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Der Virtuose des Leichtsinns

Ein Portrait Detlev Meyers

Die Zeit nannte ihn einen „Virtuosen des Leichtsinns" und bezeichnete seine Bücher als „Heiterkeitsdroge", andere nennen ihn einfach den „melancholischen Dandy aus Berlin: Detlev Meyer. Meyer (geb. 1950) ist einer der wenigen offen schwulen Autoren in Deutschland, der mit seinen Romanen und Feuilletons, Geschichten und Gedichten ein Publikum weit über die Szene hinaus gefunden hat. Schwule Geschichten? Schwule Literatur? Detlev Meyer erhebt Einspruch: „Ich bin bereit, von schwuler oder heterosexueller Literatur dann zu sprechen, wenn ich in der nächsten Ausgabe der FAZ oder der Zeit lese, daß ein neues Werk der heterosexuellen Literatur erschienen ist. Dann will ich gerne sagen: Dies gibt es, aber es gibt auch das andere, und beide finden im Haus des Seins, im Haus der Sprache, ihren Platz. Aber zur Zeit ist das wirklich nur dieser Literatur zugeordnet, dieser Begriff schwul, um sie in die Ecke drängen, an den Rand zu drängen, sie exotisch zu machen." Unter Verweis auch auf die eigenen Anfänge wird er dann jedoch wieder versöhnlicher: „Ich akzeptiere es im Rückblick. Die Begriffe haben ihre Funktion gehabt, sie hatten ihren emanzipatorischen Pfiff. Man hat das Wort übernommen, mit dem man beleidigt wurde. Man hat sich also diesen Handschuh einfach übergezogen und die Faust gestreckt und o.k. gesagt: Wenn wir schwul genannt werden, dann wollen wir das auch laut sagen. Mittlerweile aber müßten wir darüber hinaus sein."

Detlev Meyer

Vor sechzehn Jahren erschien sein erstes Bändchen mit Gedichten im kleinen, aus der Studentenbewegung hervorgegangenen Oberbaum Verlag: „Heute Nacht im Dschungel".

„In Berlins Lederkneipen
habe ich Hausverbot
nur weil ich betrunken
gerufen habe: Ihr habt
nichts zu verlieren
als Eure Ketten."

So heißt es in seinem Gedicht „MSC, Ade!". Das ist der Aufruf des vom Emanzipationskampf inspirierten Autors, die Ketten der Unterdrückung abzulegen, aus den Kellern der Subkultur hinaus ans Licht zu treten. Und es ist ein ironisches Spiel: Die Orte, wo sich alles nur um die Ketten der Lust dreht und in denen sich auch das Ich dieses Textes sichtlich wohl fühlt, vertragen sich eben nicht mit politischen Parolen.

Mit einem Schlag eroberte der unbekannte Dichter die Herzen seiner Leser. Seine Stärken liegen in der Mischung aus einer unstillbaren Sehnsucht nach Leben und Liebe und Freiheit sowie der genauen Beobachtung des Alltags, in dem diese hehren Ziele oft wenig Chancen haben, in dem sie nur allzu oft und manchmal sogar bereitwillig einem faulen Kompromiß geopfert werden. Aus dieser Mischung schlägt er sprachliche Funken und gewinnt seine treffsicheren Pointen. Zugleich schafft sie auch den Raum für Trauer und Melancholie. In den Jahren 1985 bis 1989 erschienen seine Romane, die jetzt endlich in einem Band un-ter dem Titel „Biographie der Bestürzung" als Taschenbuch erscheinen: Leichtfüßig und doch mit einigem Gewicht erzählt Meyer die Geschichte seines Alter egos Dorn, über den Alltag, die Liebe, die Beziehung zu seinem Freund Viktor und die Subkultur. Von Beginn an ist deshalb auch das Thema Aids präsent, im letzten Band wird es dominant.

Der erste Band, „Im Dampfbad greift nach mir ein Engel" (1985), zeigt Dorn als genießerischen Großstadtmenschen, der sich durch das Berliner Nachtleben treiben läßt. Dorn schwimmt durch die dunklen Straßen wie durch einen reißenden Strom, der ihn mit sich trägt und jederzeit auch verschlingen kann. „Mein Täubchen, mein Seelchen, schon heute nacht möchte Dorn die Koseworte loswerden, aber unter ‘Na, du geile Sau’ macht es hier niemand, auch Dorn nicht."

