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Musik:
O-Ton
Uwe Timm:
Das ist die Siegessäule mit dem Siegesengel oben drauf, den die Berliner in
ihrer schnoddrigen Art „Goldelse“ getauft haben.
Erzählerin:
Vom S-Bahnhof Tiergarten führt uns der Schriftsteller Uwe Timm zum
„Großen Stern“, wo alles überragend das berühmte Wahrzeichen der Stadt
thront.
O-Ton
Uwe Timm:
Diese Siegessäule ist 1864 nach dem deutsch-dänischen Krieg von Wilhelm I.
damals in Auftrag gegeben worden, hat dann eine komplizierte Baugeschichte, weil
immer wieder neue Kriege dazu kamen: 66 der deutsch-deutsche, der sogenannte, Österreich-Preußen,
und 1870 der französische Krieg. Und dementsprechend wuchs auch diese Säule
und hat eigentümlicher Weise keine Proportionen. Vor allem nicht zu dem
Siegesengel.
Erzählerin:
Die Siegessäule sollte man in die Luft jagen, denkt eine der Figuren in
dem Roman, an dem Uwe Timm gerade arbeitet und mit dem er an seinen ersten Roman
„Heißer Sommer“ anknüpft. Nach dreißig Jahren konfrontiert er die Helden
aus der Zeit der Studentenrevolte um dreißig Jahre gealtert mit einer völlig
veränderten Situation.
O-Ton
Uwe Timm:
Hier sieht man, das ist eigentlich eine Art Fotorealismus in Bronze gegossen den
deutsch-französischen Krieg, man sieht sogar die Eisenbahn, die damals eine
Rolle spielt. Und diesen Blusenmann finde ich ja hochinteressant. Der raucht die
Pfeife, hat die Hand in der Tasche, während die Preußen durch das Arc de
Triomphe marschieren und sieht die ziemlich verächtlich an.
Ansage:
Das Denken steckt in den Sinnen
Über den Schriftsteller Uwe Timm
Von Detlef Grumbach
Erzählerin:
Zum zweiten Mal hat Uwe Timm seine Münchener Wohnung mit Frau und
Familie für ein Intermezzo in einer anderen Stadt verlassen. 1981 war er in
einer Zeit persönlichen und politischen Zweifelns für zwei Jahre nach Rom
gegangen. Nach der deutschen Vereinigung hat es ihn nach Berlin gezogen. Hier
entstand sein letzter Roman „Johannisnacht“, ein Berliner Sommernachtstraum
rund um die Verhüllung des Reichstagsgebäudes im Jahr 1995, und hier schrieb
er das Drehbuch zum Fernseh-Zweiteiler „Die Bubi-Scholz-Story“: eine
Geschichte, die den Wiederaufbau des nach dem Krieg am Boden liegenden
Deutschlands mit dem sagenhaften Aufstieg eines Boxers verknüpft, der der
deutschen Nation wieder Selbstbewusstsein verlieh und später ins Bodenlose stürzte.
In Berlin arbeitet Uwe Timm jetzt an einem Roman mit dem Arbeitstitel „Der
Siegesengel“:
Erzähler:
Im Zentrum steht Chris, ein in die Jahre gekommener Achtundsechziger,
der mit den politischen Zielen von einst gescheitert ist und sehen muss, wie er
im neuen Deutschland zurecht kommt. Er schlägt sich als Beerdigungsredner durch
und hat eine junge Geliebte, die als Lichtdesignerin tätig und mit einem
Architekten verheiratet ist. Am Rande war die Figur schon in dem Roman
„Johannisnacht“ aufgetaucht. Jetzt soll Chris einen Mann beerdigen, den er
aus alten Tagen kennt und der den Zusammenbruch des Sozialismus nicht verwunden
hat. Vor seinem Tod wollte er noch einmal gegen das große, vereinte Deutschland
protestieren und in einem symbolischen Akt des Widerstands die Siegessäule
sprengen.
O-Ton
Uwe Timm:
Ich bin ganz bewusst nach Berlin gegangen, weil ich glaube, dass hier auch meine
Sache, mein Leben, mit verhandelt wird in dieser Stadt. Weil in dieser Stadt wie
in keiner anderen deutschen Stadt deutsche Geschichte sichtbar wird, schon rein
äußerlich sichtbar wird. Und es ist ein Ort, wo man zum Nachdenken permanent
angehalten wird, wo man sozusagen mit der Nase drauf gestoßen wird. Wo man nur
einmal durch die Stadt mit der U-Bahn fahren muss - Ost-West - , um an der
Sprache, an den Diskussionen zu hören, was die Leute bewegt, welche Probleme
die haben, um zu sehen, wie es mit der deutschen Wirklichkeit bestellt ist.
Zitator:
Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus
freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar
vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller
toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.
Erzählerin:
Karl Marx. Seine Schriften gehörten zum Einmaleins der
Studentenbewegung, dienten der Analyse der Gesellschaft und als Anleitung zum
Handeln.
Zitator:
Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte einer
neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, dass alle bisherige
Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen war, dass diese einander bekämpfenden
Klassen der Gesellschaft jedes mal Erzeugnisse sind der Produktions- und
Verkehrsverhältnisse.
