem anderen Blatt. Denn Beschaffungskriminalität erübrigt sich, wenn es den Stoff gratis gibt, und auch der Dealer hat gegen die kostenlose Konkurrenz der Drogenambulanz auch keine Chance. Das zeigen auch die Erfahrungen anderer Länder.

O-Ton:
Christina Baumeister
Ich glaube schon, dass wir in Hamburg einen breite Akzeptanz für eine fortschrittliche Drogenpolitik haben.

Erzählerin:
- erklärt Christina Baumeister, die Drogenbeauftragte des Hamburger Senats. Im Prinzip ja, aber nicht hier - das scheint die vorherrschende Haltung gegenüber neuen Einrichtungen zu sein.

O-Ton:
Christina Baumeister
Was die Bevölkerung kritisiert, ist, dass es nach wie vor nicht gelungen ist, die Belastungen in den Stadtteilen, in denen es eine offene Szene gibt, so zu reduzieren, dass die Situation für alle dort erträglich scheint. Das erhoffen wir uns natürlich auch als Nebeneffekt der Heroinbehandlung, dass auch die offene Szene sich verkleinert. Aber das wird ein Effekt sein, der erst später eintritt, wenn sehr viele Patientinnen und Patienten behandelt werden und nicht bei einem Modellversuch bei 230 Patienten in Hamburg.

Rainer Schmidt
Wir haben ja ursprünglich Erfahrungen gemacht mit den Fixerräumen. Die sind in den Quartieren etabliert und die haben sich durch die Bank bewährt. Wir haben nur ein Problem damit, dass diese Einrichtungen überlaufen sind und dass nicht genug getan wird, Entlastung zu schaffen. Die Entlastung wird von der Bevölkerung gesehen, aber es muss auch eine sein, die ausreichend ist. Und da hapert es in der Politik seit Jahren. Ein Beispiel: Wenn im Drob Inn am Hauptbahnhof 63.000 Mal im Jahr ein Druck gesetzt wird, im Drob Inn, dann ist das 63.000 Mal nicht auf der Straße. Also eine mords Entlastung. Wir wissen nur, dass diese Angebote aktuell nicht ausreichend sind. Es wird zu wenig Geld rausgetan, um weitere Entlastungseffekte hinzubekommen.

Erzähler:
St. Georg kämpft für das Drob Inn Die Bürger sind überzeugt, dass die Drogeneinrichtung des Stadtteil entlastet.

Erzählerin:
So berichtet die konservative Tageszeitung "Die Welt" über die Diskussionen, die Innensenator Schill um den Drogenkonsumraum in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs ausgelöst hatte. Schill will die Drogenszene zerschlagen und dazu das Drob Inn an einen anderen Ort verlegen, doch die Bürger haben die Erfahrung gesammelt, dass nur eines hilft: ein ausreichendes Angebot. Die Erfahrungen sollten nicht nur in Sachen Fixerstuben Konsequenzen tragen, sie sollten auch vermittelt werden, um den Streit um die Standorte der Heroinambulanzen zu entschärfen. Noch einmal Michael Krausz:

O-Ton:
Michael Krausz
Andererseits wird man mit den Heroinabhängen im Rahmen des Versuchs es mit den bestbehandeltsten und bestkontrollierten Opiatabhängigen zu tun haben. Es gibt keinen Grund für sie, sich vor den Ambulanzen zu versammeln und zu dealen. Die kriegen pharmakologisch reine Substanz und ein sehr gutes Betreuungsangebot und es ist ihnen auch klar, dass sie auch unter einem besonderen Interesse beobachtet werden von allen Seiten. Weil alle wissen wollen, ist das eine vernünftige Art und Weise - auch die Polizei, auch die Justiz - mit diesem Problem umzugehen. Und ich glaube, dass es nicht sinnvoll ist, immer breite Diskussionen über solche Standorte zu führen. Ansonsten bekommt man für bestimmte bedürftige und hilfsbedürftige Gruppen unserer Bevölkerung überhaupt keine Einrichtungen mehr. Ich glaube, die Diskussion ist bei der Schaffung von manchen Behinderteneinrichtungen oder psychiatrischen Einrichtungen ähnlich. Und das ist bedauerlich.

Erzählerin:
Matthias Runge ist nach 27 Jahren illegalen Heroinkonsums durch so ziemlich alle Höhen und Tiefen der Drogensucht gegangen. Seit zehn Jahren wird er nun substituiert. Seit ein paar Jahren ist sein Zustand einigermaßen stabil. Er sieht einigermaßen gesund aus, hat eine vom Sozialamt bezahlte Wohnung, und quält sich dennoch mit dem Beikonsum. Er gehört zu denen, die darauf warten, dass ihnen endlich weiter geholfen wird:

O-Ton:
Matthias Runge:
Was du jetzt für einen Eindruck von mir hast, das war nicht immer so. Da habe ich lange für gebraucht. Das war wirklich - das war eine totale Veränderung. Und ich bin längst noch nicht fertig. Der nächste Schritt heißt für mich wie gesagt Heroin. Weil ich von Polamidon auch nicht entziehe.
Und wenn ich dann auf Heroin bin, dann kann ich weiter sehen. Wenn ich die Umstellung geschafft habe vom Polamidon, dass ich endlich meine Ruhe hab und auf Heroin bin, ja, dann (Stöhnen) - das kann ich nicht erklären. Wie soll ich das erklären? Dann habe ich wieder so ein auf und ab. Nicht so wie jetzt. Das ist so ein Einheitsbrei, irgendwie.


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