"Ich habe zwei Gesichter"
Ein Portrait von Richard Plant
"Ich habe zwei Gesichter," sagt er, "Ich habe ja auch zwei Sprachen. Ich kann Deutsch reden, ich kann Englisch reden - das ist mir gleich. In Amerika bin ich Plant, in Deutschland bin ich Plaut." Richard Plants Antwort auf die Frage, wie man ihn anreden solle, klingt fast ein wenig barsch, als wolle er die dahinter stehenden Probleme von vornherein herunterspielen. Sie endet - in seinem nicht zu leugnenden hessischen Dialekt mit deutlichem amerikanischen Akzent - unerwartet freundlich. "Nennen Sie mich einfach Richard." Richard Plant - geboren 1910, schwul, jüdisch, links - mußte am Tag des Reichstagsbrands, am 27. Februar 1933, aus Deutschland fliehen. Seine Reise ins Exil endete in New York. Hier wurde bei seiner Naturalisierung aus Plaut einfach Plant, lehrte er nach dem Krieg am New York City College Deutsch und Geschichte und erlebte 1969 mit "Stonewall" den Beginn einer neuen Schwulenbewegung. Hier erforschte er die Verfolgung der Schwulen durch die Nationalsozialisten, gründete mit Freunden eine Organisation schwuler Akademiker und engagierte sich bis ins hohe Alter für Aids-Kranke und in einer Gruppe alter Schwuler und Lesben. Am 3. März 1998 starb er nach langer Krankheit. "Ich bin weggegangen aus Frankfurt, weil ich dort nicht mehr studieren konnte. Daß ich nicht zurückkommen würde, habe ich damals nicht gewußt. Das hat niemand gewußt." Nach seinem Abitur studierte Plant bei dem evangelischen Theologen und Philosophen Paul Tillich, der ihn auch mit seinem damaligen Assistenten Theodor W. Adorno und Norbert Elias zusammenbrachte. Nebenbei schrieb er - von Siegfried Kracauer gefördert - Filmkritiken für die "Frankfurter Zeitung". Über den Kattowitzer Publizisten Franz Goldstein, an dessen Buch- und Kunstrevue er sich ebenfalls beteiligte, lernte er Oskar Koplowitz und Klaus Mann kennen. Für Politik interessierte er sich damals nur aus der Not heraus, wie er fast entschuldigend einräumt: "Ich war eigentlich nicht sehr politisch eingestellt. Ich interessierte mich für Film, Theater und Literatur. Aber man wurde ja gezwungen, sich politisch einzustellen." Sein Vater jedoch, Arzt und sozialdemokratischer Stadtverordneter, wurde gleich zu Beginn der Nazi-Herrschaft verhaftet. So war Richard Plant gewarnt und ging zunächst nach Basel, um sein Studium abzuschließen. Außerdem schrieb er Beiträge für die "Baseler Nationalzeitung" sowie einige Krimis (gemeinsam mit seinen Freunden Oskar Koplowitz und Dieter Cunz) und Kinderbücher - wegen der strengen Ausländergesetze unter Pseudonym. 1938 - Plant hatte über Arthur Schnitzler promoviert und seine Aufenthaltsgenehmigung als Student lief aus - floh er auf Anraten Paul Tillichs weiter nach New York. Er lernte Englisch und integrierte sich recht schnell, arbeitete in einem Kaufhaus und machte alle möglichen Jobs. Schließlich kam er beim "Friendship-House" unter, einer Einrichtung einer christlich-jüdischen Organisation, die deutschen Exilanten bei der Eingliederung in den amerikanischen Alltag half. Als Mitarbeiter - Putzen gehörte genauso zu seinen Aufgaben wie das Organisieren von kulturellen Abenden - lernte er dort die ganze Verzweiflung des Exils kennen. Er erzählt von tragische-grotesken Situationen, erinnert sich an eine Frau, die ihn fragte, wie man Geheimer Comerzienrat auf Englisch sagt. "Gar nicht! Gibt es nicht!" - war die Antwort. "Der Mann, der ein Leben lang so angeredet worden war, war plötzlich niemand." In New York begegnete Plant auch Klaus Mann erneut und unterstützte ihn zeitweilig als Sekretär bei der Vorbereitung der Zeitschrift "Decision". Im Krieg arbeitete er dann, wie auch Klaus Mann oder Stefan Heym, im Rahmen der psychologischen Kriegsführung: als Rundfunksprecher und Autor für das "Office of War Information". Richard Plant mußte vor allem deshalb aus Deutschland fliehen, weil die Nationalsozialisten die Homosexuellen verfolgten. Als Schwuler war er jedoch unter den Emigranten isoliert und auch von den Antihomosexuellengesetze der Gastländer bedroht. Er mußte sich tarnen und kehrte deshalb sein Judentum heraus, das ihm bis dahin fremd war und das er erst jetzt für sich entdeckte. Sein Vater - ganz Atheist - hatte ihn eher in Marxismus unterwiesen als in religiösen Dingen, und so besuchte er in New York zum ersten Mal in seinem Leben eine Synagoge. "Ich bin als Jude emigriert, um als Schwuler zu überleben" - so bringt er die schizophrene Situation auf den Punkt. In seiner Jugend hatte Plant erlebt, wie die Nationalsozialisten ideologisch gegen alles "Artfremde", die "Reinheit der Rasse" und den Bestand des deutschen Volkes Gefährdende aufrüsteten. Gleichzeitig mußte er, wie Klaus Mann, die Erfahrung machen, daß auch die Linke - Kommunisten und Sozialdemokraten - im Widerspruch zu ihrer Forderung nach Streichung des Paragraphen 175 antihomosexuelle Vorurteile als Mittel ihrer Politik einsetzten. Mit beiden Problemen, dem Schwulenhaß der Nazis und der Haltung der Linken, sollte er sich später ausführlich beschäftigen. Als er im Frühjahr 1991 zu einem seiner regelmäßig gewordenen Besuche in die Frankfurter Heimat kam, hatte er sein 1986 in New York erschienenes Buch im Gepäck - ins Deutsche übersetzt: "Rosa Winkel. Der Krieg der Nazis gegen die Homosexuellen". In diesem Buch mischen sich eigene Erfahrungen mit der Analyse des deutschen Faschismus - immer im Hinblick auf die Schwulenverfolgung. (Bevor das Buch ins Deutsche übersetzt wurde, mußte Plant allerdings für die Originalausgabe die deutsche Terminologie ins Amerikanische übertragen, was sich als besonders schwierig erwies: "Wie übersetzt man artfremd auf englisch? Ich habe ein neues Wort geschaffen, mit einem Freund, der Philologe und Linguist ist, aus dem Griechischen und Lateinischen: contragenic. Volk hat George Mosse überhaupt nicht übersetzt. Er sagt volk. Himmler hat unter anderem gesagt, die Schwulen sind wie Hühner, die keine Eier legen. Gut, das kann man übersetzen, aber wie übersetzt man volkssoziale Blindgänger?") Ein Buch wie Plants konnte wohl nur von einem Exilierten geschrieben werden. Denn in der Bundesrepublik blieb die von den Nazis verschärfte Fassung des § 175 bis 1969 in Kraft, Gerichtsurteile aus der Zeit vor 1945 standen im Vorstrafenregister, und kaum einer der Überlebenden hatte die Kraft und den Mut, sich an das Thema zu wagen. Einfach war dies aber auch für Richard Plant nicht: "Es ist eine Selbstentblößung, wenn man so ein Buch schreibt. Da ich ja aber schon ein Rentier war und eine Pension von der Stadt New York bekam, konnte ich mir das leisten. Aber es war nicht leicht. Ich mußte zum Beispiel meine Telefon-Nummer aus dem Telefonbuch herausnehmen, denn es gab Anrufe. Nachts. Anonym. 