O-Ton
Uwe Timm:
Das Interessante für mich ist: Wo ist dieses so geschlossen erscheinende System
aufbrechbar, wo wird das in Frage gestellt? Das ist jetzt in Modellen
theoretischer Art, politischer Art im Augenblick nicht absehbar, Obwohl ich zum
Beispiel denke, dass auch der Sozialismus da in einer gewandelten, anderen Form
unter Umständen Antworten geben kann. Ich für meine Arbeit kann das nicht,
aber wo ich denke, wo ich was leisten kann, ist, wo diese Umsetzung stattfindet,
wo Erkenntnisprozesse im ganz Kleinen stattfinden über Sprache und vor allen
Dingen auch über Emotionen. Das ist einer der ganz großen Fehler in der
sozialistischen Politik früher gewesen, das man Emotionen ausgeklammert hat und
versucht hat, alles nur über den Kopf zu lösen. Und diese Emotionen sind aber
das entscheidende eigentlich, weil einmal das Denken in den Sinnen drin steckt,
die Sprache sinnhaft ist und diese Sinnlichkeit auch braucht. Und das zu sehen,
wie Emotionen sich emanzipativ entfalten können, auch über Sprache, das
interessiert mich. Das ist sehr kompliziert auszudrücken, sehr abstrakt. Das
liegt daran, dass man es nur über Literatur kann. Ich kann das nur beschreibend
machen, indem ich Figuren zeige und zeige, wie die reden, wie sie denken und wie
ihre Emotionen aussehen.
Musik:
Erzählerin:
Uwe Timms Sympathie gehört den gebrochenen Figuren, den schrägen Vögeln
und Großstadt-Desperados. Mit offenen Augen, mit
der Lust am Staunen durchstreift er die Stadt, in der kleine und große
Schieber ihr Unwesen treiben, Glücksritter aller Couleur unterwegs sind und
viele Leute einfach nur versuchen, den Kopf oben zu behalten. Er atmet die
Atmosphäre und geht dem Sound der Veränderungen nach.
Musik:
O-Ton
Uwe Timm:
Ich habe eine Erzählung geschrieben, da hab ich beim Schreiben immer Hiphop gehört,
und auch jetzt beim Schreiben dieses Romans höre ich viel Hiphop. Und das ist
ein Rhythmus - also ich würde mich freuen, wenn etwas von diesem Rhythmus auch
in die Texte einginge, in die Prosatexte. Und gute Prosa muss natürlich auch
einen Rhythmus haben.
Musik:
O-Ton
Uwe Timm:
Hier stehe ich an den Marken meiner Tage. Marlene. 1901 bis 1992. Also 91 Jahre
alt, und da ist eben auffällig, dieses Grab ist immer kunterbunt und hat
wirklich was Lebendiges. Jetzt liegt da im Moment nicht so viel, aber oft hat
man hier Lippenstifte, Schlangenledertaschen, einen blauen Hüftgürtel habe ich
hier schon gefunden, also das ist wirklich ein kunterbunter Platz. (abblenden)
Erzählerin:
Auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße. Am Grab Marlene Dietrichs.
Ein paar hundert Meter entfernt von hier hat Uwe Timm vor drei Jahren eine
Wohnung gemietet. Im Dreieck zwischen Stadtautobahn und Südwest-Korso, bildet
der „Dritte Schöneberger Friedhof“ eine Oase der Ruhe. Hierhin kommt Timm
gerne um zu lesen, hier hat er in Gedanken die Szenen des neuen Romans
durchgespielt und der Figur des Beerdigungsredners Konturen verliehen:
O-Ton
Uwe Timm:
Das setzt ein, dass er sich hier auf diesem Friedhof die Umgebung ansieht, weil
er eine sehr professionelle Auffassung von seiner Tätigkeit hat. Denn bei den
Beerdigungsreden - sagt er - muss man immer auch darauf eingehen, wie die
Umgebung aussieht, wo das Grab liegt, wenn man auch am Grab reden muss. Er guckt
sich also die Botanik genau an, er guckt sich genau an, welche anderen Gräber
in der Nähe sind. Hier auf diesem Friedhof startet sozusagen die ganze
Geschichte für den Roman und unter anderem geht er eben auch zu dem Grab von
der Marlene Dietrich und guckt sich das an.
Uwe Timm:
Das ausgehobene Erdreich war staubgrau, die Wände säuberlich abgestützt
mit Brettern und die beiden Gärtner saßen da und tranken Bier, redeten über
das Spiel von Herta. Von fern das Geräusch der S-Bahn, Mopeds, Autos, Vögel.
O-Ton
Uwe Timm:
Das ist eine Figur, die der Erzähler der Johannisnacht
trifft, ein Beerdigungsredner, den er an einer Imbissbude nachts trifft und der
dort Senf isst, weil Senf für ihn ein Stimulans ist, um Reden zu schreiben,
Beerdigungsreden zu schreiben.
Uwe Timm:
Man muss wissen, wo man steht, wenn eine Rede am offenen Grab gewünscht
wird. Dazu gehört die unmittelbare Umgebung, andere Gräber, bekannte und
unbekannte Grablegungen, aber auch Bodenbeschaffenheit, Flora und Fauna, gerade
die Kleinfauna, Mücken im Sonnenlicht, Bienen, ganz wunderbar natürlich
Schmetterlinge, neulich einer der inzwischen seltenen Kohlweißlinge, den ich
improvisierend in meine Rede einbezog. Improvisieren ist wichtig, weil immer sogleich einsichtig.
O-Ton
Uwe Timm:
Und ich fand die Figur so interessant, die machte sich so breit in meinem Kopf,
dass ich dachte, das ist jemand, über den man ein ganzes Buch schreiben muss.
