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"Das ist alles nicht weit weg von mir"

Ein Portrait Ralf Königs

Freitag, August 1996

"Ich arbeite in diesen Comics meine eigenen Unsicherheiten, meine Zweifel und auch Vielseitigkeiten ab", erklärt Ralf König über sein Verhältnis zu seinen vielfältigen und widersprüchlichen Figuren. "Dieses Comic-Zeichnen hat für mich wahrscheinlich auch starke therapeutische Aspekte." Da sind Norbert und Walter, die durch den "Bewegten Mann" zu Weltruhm gelangt ist, aber auch Konrad und Paul, deren Leben in einer beinah kleinbürgerlich anmutenden Beziehung, König signiert

deren Suche nach dem ultimativen Sex-Erlebnis außerhalb der "Ehe" und deren sexuelle Obsessionen er seit einigen Jahren mit dem Filzstift begleitet: für die mittlerweile eingestellte Zeitschrift Magnus, aber auch in seinem provokativen Album "Bullenklöten", für das sich schon die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und ein Thüringer Staatsanwalt interessiert haben. Schließlich hat der etwas vergeistigte Konrad es auf seinen minderjährigen Klavierschüler abgesehen, und Paul hat nichts als die Muskeln, den Hintern und den riesigen Schwanz des spanischen Bauarbeiters Ramon im Sinn. "Ich sitze da und lasse Paul mit seinem Ramon echt die Hölle erleben. Der Mann geht ja am Ende echt am Stock. Und das ist gar nicht so weit von mir weg. Diese ganzen unglücklichen Liebesgeschichten, die jeder schon hinter sich hat, sind bei mir ziemlich oft in psychischen Katastrophen geendet. Das lasse ich vielleicht an Paul aus. Es gibt in fast jeder Figur, die ich zeichne, starke Parallelen zu mir. Das ist alles nicht weit weg von meinem Leben."

Als Ralf König vor über 15 Jahren begann, seine knollennasigen Figuren in die Abenteuer des schwulen Alltags zu stürzen, wurde er kaum wahrgenommen. Heute erreichen seine Bücher Millionenauflagen, sind in elf Sprachen übersetzt und in siebzehn Ländern erschienen. Nach seiner Vorlage hat der Regisseur Sönke Wortmann den Film "Der bewegte Mann" gedreht. Die bis dahin erfolgreichste deutsche Film-Komödie ist jetzt auch in den Vereinigten Staaten angelaufen. "May be - may be not" lautet hier der Titel des Streifen. Ob bieder oder sexbessen, ob als Kerl oder als Tunte, ob Kulturtrine oder Pornofan - Königs Figuren sind zu Botschaftern der Schwulen in der Welt der heterosexuellen Normalität geworden: "Ich weiß nicht, wenn ich meine Figuren zeichne, dann gucke ich eigentlich mehr auf mich selber", kommentiert er diese überraschende Entwicklung, "weil es in mir gibt diese verschiedene Seiten gibt. Ich bin mal spaßig drauf, und dann bin ich aber auch depressiv drauf, ich bin geil, ich habe Lust auf richtig guten Sex, aber ich habe auch diese Ängste, die damit zusammenhängen. Man kann man ja heutzutage nicht einfach so loslegen, wie man das gerne möchte. Diese Widersprüche spiegeln sich in diesen Charakteren wider." Daß dabei dann keine "Superhelden" herauskommen, versteht sich von selbst, und gerade das macht Königs Erfolg aus.

Der Reiz seiner Beziehungsgeschichten liegt darin, daß oft auch banale und immer wieder kolportierte Situationen in einem Milieu angesiedelt ist, in dem man sie nicht erwartet; daß König seine Figuren so genau beobachtet, ihren Alltag so präzise in Gestiken, Gesichtsausdrücken und Dialogen ins Bild setzt, in der Zeichensprache des Comics verfremdet und so zur Kenntlichkeit verzerrt, daß sich auch heterosexuelle Betrachter bei ihren Träumen und Ängsten ertappt fühlen können. Darin, daß seine Figuren so beiläufig wie direkt, so obszön und doch auch wieder harmlos mit dem Thema Nummer eins umgehen, all ihren Phantasien freien Lauf lassen; daß sie auf intelligente und liebenswürdige Art die voyeuristische Lust Männer und Frauen befriedigen, ohne daß die Zeichnungen pornographisch sind. Dennoch unterscheidet sich die Lesart von homo- und heterosexuellen Lesern. "Ich glaube, daß Schwule meine Bücher sehr viel unverkrampfter lesen", vermutet König, "also wenn da mal das Wort ficken steht, dann zucken die nicht gleich zusammen, während bei Heteros, denke ich mir, gibt es viele, die sich fragen: Wie reden die denn eigentlich miteinander? Reden die denn wirklich nur in Obszönitäten? Reden die nur über Sex? Wenn Heteros das lesen, habe ich immer das Gefühl, sie denken: Ja, Schwule sind so. Genau so.Vielleicht ein bißchen übertrieben, weil es halt lustig sein soll, aber letztendlich sind sie so."