Im zweiten Band, „David steigt aufs Riesenrad" (1987), erleben wir Dorn und Viktor mit ihrer Busenfreundin Todora an der Nordseeküste. Zweimal radeln sie durch das platte Land: die „Tour der Freuden" und die „Tour der Leiden". Für Dorn bietet die Bezie-hung zu Viktor Sicherheit und Geborgenheit. Auf dieser stabile Grundlage kann er jedoch auf andere kleine Abenteuer nicht verzichten. Zwischen den beiden Touren hat Dorn also Torsten kennengelernt. Der feste Boden der Freundschaft zeigt Brüche und Risse. Dorn wehrt die Eifersucht Viktors ab: „Verliebt, was heißt hier verliebt? Das ist endlich mal wieder jemand, den man nach dem Bumsen nicht fallen läßt wie eine heiße Kartoffel. Mehr ist da nicht."

Im dritten Band, „Ein letzter Dank den Leichtathleten" (1989), wird das muntere Treiben durch Aids beendet. Dorn, ein Schriftsteller wie Detlev Meyer, schreibt über die neue Gefahr, doch will die Geschichte nicht in Gang kommen. Schon gibt es vieldeutiges Gerede unter den Freun-den: „Nein, nein, Jan, beeilt sich Anna zu erklären, mit der Geschichte scheine irgend etwas nicht zu stimmen. Dorn selbst sei kerngesund. Jan sagt: Bruder Leichtfuß trifft Bruder Hein. Man darf gespannt sein. Und während Jan das sagt, denkt Dorn: Lebenslust und Todesangst - dazwischen ich mit ein paar bangen Worten für eine Geschichte. Die beginnt so: Wer mit dem Teufel Suppe ist, braucht einen langen Löffel; wer einen Positiven fickt, braucht einen Pariser, und wer über Aids schreibt, darf nicht eine Pustel haben."

Während die einen angesichts des Schocks, den Aids auslöste, in hilfloses Schweigen verfielen und die anderen munter drauflos plapperten, themati-siert Meyer auf die ihm eigene Weise dieses Reden müssen und nicht Wissen wie. „Die Geschichte beginnt so:..." Immer wieder setzt er an, versucht, einen Anfang zu finden, der trägt. Er führt die Leser (und sich) dicht heran an die alles erschlagende, bedrohliche Wahrheit und macht rasch einen Rückzieher. Einen Witz. Und fängt wieder von vorne an. Allein die ersten Seiten dieses Buchs sind ein aus dem Alltag gegriffenes literarisches Kabinettstück. All die Ängste, die Verdrängung und die Not sind hier genauso präsent wie die Sprach- und Hilflosigkeit, die richtigen Worte zu finden. Wenn Meyer nicht diese unübertroffene Fähigkeit hätte, rechtzeitig die erlösende Pointe zu setzen, würde man heulen. Aber man darf lachen, ohne das die Heiterkeit in Albernheit abgleitet, ohne das der Lage nur ein Deut ihrer Dramatik genommen würde. Meyers Credo beim Schreiben über Aids: "Der Leidensdruck soll die Leser nicht erdrücken. Er soll die Schönheit der Sprache nicht erdrücken. Das Buch soll weder den Autor noch den Leser in furchtbare Depressionen schupsen. Es soll Balance halten zwi-schen Betroffen-heit, Distanz und Nähe. Und es soll auch ein ver-gnügliches Buch sein."

Was wird aus der Lebensfreude? Wie kann man den Tod überlisten? Wie reden zwei Freunde miteinander, von denen der eine erkrankt ist? Das sind die Themen dieses letzten Teils der „Biographie der Bestürzung", die am Schluß durch ein kleines Wunder noch eine gute Wendung nimmt. Eröffnet werden die Bundeslustspiele der Leichtathleten in Sachen Sex bedrohlicherweise am Freitag, dem Dreizehnten um fünf vor zwölf. Beim Halbzeitstand, mit dem das Buch endet, ist es Donnerstag, der Zwölfte, kurz nach elf. Die Freiheit hat Detlev Meyer sich genommen: Bevor es allzu ernst wird, hat er die Zeit einfach noch einmal zurückgedreht. Einen vierten Band der Biographie kann es auch deshalb nicht geben. Statt dessen hat der Autor noch radikaler an der Uhr gedreht. Vor zwei Jahren hat er einen Roman über die Jugend seines Helden in den sechziger Jahren hinzugefügt. Der etwas über-kandidelte Detlev Dorn schreibt in der Tradition von Rilke und George glühende Liebesbriefe und Gedichte an seinen heterosexuellen Klassenkameraden Erik, bevor er endlich die große Befreiung erlebt und mit Kevin auf die Klappe geht. Befreiung! Freie Liebe! Da scheint wieder diese Melancholie durch, die heute wie eine Folie unter allem liegt, was an wehmütige oder nostalgische Rückbesinnung auf die sexuell so be-wegten Zeiten vor Aids erinnert.