Und dem bin ich auch dann nachgegangen und das ist auch der Grund, weshalb ich
nach Berlin gegangen bin, um hier genau zu recherchieren, um hier zu leben, und
zwar ganz, richtig zu leben, dass man auch die Kinder hier hat, dass man weiß,
wie Schule funktioniert, dass man nachbarschaftliche Dinge erlebt über eine längere
Zeit und nicht nur als Tourist das erlebt.
Erzählerin
Uwe Timm wurde Ende März 1940 in Hamburg geboren. Nach der Schule ging
er in eine Kürschnerlehre, machte dann auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur
und studierte in den späten sechziger Jahren Germanistik und Philosophie. Er
promovierte über „Das Problem der Absurdität bei Camus“. 1974 erschien
sein erster Roman - „Heißer Sommer“ -, die vom Geist der Studentenbewegung
getragene Geschichte eines revolutionären politischen Aufbruchs. Es folgte der
Roman „Morenga“ über den Aufstand der Hereros und der Hottentotten gegen
die deutsche Kolonialmacht in den Jahren 1904 bis 1907. Und dann „Kerbels
Flucht“, das Manifest des Zweifels, ein Abgesang auf die Hoffnungen, die in
der Luft hingen, die nicht in der Wirklichkeit wurzelten.
Erzähler:
Ulrich, der Held des „Heißen Sommers“, ist ein eher zögerlicher
Mensch. Er stammt aus kleinbürgerlichen, prüden Verhältnissen, wird dann - an
der Universität - mit der deutschen Geschichte konfrontiert. Mit dem
Vietnamkrieg, den Diktaturen in Persien, in Griechenland, Portugal und in der Türkei.
Mit dem weltweiten Aufbegehren dagegen. Internationale Solidarität! Man liest
Marx, Marcuse, Horkheimer und Adorno. In Seminaren und Studentenkneipen wird heiß
diskutiert. Und alles hängt irgendwie zusammen.
Uwe Timm:
Wie leicht das alles ist, dachte Ullrich. Sie hatten über alles geredet.
Sie hatten sich berührt. Die Mädchen streichelten ganz ungeniert die Jungen.
Ullrich war aufgefallen, dass er plötzlich aussprechen konnte, was er dachte.
Sie hörten zu, fragten nach Einzelheiten, interessiert und aufmerksam.
Erzähler:
Ullrich fühlt sich wohl. „Pudelwohl“ sagt er und ist glücklich,
Freunde zu haben, Teil eines Ganzen, einer Bewegung.
Uwe Timm:
Später, als er in seiner Mansarde saß, hatte er daran gedacht, wie oft
sie das gesagt hatten: verändern und befreien. Vielleicht hatten sie es auch
gar nicht so oft gesagt und er bildete es sich nur ein. Aber er hatte an dem
Abend im Cosinus diese Worte zum
ersten Mal mit einer neuen Bedeutung gehört. Er hatte das Gefühl gehabt, als löse
sich eine Erstarrung langsam auf, die er früher nicht einmal bemerkt hatte.
Erzählerin:
Willy Brandt wurde zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler gewählt.
„Mehr-Demokratie-wagen“ lautete sein Motto, doch die Katerstimmung ließ
nicht lange auf sich warten.
Uwe Timm:
Noch vor drei Jahren bin ich durch Vorlesungen und Seminare gerannt und
habe dort zum Kampf gegen die neue Studienordnung aufgerufen. Habe geholfen,
Teach-ins vorzubereiten und Flugblätter zu schreiben.
Erzähler:
Kerbel, der Protagonist von Uwe Timms Abgesangs auf die
Studentenbewegung, hat längst resigniert:
Uwe Timm:
Und insgeheim wusste ich schon damals, dass die ganze Arbeit umsonst sein
würde. Aber niemand sprach das aus. Da gab es nämlich diesen Vorschlaghammer:
Zurückweichlerisch.
Was für eine wirkungslose Betriebsamkeit.
O-Ton
Uwe Timm:
Es ist einfach so, dass die ersten Romane - „Heißer Sommer“, „Morenga“,
auch noch „Kerbels Flucht“ - geschrieben wurden aus einer Situation heraus,
in der ich politisch engagiert war, in der ich in der kommunistischen Partei
war, in der ich in der Anti-Apartheid-Bewegung gearbeitet habe, in der ich also
aktiv politisch tätig war und von dieser Diskussion und von diesem
Arbeitszusammenhang zu einem Punkt kam, wo ich sah: Diese Konzepte, diese
politischen Konzepte, diese Utopien, um das feierlich zu sagen, gehen nicht auf.
Damals bin ich nach Rom gegangen, um tatsächlich hinter mir alles abzuwerfen
von alten Manuskripten, AutorenEdition, die Arbeit damals, bis hin zu
politischen Diskussionen, die mir wirklich zum Halse raushingen, weil sie nichts
mehr bewegten, also für mich nichts mehr bewegten und nicht mehr mit meinem
Erkenntnisstand übereinstimmten.
Zitator:
Der Mensch ist vor allem Geist, das heißt historische Schöpfung, und
nicht Natur. Anders ließe sich nicht erklären, weshalb der Sozialismus noch
nicht verwirklicht ist, da es doch zu allen Zeiten Ausgebeutete und Ausbeuter,
Schöpfer von Reichtümern und deren egoistische Konsumenten gegeben hat. Nur
Stufe um Stufe, Schicht um Schicht hat die Menschheit das Bewusstsein des
eigenen Wertes erlangt.