Die Körper sind nicht schön. Die übertriebenen Geschlechtsteile und sexuellen Akte, die in der Totale und auch im Detail gezeigt werden, wirken kurios. Und auch die Dialoge befremden eher, als das sie stimulieren. König spielt mit Elementen des Pornos, zeigt Sex pur, doch unterläuft er auf subversive Weise die oberflächliche und letzenendes langweilige Wirkungsstrategie der Hochglanz-Pornos und Videos. Was machen die da eigentlich, wundern sich die Leser und schmunzeln, so der Bremer Sexualwissenschaftler Rüdiger Lautmann, "auf metasexueller Ebene". Die Figuren reden über Sex und nutzen, mit Eifer und ohne schlechtes Gewissen, jede sich bietende Gelegenheit. Das rührt an die Phantasien des Publikums. Und alles, was geschieht, geschieht unter Gleichen. Es ist umkehrbar. So ist in der verfremdeten zeichnerischen Darstellung vieles möglich, was in der Realität des heterosexuellen Geschlechterkampfes kaum denkbar ist, als "Übergriff" oder "sexuelle Gewalt" gewertet würde. Vor dem Hintergund einer zunehmenden Verunsicherung über die Geschlechterrollen und sexual correctness wirkt das befreiend - nicht nur auf Männer. Und noch etwas nimmt die Leser für Königs Figuren ein: Ihre sexuellen Allmachtsphantasien und Obsessionen werden genauso thematisiert wie ihre offenkundigen Schwächen, ihr "Versagen" und ihre "Niederlagen". Ist das typisch schwul? "Ich glaube, daß Hetero-Männer stärker diesen Konkurrenzkampf verinnerlicht haben, dieses Keine-Schwäche-Zeigen, vor allem dieses Keine-sexuellen-Probleme-Zeigen. Und ich glaube, daß Schwule sich nicht so sehr schämen, verletzlich zu sein. daß schwule Männer untereinander weniger Probleme haben, auch diese Schwächen zu thematisieren, auch darüber zu reden, daß man Probleme hat, weil man einen kleinen Schwanz hat, oder weil man nur anonymen Sex haben kann und Beziehungen vernachlässigt." König räumt ein, daß "Heteros" dies vielleicht auch "seltsam finden", ist aber auch überzeugt, "daß sie ein bißchen neidisch sind, wenn sie das lesen."

Der 1960 geborene und in der westfälischen Provinz augewachsene Ralf König hat mit neunzehn seine ersten Zeichnungen in kleinen, schwulen Szene-Blättchen veröffentlicht, 1981 erschien sein erstes Buch. Er entwickelt sich zu einem Geheimtip in der Schwulen-Szene. Darüber hinaus wird er nicht wahrgenommen. In dieser Beschränkung liegen jedoch seine Chancen: Sein Publikum weiß, wovon er zeichnet. Es kennt die nüchternen Realitäten, hat einen Sinn für die maßlosen Wünsche und Übertreibungen, für die entkrampfenden Ironisierungen. König bewegt sich mit seinem Humor innerhalb eines begrenzten Zusammenhangs. Auf der Basis von gemeinsamen Erfahrungen kann er ohne jede Rücksichtnahmen auf den "guten Geschmack" seine mittlerweile zum Markenzeichen gewordene Handschrift entwickeln. Doch neben der Schwulenszene interessieren sich bald auch die Comic-Fans für den Autor, mit seinen ersten Veröffentlichungen im Rowohlt-Verlag kommt ein ganz neues Publikum hinzu. König versucht, es auch diesem Recht zu machen. Hier macht er Angebote an ein heterosexuelles Publikum, da zeichnet er unverändert und drastisch aus der schwulen Welt. Während 1987 im Rowohlt-Taschen-buchverlag "Der bewegte Mann" erscheint, publiziert König fast zeitgleich in einem kleinen Verlag, der sonst auf Pornos spezialisiert ist, "Das Kondom des Grauens". Erste Auflage: 500 Exemplare. Die eine Geschichte erzählt von dem Wirbel, den der gutaussehende, aber heterosexuelle Axel bei Norbert und Walter auslöst und gewinnt damit ein breites, heterosexuelles Publikum. In der anderen reagiert König drastisch und mit schwarzem Humors auf ein Thema, das zu diesem Zeitpunkt über die Schwulen hereinbricht: die Bedrohung freier Sexualität nicht nur durch Aids, sondern durch einen reaktionären gesellschaftlichen Diskurs, der nicht die Verbreitung des Virus, sondern freie Sexualität an sich zur Wurzel allen Übels erklärt.