„Sind Sie das Fräulein Riefenstahl?" - unter diesem rätselhaft-geheimnisvoll klingenden Titel hat Detlev Meyer zuletzt in der Düsseldorfer Eremiten-Presse ein bibliophil gestaltetes Bändchen mit kurzer Prosa, sehr dichten und poetischen Texten vorgelegt.

„Wir nehmen unseren Tee in einer Confiserie. Alles ist grazil und pastellig: die Gäste und ihre Gespräche." Während der Erzähler in einer der Geschichtenmit Bertram Tee und Gebäck zu sich nimmt, verwandelt sich das Café in einen Speerschen Lichtdom changieren die Figuren zwischen „grazil" und „monströs bombastisch". Kraftstrotzend wie Arnold-Breker-Figuren und zu schwach, den Zuckerguß des Gebäcks zu durchstoßen. Das Licht wird ausgeknipst. Sind Sie das Fräulein Riefenstahl?, fragt ein altersloser Bote, nach dem jemand den Stecker herausgezogen hat und das Licht erloschen ist: „Jemand knipst den Lichtdom an. Da weiß ich, wer ich bin: Ich bin die Flamme. Da weiß ich, wer Betram ist: Bertram ist die Fackel. Aber wer, bittschön, ist das Fräulein Riefenstahl?"

Flieht der Erzähler dieser kaum greifbaren Texte aus der Banalität eines prosaischen Alltags und der Bedrohung jetzt in eine Traumwelt? „Nein, er hat eher einen ganz klaren, kalten Blick auf die Realität und sieht, daß er in dieser Realität alleine nicht existieren kann", antwortet der Autor, „deshalb denkt er sich anderes aus, Surreales, Irreales, um die Welt, in die das Ich geworfen ist, erträglich und bewohnbar zu machen."

Mal erhebt sich das Ich über die Niederungen des Alltags auf die allerhöchsten Gipfel, mal fällt es viertausend Jahre zurück in das alte Ägypten, mal bekommt es die Gelegenheit, morgens um Dreiuhrfünfund-vierzig auf dem Reichssportfeld vor 3,7 Millionen Menschen zu lesen - und verschläft. Obwohl sie sich auf den ersten Blick als Bruch mit seinem bisherigen Schreiben erscheinen könnten, setzt Meyer seinen einge-schlagenen literarischen Weg mit ihnen fort. „Es ist halt jemand, dieses erzählende Ich und damit auch der Autor, der vielleicht gelangweilt ist durch die Tatsache, immer nur einer zu sein," erklärt er: „Das dürfte uns eigentlich nicht verwundern, denn auch Dorn hat sich ja entworfen, war Harry Graf Einsiedel, war Lucy Lehmann, der lichtscheue Lyriker, Tasso Tarzan, der Trooble shooter, und jetzt ist es dieses Ich - vielleicht ist es Dorn, der spricht - der sagt, ich bin der junge König, ich wäre gerne die Zigarettenspitze einer Dame von Welt, ich bin ein public enemy gesucht vom FBI, also durchaus auch in der Tradition von Else Lasker-Schüler, die sagt, ich bin nicht nur Else Lasker-Schüler, ich bin auch der Prinz von Theben. Die geht sogar so weit zu sagen, ich bin der brennende Wüsten-wind." Das Ich dieser merkwürdigen Texte flieht nicht aus einer bedrohli-chen Welt, es changiert wie Dorn in der „Biographie der Bestürzung" zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen dem Nichts und der Greifbaren. Die Geschichten verweigern sich jedoch einer eindeutigen Lesart oder Interpretation. Um so greller richten sie aber den Lichtstrahl auf die maß-losen Sehnsüchte und Wünsche des Menschen. Als Glatzkopf verschrie-en steht der Erzähler da und muß ohnmächtig erkennen, daß er tatsäch-lich plötzlich kein Haar auf dem Kopf hat und zum Gespött der Leute wird. Bis ihm der Herrgott güldene Locken wachsen läßt. Der letzte Satz der Geschichte lautet: „Alle wollen mich kämmen." Ein Wunschtraum, auf den ersten Blick überzeugend und irreal zugleich. Eine Flaschenpost aus der einen Welt, die ihm seinen Platz verweigert, in eine andere, in der er so selbstverständlich erscheint wie der tägliche Sonnenaufgang. So wie die Hoffnung, niemals verloren zu gehen oder die generöse Erklärung: „Ich habe Zeit, ich kann warten." An der Schnittstelle zwischen Wunsch und Wirklichkeit entführt Detlev Meyer seine Leser mit diesen wunderbaren Texten in eine Sphäre, in der beide keinen Widerspruch bilden, in der sie Kraft seiner poetischen Sprache auf tröstliche Weise zusammengehören.