Erzählerin:
Antonio Gramsci. Der Abschied von der sozialistischen Utopie, so wie die
Studentenbewegung sie verstanden hatte, markiert einen Bruch, fordert neue,
weitergehende ästhetische Überlegungen heraus, an die sich Timm in seinen „Römischen
Aufzeichnungen“ „Vogel, friss die feige nicht“ herantastet.
Uwe Timm:
Malerei (und Literatur), die irgend etwas feiern will, das Christentum,
die Bourgeoisie, den Sozialismus, oder aber auch nur sich selbst, wird eben das
nicht tun: sich auf das Kleine, scheinbar Unbedeutende, ganz und gar Alltägliche
einlassen, um dort das zu suchen, was sich knirschend, unendlich langsam und
schmerzhaft verändert. Es ist der irritierende, zum Widerspruch reizende Blick
auf die Wirklichkeit.
O-Ton
Uwe Timm:
Rom war für mich immer mit einer Orange verbunden, die mein Vater mir eines
Tages 1947 auf den Tisch legte und ich mich genau daran erinnern kann: Ich habe
mit sieben Jahren zum ersten Mal in meinem Leben eine Orange gesehen, gerochen,
gegessen. Das war ein unglaubliches Erlebnis. Und ich denke, das ist ein guter
Grund, mal in so ein Land zu fahren, wo solche Früchte herkamen.
Erzähler:
In den „Römischen Aufzeichnungen“ erzählt Timm, wie er mit dem voll
gepackten Wagen den Brenner passiert, die Alpen hinter sich lässt und schließlich
nach Rom hineinfährt. Während des unfreiwilligen Halts im Stau betrachtet er
das Angebot des Keramikhandels: Laokoon mit seinen Söhnen, verschiedene
Varianten der kapitolinischen Wölfin, und schließlich ein unauflösbar
ineinander verbissenes Duo:
Uwe Timm:
Zwei Ringer. Der eine, ein bärtiger,
muskulöser Mann, hat seinen Gegner, einen jüngeren Mann, gepackt und in einer
Drehung hochgehoben, um ihn mit einem einzigen Schwung, kopfüber, zu Boden zu
schleudern, wenn der nicht seinen Hodensack ergriffen und umklammert hielte. So
kann der eine wie der andere nicht loslassen, und sie stehen buchstäblich
versteinert da. (...) Man kann sich aussuchen, welcher Ringer die Wirklichkeit
und welcher die Literatur darstellt. Kastration oder weiche Birne, das
jedenfalls wäre die Folge, würde sich diese Verschlingung lösen.
Erzählerin:
Der Umzug - oder etwas dramatischer: - die Flucht nach Rom war auch mit
neuen ästhetischen Überlegungen verbunden. Timm überprüft die Funktion eines
realistischen Erzählens.
O-Ton
Uwe Timm:
Naja, einmal ist es Selbstversicherung, in dem an sich in einer chaotischen
Wirklichkeit einen Ariadnefaden - individuell jetzt - hineinzieht, versucht,
sich selbst in dieser Wirklichkeit eine Bedeutung zu geben.
Aber zugleich ist es natürlich immer auch eine Umdeutung der
Wirklichkeit. Erzählen hat eine ganz wichtige, auch subversive Funktion, weil
die Wirklichkeit ja nicht klein klein wiedererzählt wird, sondern wie sie
wiedererzählt wird, bekommt sie eine andere Bedeutung. Man bedeutet sie anders.
Das ist ja auch der Sinn von Literatur, bestimmte Bilder davon zu gewinnen und
diese Bilder wieder neu aufzulösen auch durch neues Erzählen.
Uwe Timm:
Literatur, die sich nicht schöngeistig mit den bestehenden Verhältnissen
versöhnt, müsste sinnliche Aufklärung
sein, könnte in der Sprache und mit der Sprache, wie Gramsci schreibt, den Zusammenbruch des Banalen, die Zerstörung von Gefühlen und
Meinungen verursachen.
Literatur könnte, weil sie dem Subjekt neue Möglichkeiten - kognitive und
emotionale - gegenüber dem juste milieu einräumt, diesem alltäglichen, überall
zudringlichen Gerede, Gebrabbel, Geschrei, dem Zureden, Bereden, Herumreden und
Überreden, also dieser von der Macht und den Herrschaftsinteressen in die
Pflicht genommenen Sprache, entgegentreten und einen Freiraum schaffen.
Erzählerin:
Seine Fabulierkunst probiert Uwe Timm zunächst einmal an zwei
wunderbaren Kinderbüchern aus. Dann
erzählt er die Geschichten vom „Mann auf dem Hochrad“ und vom
„Schlangenbaum“.
Erzähler:
Der eine Roman erzählt die Geschichte eines Mannes, der Ende des
neunzehnten Jahrhunderts in Coburg das Hochrad einführt und erhabenen Hauptes
durch die Straßen fährt. Ganz auf der Seite des technischen Fortschritts und
durchaus mit ästhetischem Bewusstsein fehlt ihm aber jedes Gespür für die
soziale Dimension. Dass seine Frau sich den Rock aufschneidet - ein Tabubruch
sondergleichen - damit sie auch aufs Rad steigen kann, und das nur, weil sie
Lust dazu hat: er kann es nicht verwinden. Genauso wie die Begeisterung, die
wenig später das viel praktischere und heute noch gebräuchliche, niedrige
Fahrrad auslöst.