Auf "Der bewegte Mann" folgen bei Rowohlt die schwul gegen den Strich gebürstete Geschichte der "Lysistrata", "Pretty Baby", "Beachboys" und andere Geschichten, mit denen König sich die Herzen eines großen Publikums erobert. Als Ausgleich für die kleinen Kompromisse, die er dabei eingehen muß, entwickelt er das Figurenpaar Konrad und Paul, zeichnet er hier um so drastischer von schwulen Obsessionen. Doch spätestens nach Sönke Wortmanns Film "Der bewegte Mann" aus dem Jahr 1994 ist Ralf König zum Star geworden. Die Zielgruppen lassen sich nicht mehr trennen. Fast hunderttausend Exemplare hat der kleine Szene-Verlag MännerschwarmSkript Verlag von "Bullenklöten" verkauft, nicht nur über den einschlägigen schwulen Buchhandel, sondern auch in großen Buchkaufhäusern und Bahnhofskiosken. "Im Moment habe ich da wirklich eine Krise, das muß ich zugeben," erklärt König den Umstand, daß er seit dem - mit Ausnahme eines gezeichneten Selbst-Interviews - keine größeren neuen Arbeiten vorlegt. "Es war vorher schon seltsam, zu wissen, daß so viele Heteros meine Bücher lesen, aber seit dem dieser "Bewegte-Mann-Film" im Kino war, gibt es noch mehr Leute, die sich plötzlich für das interessieren, was ich da gezeichnet habe. Und das irritiert mich insofern, daß ich nicht mehr so ganz ohne ein gewisses Messer im Kopf und eine gewisse Selbstzensur am Schreibtisch sitzen kann und zeichne."

Als Sönke Wortmann bald nach erscheinen des Buchs den Plan faßte, den "bewegten Mann" als Realfilm in die Kinos zu bringen, sahen Chancen des Stoffes noch recht düster aus. Weder die Gremien der Filmförderung noch ein Produzent wollten dem damals noch unbekannten Regisseur Geld für einen Film im Schwulenmilieu geben. Es dauert sechs Jahre, bis er seinen Erfolg feiern kann, der die Perspektive der Handlung jedoch umdreht: Der Film erzählt nicht aus der Sicht der beiden Schwulen, sondern aus der Sicht Axels und Doros, und Axel ist der Held. Die Figur des liebenswürdigen Schwulen ist mit diesem Film so populär geworden wie der schrulligen Mutter, die in keiner Beziehungskomödie fehlen darf, und das war keineswegs Königs Absicht. Für "Das Kondom des Grauens" (Regie: Martin Walz) hat er selbst das Drehbuch geschrieben. Dieser Film - die Vorlage entstand parallel zum "bewegten Mann" - knüpft an die andere Linie seinem Schaffen an, verletzt auch heute wieder die Grenzen des guten Geschmacks. Ein Indiz dafür ist nicht zuletzt, daß es auch für diesen Film, zwei Jahre nach dem sensationellen Erfolg Sönke Wortmanns, keine Filmförderungsmittel gab, aber auch, daß ein Thüringischer Staatsanwalt vor wenigen Monaten die Bücher "Das Kondom des Grauens" und "Bullenklöten" von der Polizei beschlagnahmen ließ. Erinnert dieser Vorgang König an seine Figur Mrs. Riffleson, die das "Kondom des Grauens" entwickeln läßt, um dem unzüchtigen Treiben in den New Yorker Stundenhotels auf blutige Weise Einhalt zu gebieten? "Stimmt, es gibt jetzt einen Mr. Riffleson. Diese Mrs. Riffleson im Film ist natürlich eine ausgesprochen groteske Figur. Was die da verzapft, ist sehr übertrieben. Aber das ist ja leider ein Zug der Zeit, daß man mit der Satire gar nicht mehr hinterher kommt. So eine Figur, die erzkatholisch ist und total moralverbissen, ist als Comic-Figur zum Lachen, aber wenn sie dann wirklich auf den Plan tritt, beunruhigt das schon."