Im Herbst 1998 erschienen - jetzt wieder bei MännerschwarmSkript - neue Gedichte des Autors: "Stern in Sicht".


Nachruf

"Wird schon werden,
wird alles wieder gut.
Vielleicht nicht hier
auf Erden und nicht
mit diesem Blut.
Vielleicht auf einem anderen Stern."

Detlev Meyer, der Autor dieser tröstlichen, ohnmächtigen und nicht hoffnungslosen Zeilen, ist tot. Der "einzigen Dandy der deutschen Gegenwartsliteratur wurde am 12. Februar 1950 in Berlin geboren und starb hier am Samstag, 30. Oktober 1999.

Vor neunzehn Jahren erscheint die erste Gedichtsammlung: "Eine Nacht im Dschungel". Es folgen die drei Teile seiner "Biographie der Bestürzung", mehrere Gedichtbände, poetische Kurzprosa und präzise beobachtete Feuilletons über den schwulen Alltag. Die Zeit nannte ihn einen "Virtuosen des Leichtsinns" und seine Prosa eine "Heiterkeitsdroge". Dabei balanciert der Autor stets hart am Rand des Abgrunds.

In seiner Lyrik orientiert Meyer sich an Else Lasker-Schüler, Stefan George oder Rainer Maria Rilke, setzt aber schnell eigene Maßstäbe und entwickelt einen unverwechselbaren Tonfall. Seine Romane - ein letztes Manuskript "Das Sonnenkind" hat er noch kurz vor seinem Tod abgeschlossen - erzählen die Geschichte seines Alter Ego Detlev Dorn. Selbstverliebt und leichtfüßig flaniert Dorn durch den schwulen Alltag: Hier die Liebe und Geborgenheit in der Beziehung zu seinem Geliebten Viktor, dort die Streifzüge durch die nächtliche Großstadt, die Lust am Spiel: Die Welt müßte ihm zu Füßen liegen, aber ...

Während die einen angesichts der Bedrohung durch Aids in hilfloses Schweigen verfallen und andere in Talkshows munter drauflos plappern, tastet sich Meyer langsam an die alles erschlagende Wahrheit heran. Bevor es brenzlig wird, macht er einen Rückzieher, holt er noch mal Luft, dreht er einmal sogar die Uhr zurück. All die Ängste, die Verdrängung und die Suche nach den richtigen Worten sind in seinem Werk präsent. Es ist zwar zum Heulen, doch Meyer erlöst den Leser durch eine Pointe. Nie aber gleitet die Heiterkeit in Albernheit ab, nie macht sie den Ernst vergessen.

Seine Freunde - und sein Publikum - hat er stets bezaubert, seine Lesungen waren ein Genuß: Dieses kecke "Nicht wahr", mit dem er ein Schmunzeln im Raum aufnahm und sich an der Wirkung der eigenen Texte erfreuen konnte, wird vielen in Erinnerung bleiben. Genauso die unstillbare Sehnsucht nach Liebe und Freiheit, die Trauer über die Endlichkeit des Seins, der Wille zur Selbstbehauptung, die er wirklich verkörperte.

"Ich bin noch da,
ich darf sogar verreisen,
und meinen Koffer trag ich ganz allein!
Ich bin noch da,
ihr müßt mich noch nicht preisen ..."

In seinem letzten Buch - "Stern in Sicht" - changiert Detlev Meyer zwischen (mittlerweile) ohnmächtigem Trotz, Beschwörungen besserer Tage, Wirklichkeit und Traum. Die Gedichte berühren den Leser - und bei aller Trauer versöhnen sie mit dem Unausweichlichen. Die deutsche Literatur hat einen wichtigen Autor, viele Menschen haben einen großen Freund verloren.

"Der Tagessspiegel", 2. November 1999


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