O-Ton
Uwe Timm:
Diese Mann auf dem Hochrad ist ja jemand, der ja tatsächlich auf dem Hochrad
sitzen bleibt und vom Niederrad überholt wird, aber zugleich hat er was
Wunderbares. Weil er eigensinnig ist, darauf insistiert, auf diesem alten, völlig
überholten Drahtesel sitzen zu bleiben. Er fährt gegen die Welt an, er
schwimmt gegen den Strom, und das gefällt mir!
Erzähler:
Es folgt der Roman „Der Schlangenbaum“: Wagner, ein deutscher
Ingenieur, geht für seine Firma nach Argentinien, um dort den vom Scheitern
bedrohten Bau einer Papierfabrik zu retten: Zuhause der Stillstand. Das
Absterben der Wünsche. Hier schlechter Beton und sumpfiger Baugrund, Korruption
und Sabotage: Alles zerbröselt und versinkt langsam.
Uwe Timm:
Man kann den Dingen nicht eine ihnen fremde Logik aufzwingen, und erst
recht nicht den Menschen. Sonst vergewaltigt man sie. Sie sind dann zerbrochen,
auch die Menschen.
Erzähler:
Das ist jedoch nicht die Konsequenz, die Wagner aus der Situation zieht.
Einer seiner Untergebenen erklärt ihm mit diesen Worten, warum er fortgeht,
Wagner, dem Projekt und dem Land den Rücken kehrt:
Uwe Timm:
Ich bin dafür, dass die Fabrik im Schlamm versinkt, je schneller, desto
besser. Und Sie sind der Mann, der hier alles wieder ins Lot bringen will. Und
ich glaube auch, dass Sie das schaffen werden .
Erzähler:
Wagner dagegen kämpft bis zum letzten - und scheitert doch. An der
Natur. Und an den Indios. Wagner fühlt sich ihnen überlegen, meint, dass er
allein das Heft des Handelns in der Hand hält, dass er das Subjekt des
Geschehens ist. So nimmt er gar nicht richtig wahr, wie sich die Verhältnisse
hinter seinem Rücken umkehren, wie er auch zum Objekt wird. Juan, sein
Dolmetscher, hatte in Berlin Ethnologie studiert. Völlig überrascht erfährt
Wagner:
Uwe Timm:
Er studiert uns. Er betreibt Feldforschung. Er beobachtet Sie.
Atmo:
Großstadtlärm
Musik:
Erzählerin:
Berlin 1999. Am Eingang des Friedhofs in der Stubenrauchstraße liegen
die Opfer der letzten Straßenkämpfe von 1945, Ende April, Anfang Mai. Dahinter
ragt das Grabmal des Komponisten Feruccio Busoni in die Höhe. Bis zu seinem Tod
1924 hatte er an seiner Oper „Dr. Faust“ gearbeitet. Abseits ruhen die
Soldaten des Ersten Weltkriegs, die als Verwundete ins nahe Lazarett
eingeliefert wurden und hier starben. Und auch Paul Zech, der expressionistische
Lyriker, Erzähler und Dramatiker ist hier begraben. „Deutschland, Dein Tänzer
ist der Tod“.
Uwe Timm:
Ich habe zwei Obergattungen: Feucht und Trocken, dann die Untergattungen:
1. philosophisch, 2. ökonomisch, 3. ökologisch, 4. ästhetisch.
Erzähler:
Chris, der Beerdigungsredner, erklärt seiner jungen Geliebten die
Grundlagen seines Handwerks. „Du bist ein Zyniker“, erwidert Iris.
Uwe Timm:
Wieso? - Na, das Trocken und Feucht.
Wieso. Ist doch genau der Unterschied, könnte auch Comédie Humaine und Tragödie
heißen. Wobei beides zusammengehört und Humor eigentlich feucht bedeutet, der
Körpersaft, der zur Gesundung führt, woraus du ersiehst, dass Vereinfachung
nicht gleichbedeutend mit Einfachheit ist, sondern nur das Destillat eines
Begriffs, und da ich das lachend sage, gefällt es Iris, die Bildung so hoch schätzt,
weil sie aus dem bildungshungrigen Haushalt eines Anwalts und einer
Landgerichtsdirektorin kommt. (...) Ich nahm ihr geschickt die Mappe mit meinen
Musterreden aus der Hand. Eine Mappe, die ich, müsste ich flüchten, mitnehmen
würde, natürlich, sie ist mein Kapital.
O-Ton
Uwe Timm:
Also dieser Beerdigungsredner ist ja über zwanzig Jahre älter, hat ein Verhältnis
mit ihr. Sie ist verheiratet, er ein aus der Linken kommender Mann. Den findet
die einfach interessant komisch oder komisch interessant, je nach dem, wie er
will, mit dieser Vergangenheit, mit seinen Geschichten, die er erzählen kann,
das ist für die so eine Art Geschichtsbuch, in dem man ganz interessant nachblättern
kann, in seinen Erinnerungen, so, wie er das erzählt. Und die hat damit überhaupt
nichts an den Hacken. Das ist für so weit weg wie nur irgend was.
Uwe Timm:
Ich habe mich oft gefragt, was sie an mir findet. Nicht dass ich unter übertriebenem
Selbstzweifel litte, nein, aber ich bin Realist, ich muss es sein in diesem
Beruf, eben drum, sie - dreiundzwanzig Jahre jünger, ihr Haar, ein
Irrsinnsblond, allerdings etwas nachgebleicht, eine Figur, die Spontankommentare
hinter sich herzieht, Mann, höre ich, wenn wir uns nachmittags in dem Freibad
Schlachtensee treffen, was für Beine, Mensch, Alter, he, was für Titten.