'Du dummes Schwein, Du hättest eigentlich in Auschwitz in Flammen aufgehen sollen. Was fällt Dir ein, so ein Buch zu schreiben?' Solche Sachen." Solche Sachen, wie Plant das nennt, kennt er schon aus der Zeit nach 1969, als er im Sog der amerikanischen Schwulenbewegung erste Artikel zum Thema schrieb. Religiöse, auch jüdische Fanatiker nahmen ihn aufs Korn. Aber er gab nicht auf. Er mußte "einfach rauskriegen, was einigen meiner guten Freunde - schwul, jüdisch oder links, einfach Widerstand - passiert war." Außerdem sei die Schwulenverfolgung unter den Nazis in den USA gar nicht bekannt gewesen, sagt er. Im Gegenteil: Das auch in der Exilliteratur - vom Braunbuch über Ludwig Renn, Hans Siemsen - verbreitete Schreckgespenst des schwulen Nazi beherrschte die Debatte und verstärkte die Vorurteile. "Sie wissen doch, daß die sozialdemokratischen Zeitungen gegen Röhm gehetzt haben und ihn als typisches Zeichen faschistischer Sittenverderbnis angeprangert haben. Und das Bekenntnis von Röhm, daß er schwul war, wurde auch hier natürlich immer wieder benutzt." Es ist nicht allein Empörung, die in der Stimme liegt, ein Hauch von Resignation. Denn seine Wut richtet sich gegen die eigenen, antifaschistischen Bundesgenossen im Exil, vor denen er seine Homosexualität genauso verbergen mußte wie vor der Polizei. "Die wenigen schwulen Emigranten, die ich kannte, wir haben uns verstecken müssen. Offiziell hätten wir deportiert werden können in Amerika. Insofern bin ich nicht emigriert. Als jüdischer Emigrant, als deutscher Emigrant, als Literat war ich frei. Da konnte ich machen was ich wollte. Aber mein Privatleben - das schwule Leben - war ebenso versteckt wie in irgendeinem anderen Staat, der Antihomosexuellengesetze hat." Nach einer kurzen Pause ergänzt er: "Der einzige, der ehrlich war, war Klaus Mann. Ich habe gut mit Klaus zusammengearbeitet. Ich bin mit ihm auf Parties gegangen, wir haben uns unterhalten, ich habe ihn übersetzt. Aber Klaus Mann war ja eine Ausnahme. Er war der Sohn von Thomas Mann. Klaus konnte das Telefon abnehmen und die Redakteure der größten Zeitungen Amerikas anrufen und wurde sofort zum Dinner oder zum Lunch eingeladen. 'Haben Sie etwas für uns?' Klaus Mann wurde gefragt, ob er etwas schreiben wolle. Und jeder wußte, daß er schwul war. Von seinen Büchern. Da war nichts mehr zu verheimlichen. Wir mußten 'rumlaufen und versuchen, zu verkaufen, was wir geschrieben hatten." Es klingt ein wenig verbittert, und beinahe versöhnlich räumt Plant ein, daß auch ein Klaus Mann im Exil hat Kompromisse machen müssen: "Er hat ja in "Mephisto" den Schuft nicht schwul gemacht. Diese Gründgens-Figur ist auf Negerfrauen scharf. Da hat er sein Schwulsein ja auch verschleiert. Ich nehme an, um des Erfolges wegen. Und vergessen Sie nicht folgendes: Man konnte in Amerika bis zu den sechziger Jahren über Homosexualität nicht schreiben. Punkt! Es gab Bücher von Psychiatern, von Ärzten und von Strafrechtslehrern. Ein paar Romane, Kitsch, gab es unter der Theke. Ich habe darüber auch mit Klaus gesprochen. Ich hatte dann einer sehr fortschrittlichen Zeitung ein paar Artikel über Nazi-Filme verkauft. Die baten mich, ihnen weitere Artikel anzubieten. Da habe ich vorgeschlagen, etwas über die Schwulenverfolgung zu schreiben. 'Bist Du wahnsinnig', haben die geantwortet, 'Wir verlieren unsere Abonnenten'. Das Wort "homosexuell" konnte nicht erwähnt werden." Im Prolog und im Epilog des Buches erzählt Richard Plant von seiner Emigration und seiner ersten Rückkehr nach Deutschland. In Arolsen hat er die Akten des Internationalen Suchdienstes durchforstet, in Frankfurt nach dem Schicksal seiner alten Freunde geforscht. Der eine, um den es ihm vor allem ging, war tot, gefallen im Krieg. Tot, ermordet oder verschollen waren auch die meisten anderen, die er suchte, aber es gab auch Wiedersehen mit wenigen Überlebenden. In Offenbach traf Richard Plant den Mann wieder, der ihn in jungen Jahren ins schwule Leben eingeführt hatte, einen Organisten, immer exact und penibel. Jetzt hatte er eine Tankstelle, stand ihm im ölverschmierten Overall gegenüber, die rechte Hand war von den