Nachtrag 1998

"Jago" erschienen
Ein aktuelles Gespräch mit Ralf König

geführt von Detlef Grumbach

Frage: Seit "Bullenklöten" (1992) sind nur kleine Geschichten erschienen, die Filme und Remakes. Endlich gibt ist jetzt ein neues Buch. Wie bist Du auf Shakespeare gekommen?

Ralf König: Ich habe schon Mitte der achtziger Jahre mit einer kleinen schwulen Theatergruppe Macbeth ‘vergewaltigt’. Ich war jung, geil und hatte von Shakespeare keine Ahnung. Durch Filme, durch Polanskis "Macbeth" und Zeffirellis "Romeo und Julia" habe ich mich dann mehr für ihn interessiert. Ich wollte damals schon den "Othello" zeichnen: mit diesem schwarzen Macho, der von Jago zur Eifersucht verführt wird und seine Geliebte umbringt. Die ersten Zeichnungen stammen aus dieser Zeit.

Frage: Warum hat es so lange gedauert, bis das Buch fertig wurde?

Ralf König: Es war ziemlich viel los in meinem Leben in den letzten Jahren: die Arbeit mit den Filmen, mit der ich nicht so zufrieden war, der Ärger mit der Bundesprüfstelle für ju-gendgefährdende Schriften und den Beschlagnahmungen meiner Bücher. Dann ist ein Freund gestorben. Ich brauche Ruhe zum Zeichnen, und die hatte ich nicht. Nach den beiden Filmen geht es jetzt ein bißchen zurück zu den Wurzeln.

Frage: Im "Jago" wird gekifft, Leder oder Kleidung von Giorgio Banani sind ‘in’. Geht es um Shakespeare oder die Gegenwart?

Ralf König: Ich wollte ein London zu Shakespeares Zeiten und nach Shakespeares Motiven zeigen, in dem das schwule Leben nur ein bißchen entfernt ist von dem, was heute passiert. Man soll ja viel lachen. Ich habe erst den Fehler gemacht, zu viel Shakespeare in die Geschichte zu packen. Das war kaum lesbar und viel zu kompliziert. Ich habe dann viele Originalzitate rausgeschmissen und ersetzt durch Satire und hintergründige, boshafte Seitenhiebe auf heutige Verhältnisse.

Frage: Tom Poope sieht aus wie Paul. Er liebt Gronzo Granato, den wilden Schwarzen, wie Paul in "Bullenklöten" den Spanier Ramon. Existiert da eine innere Verbindung?

Ralf König: Alle Figuren, die ich zeichne, haben etwas von meinem eigenen Charakter. Etwas! Eins zu eins kann man das nun auch nicht nehmen. Mir ist das eben auch öfters so gegangen, und ich muß mich immer in dem zu Hause fühlen, was ich zeichne.

Frage: Tom Poope und Gronzo Granato lieben sich leidenschaftlich. Sie fliehen am Ende nach Afrika. Aber statt dort glücklich zu werden, sitzt Tom melancholisch am Meer und bekommt Heimweh.

Ralf König: Ich glaube, daß die leidenschaftliche Liebe nicht immerwährend sein kann. Entweder sie läppert langsam aus und wird langweilig oder sie hört auf mit einem Drama. Am Ende bleibt man eben allein. Es hat mich aber auch gereizt, nicht nur eine Geschichte zum Lachen zu zeichnen, sondern auch etwas von dem Dramatischen und Traurigen in den Geschichten von Shakespeare zu retten.


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