Erzähler:
Was sie mache, hatte Chris sie wegen des Beleuchtungskatalogs in ihren Händen
gefragt, als sie sich am Ludwigskirchplatz zufällig kennen gelernt hatten, ob
sie eine Lampe kaufen wolle.
Uwe Timm:
Nein. Verkaufen? Das ist schon wärmer. Ich verkaufe Licht.
Licht? Ja, Lichtinstallationen.
Ich konnte sie damit blenden, wenigstens dafür ist das Studium gut, dass ich
sofort Hegel zitierte, das Licht sei das existierende allgemeine Selbst der
Materie, das unendlich den Raum erst erzeugt.
Klasse sagte sie. (...) Rufen Sie mich nächste Woche an. (...)
Sie ist wirklich ein Profi, verbindet stets das, wozu sie Lust hat, mit dem, was
ihr Nutzen bringt, und so ist ihre Lust immer nützlich und das Nützliche immer
lustvoll. Eines ihrer Geheimnisse ist, dass sie aus diesem Geheimnis kein
Geheimnis macht, denn sie muss, wo sie mit Licht und Schatten arbeitet, auch
stets das Bewusstsein schärfen.
Musik:
Uwe Timm:
Der Mann, den es zu beerdigen gilt, hat jede Menge Notizen hinterlassen,
ein Leben in Notizen. Alle geschrieben auf einer altertümlichen
Schreibmaschine, die Buchstaben dreckeingedickt, springende kippende Buchstaben.
Ich habe die Maschine gesehen, eine Adler aus dem Jahr 28 schätze ich. (...)
Gute neunzig Prozent sind aus vollem Herzen konservativ, insbesondere die
Rentner, Sozialhilfeempfänger und Asylbewerber. Eine andere Notiz lautet:
Revolution heute, nur dann, wenn man das Reisen verbieten würde. Wir leben in
der ambulanten Freizeit. Tatsächlich sprengend damals der Begriff Konsumterror,
klingt heute so, als käme er von einem nicht aufgeklärten Stamm Amazoniens.
Dagegen ist Mitbestimmung von Patientenkollektiven nichts.
Musik:
Erzähler:
Chris ist irritiert, als er zum ersten Mal die Wohnung des Toten betritt.
Er weiß nicht, um wen es sich handelt, warum er den Auftrag bekommen hat:
Uwe Timm:
Vor zehn Tagen rief mich das Beerdigungsinstitut an, mit dem ich oft
zusammenarbeite, ein kleines Institut, das noch selbständig agiert und nicht
zur Grieneisenkette gehört. Kommt der Tod, krieg keinen Schreck,
Grieneisen schafft die Leiche weg.
Da hat jemand testamentarisch verfügt, dass Sie die Leichenrede halten. Ich geb
Ihnen mal die Adresse. Der Sohn kommt aus Köln, ein Arzt.
Erzähler:
Und dann entdeckt er einen Karton mit alten Fotos, erkennt er ihn, und
auf einem Foto ist er sogar zusammen mit ihm abgebildet. Plötzlich werden die
alten Zeiten wieder lebendig, eine andere Zeit, die mit der Gegenwart nichts
mehr zu tun hat.
Uwe Timm:
Wir haben mal zusammen drei Jahre vor einer Fabrik Flugblätter verteilt.
Morgens zur Frühschicht. (...) Wir waren zu dritt, drei Doktores, ein Doktor
der Byzantinistik, ein Doktor der Archäologie, ein Doktor der Philosophie, wir
standen da und im ersten Jahr hörten wir, wir sollten doch rübergehen, zu
Ulbricht, kaum jemand nahm die Zeitung (...), im zweiten Jahr nahmen einige die
Zeitung, im dritten wurden wir gegrüßt, im vierten Jahr sagte einer, wisst
ihr, warum wir Euch nicht wählen? Na? Weil wir euch dann nicht mehr loswerden.
Musik:
Erzählerin:
Hamburg-Eimsbüttel 1946/47. Hier hatte der strenge, national-konservative
Vater Uwe Timms eine kleine Kürschnerei. Von hier war 1942 der große Bruder
aufgebrochen, um sich freiwillig bei einer SS-Kaserne zu melden, hier trafen die
Nachricht von der Verwundung und später die Schachtel mit den persönlichen
Gegenständen ein. Nach dem Krieg lag das Viertel in Schutt und Asche. Die
Familie wurde bei fremden Leuten „einquartiert“. In dieser Zeit liegen die
Wurzeln seines Schreibens, auf diese Zeit, kommt Uwe Timm immer wieder zurück.
O-Ton
Uwe Timm:
Also das ist für mich etwas, wo ich dran lang schreibe, die Entdeckungsreise
nach innen, in die eigene Geschichte hinein, um zu verstehen, woraus sich meine
Ängste, woraus sich meine Wünsche zusammensetzen, woher meine Obsessionen
kommen. Und dem nachzugehen, das ist genau das, was ich über Sprache, was Bewußtsein
ausmacht, das zu explorieren. Also beispielsweise Verbote, wie die ausgesprochen
werden, dieses ganze das darf nicht, lass
das, leg hin, sei ruhig, sitz still, also all diese Dinge, die mich
besonders begleitet haben nach einem so sehr traditionell konservativen
Erziehungsmodell von Seiten meines Vaters.