KZ-Schergen zertrümmert. Dabei hatte er noch Glück gehabt. Er hat das KZ Flossenbürg als Häftling mit dem Roten Winkel überlebt, weil er lediglich erwischt worden war, als er anderen Schwulen bei der Flucht aus Deutschland geholfen hatte. Lange haben sich die beiden nach den Jahren furchtbaren Jahren gegenübergestanden, sich kaum erkannt. "Dann sind wir uns in die Arme gefallen und er hat angefangen, zu heulen. Ich hab mich noch gerade in der Gewalt gehabt. Im Film würde ich das nicht wagen. Da geht die Kamera dann weg. Da wird dann die Orgelmusik eingeblendet. Und dann hat er von anderen Leuten erzählt, die wir kannten. Die meisten sind umgekommen. Verschollen. Von einigen wußten wir, daß sie im Lager waren. Die sind verschwunden. Viele Leute wurden ja einfach verhaftet und umgebracht, in den Fluß geworfen oder irgendwo verscharrt. Nicht etwa vor ein Gericht gestellt, einfach ermordet. Ich bin dann früher weggefahren aus Frankfurt. Ich hab's nicht ausgehalten, das erste Mal: das Elend." Zurückkehren nach Deutschland wollte Richard Plant nach 1945 nicht. Die Deutschen waren für ihn allesamt Mittäter des Faschismus. Heute würde er das nicht mehr so krass formulieren. Den Kontakt zu Deutschland, zur deutschen Kultur hat er nie abgebrochen. "Ich war einer der ersten, die Heinrich Böll in den USA propagiert haben." reklamiert er stolz. Die DDR war für ihn allerdings auch nie eine Alternative. Für Plant war Deutschland "dreigeteilt": "Es gab die Bundesrepublik, die DDR, und es gab das 'Junge Deutschland'. In den fünfziger und sechziger Jahren war es modern, im Amerika zu studieren. Es kamen viele junge Deutsche nach New York. Und viele kamen zu mir. Ich habe damals viele deutsche Freunde gewonnen, die sich gegen ihre Väter aufgelehnt haben. Außerdem glaube ich nicht, daß Nationen nicht geändert werden können. Ich glaube nicht, daß sich die jungen Deutschen wieder darum reißen werden, in einen Krieg zu ziehen." Wie er die Zeit des Exils, die Isolation als Schwuler unter den Emigranten und dann die Jahre bis 1969 durchgestanden habe, wie er Freunde gefunden habe und sein schwules Leben bis ins hohe Alter führt, wurde Richard Plant immer wieder gefragt, als er, sichtlich ergraut, mit seinem Buch eine Lesereise durch Deutschland unternahm. "Viel leichter, als Sie glauben", schmunzelt er: "Erst mal muß man sich natürlich an Amerikaner gewöhnen. Die Liebschaften und Freundschaften, die ich gehabt habe, waren oft mit Leuten, die über sexuelle Fragen nicht reden konnten. Und die auch nicht handeln konnten - aus Schuldgefühlen. Es sei denn, sie waren ein bißchen besoffen. Ich habe kaum amerikanische Freunde gehabt, die nicht puritanisch verdorben waren von zu Hause, von der Kirche. Ich hatte sogar einen katholischen Freund. Nachdem wir lange im Bett waren und es wunderschön war, wollte er mich zwingen, auf die Knie zu gehen und zu beten - um Vergebung. Ernsthaft. Ein Professor der Anthropologie auch noch. Die meisten meiner Freunde sind allerdings mittlerweile gestorben. Manche haben auch den Druck nicht ausgehalten und sind ins heterosexuelle Leben zurückgekehrt. Ich habe jetzt zwei Aids-Kranke, die ich regelmäßig besuche, denen ich Essen bringe usw. Ich arbeite in einer Organisation für alte Lesben und Schwulen, wo ich Öffentlichkeitsarbeit mache und den monatlichen Rundbrief schreibe, wo drin steht, wo wir mal wieder eine Party geben, was so los ist. Die Schreibmaschine muß klappern. Es muß immer etwas getippt werden. Das ist heute noch so"
Am 3.März ist Richard Plant im Alter von 87 Jahren in New York verstorben.
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