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Nachwort zu
Klaus Mann: Der fromme Tanz



rororo 23687
2004, EUR 7,90
ISBN 3 499 23687 7

KM

"Vatermord war eigentlich das Motto der zu Worte gekommenen Generation", so Wolfgang Cordan in Anspielung auf das gleichnamige Stück von Arnolt Bronnen: "Die Parole war: ‚Nie wieder Krieg!' Es gab noch manche andere Parole. Alle zusammen meinten: Schluss mit der Welt der Väter! Wir müssen ganz neu anfangen. Aus diesem Chor hob sich alsbald eine Stimme besonderer Art hervor. Ein noch sehr junger Mann, er war knapp sechs Jahre älter als ich, machte durch ironische, blendend geschriebene Aufsätze von sich reden: Klaus Mann." Der zwanzigjährige Autor des "Frommen Tanzes" also ein Repräsentant seiner immer wieder auch als "frühreif" etikettierten Generation? Einer Generation, die den Ersten Weltkrieg, die Phase des revolutionären Umbruchs 1918, die Münchener Räterepublik und die schwierigen Anfänge der Weimarer Demokratie im Kindesalter erlebt hat? Und deren Jugend, deren "Sturm-und-Drang"-Zeit, in die politisch turbulenten Jahren der Weimarer Republik fiel? Klaus Mann hat diese Jahre als eine Zeit erlebt, in der "man ständig, bewusst oder unbewusst, auf ‚die Katastrophe' wartet (von der man sich, wie sie aussehen wird, natürlich keineswegs vorstellen kann)", in der man also irre an den Werten der Elterngeneration werden, "die also, wie es scheint, nicht mehr stark genug sind, das Nahen dieser Katastrophe aufzuhalten"? Seine Art und Weise, diese Erfahrung öffentlich zu verarbeiten, "seine Abenteuer", so Wolfgang Cordan über die Bedeutung Klaus Manns, "wurden uns Offenbarungen: was es alles gab und wie man damit fertig wurde! Und alle Süße, allen Schmerz und allen Traum des Lebens schmeckten wir aus den schicksalhaften Verschlingungen seiner Gestalten; ja er war der ältere Bruder, der uns alles zeigte und in dem wir uns erkannten. Wir bewunderten ihn heiß."

Der Konflikt mit der Generation der Väter, der Aufbruch der "jungen Generation" in der politisch unruhigen Situation nach dem Ersten Weltkrieg, der selbstbewusste Umgang mit der Homosexualität - unter diesen Aspekten ordnet das Nachwort den Roman ein.

Betrachtet man das, was die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz den "Homo-Kanon" der Zeit nennt, also Bücher wie Robert Musils "Verwirrungen des Zöglings Törleß" (1906), Thomas Manns "Tod in Venedig" (1912) oder Stefan Zweigs "Verwirrung der Gefühle" (1926, wie der "Fromme Tanz"), fällt auf, dass hier nie direkt auf das Thema Homosexualität zugegangen wird, dass es metaphorisch aufgeladen ist und defensiv-rechtfertigend eingeführt wird - so, wie auch die Emanzipationsbewegung der Homosexuellen zu dieser Zeit vor allem auf das Mitleid anderer denn auf eigenes Selbstbewusstsein setzte.

Bei der Lektüre des "Frommen Tanzes" dagegen fällt vor allem auf, wie selbstverständlich und ohne "Voraussetzungen" Klaus Mann seinen Helden Andreas in das Eldorado der Homosexuellen begleitet, wie frei und selbstbewusst oder vielleicht auch überwältigt von eigenen Erfahrungen, auf jeden Fall ohne jede Angst vor negativen Folgen, er aus der "Künstler- und Homoszene" berichtet, von Prostitution, Partnertausch und großer Liebe erzählt. Wenn Klaus Täubert und Fredric Kroll in der Klaus-Mann-Schriftenreihe deshalb meinen, "Der fromme Tanz" sei "ein früher Prototyp des homoerotischen Romans in der deutschen Literatur" , müsste man hier heute sogar einen Schritt weiter gehen. Seitdem die neue Schwulenbewegung Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts das Schimpfwort "schwul" selbstbewusst und emanzipatorisch für sich beansprucht und sich de-monstrativ vom "Homosexuellen" oder "Homoerotischen" abgesetzt hat, das sich durch Anpassung an die Verhältnisse, durch das Kaschieren der eigenen Lebenswirklichkeit und eben das Werben um Verständnis auszeichnet, darf man den "Frommen Tanz" durchaus als Prototyp des "schwulen Romans" in der deutschen Literatur bezeichnen - dem Klaus Mann aber in diesem Sinne keinen weiteren hinzugefügt hat. Die Freiheit, auch die der Homosexuellen insgesamt, währte nicht lange.


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