Erzählerin:
Aus der Enge der kleinbürgerlichen Verhältnisse zog es den Jungen in
eine andere Gegend: zum Hafen, wo er in seiner Phantasie die Elbe hinunter dem
Meer entgegen segelte, den Störtebecker-Schatz suchte, von den Osterinseln träumte.
Und in die Wohnküche seiner Tante am Großneumarkt, in einem Viertel, wo
Hafenarbeiter und Seeleute zu Hause waren, wo die Luft vor Spannung knisterte -
so wurde geflunkert, übertrieben, die Wahrheit gesagt - wer wusste das schon?
Uwe Timm:
Diese Erinnerung: wie die Erwachsenen zusammensaßen in der Küche und
erzählten, und es gab auch viel zu erzählen. Man war ja schließlich noch mal
davongekommen.
Erzählerin:
Der Krieg war überstanden, der Schrecken saß den Leuten noch in den
Knochen. Im Erzählen tasteten sie sich an die neuen Verhältnisse heran,
vergewisserten sie sich ihrer Sicht des Erlebten, ihres persönlichen Umfelds,
ihrer selbst. Besonders in seinen Romanen „Kopfjäger“ und „Die Entdeckung
der Currywurst“ geht der Autor den Mythen seiner Kindheit nach, bestimmten
Situationen, Worten, Geschichten, die sich unauslöschlich in seine Erinnerung
eingeschrieben haben.
Erzähler:
Der Trümmermörder. Die Geschichte des Trümmermörders taucht in
verschiedenen Büchern auf - wird jedes mal etwas anders erzählt, gewendet,
bedeutet jedes mal etwas anderes.
Uwe Timm:
Es war kurz nach der Kapitulation, nach dem Zusammenbruch, also 45, die
Stunde 0, eine Zeit mit einem Anflug von Anarchie, Schwarzmarkt, Leben von heute
auf morgen, von der Hand in den Mund, Provisorien, Balkontabak, Holzsandalen mit
Lederbändern, Bohnerwachs aus altem Schmieröl. Die Zeit, als der Trümmermörder
umging - und dann der Drahtschlingenmörder.
O-Ton
Uwe Timm:
Das ist wie eine Drohung gewesen, und ich hab noch im Ohr, wie eines nachts da
jemand um Hilfe rief und die Männer rausgingen, und zwar in Gruppen, und
versuchten, jemanden zu finden. Und die hatten auch keine Taschenlampen oder nur
diese Taschenlampen, die man immer bewegen musste, diese Militär-Taschenlampen.
Und am nächsten Tag wurde tatsächlich eine Frau gefunden, die dort umgebracht
worden war. Das ist einfach eine aberwitzige Zeit, die für mich, denke ich mal,
so bestimmend war, wo die Ordnungssysteme ausgehebelt wurden, wo die Erwachsenen
nicht mehr die Funktion hatten, wie ich sie früher erlebt hatte, wo sie allmächtig
waren, mit donnernden Stimmen, Uniformen. Auf einmal waren das kleine Würstchen.
Erzählerin:
In der Geschichte vom Trümmermörder drück sich die Angst ums nackte
Leben aus- auch über das gerade zurückliegende Kriegsende hinaus. Und
dass man - nach dem Krieg - noch einmal davon gekommen ist. Den
Kindern gegenüber bekommt die Geschichte eine ganz andere Funktion: sie wird
benutzt, um ihnen Angst zu machen, Verbote durchzusetzen, und doch transportiert
sie hinterrücks auch die Ohnmacht der Erwachsenen.
Erzähler:
Peter Walter, der Anlage-Betrüger im Roman „Kopfjäger“, erzählt
seinen Opfern solche Geschichten, taxiert ihre Reaktionen - was macht ihnen
Angst, wo fiebern sie mit, welche geheimen Wünsche spiegeln sich im Ausdruck
ihrer Augen. Und dann schlägt er zu. Wie bei Becker, einem Kunden, der offenbar
Schwarzgeld anlegen will. All sein Zögern und die Angst um sein Geld fokussiert
sich in der Angst vor dem Trümmermörder. Doch diesmal lässt der Erzähler die
junge Frau davonkommen. Die Drahtschlinge schon um den Hals erreicht sie die
Polizeistation. Beckers Erleichterung ist groß. 75.000 Mark vertraut Becker ihm
an. Peter Walters Kommentar:
Uwe Timm:
Er hat diese Geschichte teuer bezahlt, aber sie ist, finde ich, ihren
Preis wert.
Erzählerin:
So wie Uwe Timm alltägliche Situationen zu Literatur destilliert, wie er
in einer Art „Alltags-Archäologie“ die besonderen Bedeutungen
herausarbeitet, die den Dingen und den Worten anhaften, entfalten sie ihre
Wirkung auf den Leser: Sie öffnen sie den Blick in tiefere Ebenen des Verständnisses“,
wie er sagt: „füttern und tränken die Triebe.
O-Ton
Uwe Timm:
Wo bei mir ganz wichtig ’68 war, die Studentenbewegung war, wo man eben
emanzipative Formen sich auch für sich selbst angeeignet hat. Also zum Beispiel
der Begriff Lustgewinn, der damals
aufkam, das ist etwas, was mit meiner Erziehung von Seiten meines Vaters nur
sehr sehr wenig zu tun hatte. Da war das einfach immer Pflicht, Gehorsam und die
Sache um ihrer selbst Willen tun. Da war für mich ’68 oder ’67 oder ’66
schon extrem wichtig, dass es eine andere, spielerische Form des Lebens, des
Umgangs miteinander geben muss und geben kann, dass man sich also selbst verändern
kann. Und da kommen, aus diesen Ursprüngen heraus kommen diese Treibsätze für
mich zu schreiben, über mich nachzudenken. Und da gibt es sehr viel Dinge, die
mich wahnsinnig beeindruckt haben als Kind.
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Uwe Timm entdeckt die Currywurst |
Erzähler:
Lena Brücker, eine Figur, die Timm aus der Wohnküche seiner Tante kennt
und die während des Krieges in einer Kantine arbeitete, betrieb danach am Großneumarkt
eine Imbissbude. In seiner Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ erzählt
sie jahrzehnte später einem jungen Zuhörer, wie sie in den letzten Kriegstagen
einen Deserteur in ihrer Wohnung versteckt und sich in ihn verliebt. Solange der
Krieg andauert, darf der Soldat darf nicht raus, sich nicht am Fenster zeigen,
sich kaum bewegen. Wenn der Krieg aus ist, wird er sie verlassen und zu seiner
Familie heimkehren. So verschweigt Lena Brücker ihm also das Kriegsende. Eines
Tages tauchen zwei englische Offiziere in der Kantine auf, wo sie arbeitet
Uwe Timm:
Sie sind Leiterin der Kantine? Ja, aber nur ersatzweise. Waren Sie
Parteimitglied? Nein. Der Captain wollte wissen, welche der Herren in der SA
oder SS waren. Und da sagte Lena Brücker: Da fragen sie die am besten selber. Können
Sie gleich sehen, wer lügt. Der Mann verstand, lachte und sagte O.K.
Erzähler:
Woher kommt dieses O.K.? Was bedeutet es? Lena Brücker hat dieses Wort
bis dahin nicht gekannt, es nicht benutzt. Und dann verlangt ihr Geliebter eines
Tages - er wird immer misstrauischer - nach einem Radio, um selbst einmal
Nachrichten über den Frontverlauf hören zu können. Doch das war dann gar
nicht mehr nötig:
Uwe Timm:
Als sie sagte, das ginge nicht - was sollte sie auch sagen -, ranzte er
sie an: sie wolle wohl nicht. Was heißt hier: wohl? Du willst nicht. Ich kann
nicht. Doch du kannst! Du willst nur nicht.! Nein! Doch! Warum nicht? Geht
nicht! Willst nicht! Ich sitz hier. Ja, und? Ich glotze auf die Straße. Ich
putze. Ich lauf in Socken rum. Da schrie er schon. Verstehst du, es geht um mein
Leben. Ja, O.K., sagte sie. Er stutzte, sah sie entgeistert an, einen
Augenblick. Wie kam dieses Wort in ihren Kopf? Für ihn geht es um Kopf und
Kragen und sie sagt O.K.
Erzähler:
Sie sagt O.K. Die Engländer sind längst in der Stadt.
Atmo:
S-Bahn
Erzählerin:
Die S-Bahnstrecke vom Zoologischen Garten zum Alexanderplatz, die Achse
von Ost nach West, durchschneidet das Herz von Berlin.
O-Ton
Uwe Timm:
Also hier das Hansa-Viertel, da ist dann gleich wieder die Siegessäule, die man
hier - genau dort - sieht, wo wir gestern waren.
Erzählerin:
Vom Friedhof an der Stubenrauchstraße, sind wir auf dem Weg zum
Dorotheenstädtischen Friedhof, einem weiteren Schauplatz des neuen Romans.
O-Ton
Uwe Timm:
Das ist ja eine Strecke, die ist auch ganz umgebaut worden. Da haben sie ja
unten und oben zugleich gebaut und die Gleise verlegt, damit hier die Züge
durchkamen. Das ist immer so schön, weil man hier so einen Bogen mit der S-Bahn
fährt, dass man immer wieder die Siegessäule sieht von allen Seiten, und
gleich kommen wir dann dahin, wo man den Potsdamer Platz sieht und auch das
Reichstagsgebäude.
Erzählerin:
Als Christo 1995 den Reichstag verhüllt, kommt Uwe Timm nach Berlin, um
in Archiven über die Kartoffel zu recherchieren: Ihn interessierte der
Zusammenhang von Schmecken und Erzählen, weil beides mit der Zunge zu tun hat.
Doch die Stadt ist außer Rand und Band, sie überwältigt ihn, und so schreibt
er am Ende einen Roman: „Johannisnacht“:
O-Ton
Uwe Timm:
Ich kann auch selbst nicht sagen, wie beim „Heißen Sommer“ oder „Morenga“
noch, dass da so ein Fluchtpunkt ist, auf den hin das auch geschrieben wurde -
politische Einsichten, Durchdringung von Widersprüchen, Klassenwidersprüchen,
Dritte Welt- Erste Welt und dergleichen mehr. Weiß ich nicht, das interessiert
mich jetzt nicht primär. Das bedeutet nicht, dass ich etwa auf der Seite derer
bin, denen es gut geht oder die sich hier mästen in diesem Land, sondern ich
denke, ich beharre darauf, dass ich da bin, wo die sind, die Probleme haben, die
sprachlos sind.
Musik:
Uwe Timm:
Seit der Vereinigung steht man im Stau. Überall Baustellen, Umleitungen,
Einbahnstraßen, wo gestern keine waren. Das geht so weit, dass wir jetzt auf
dem Potsdamer Platz einen See haben. Eine riesige Baugrube, mit Schwimmbaggern,
Schuten und zwei Schleppern.
Erzähler:
Typisch Berlin: Ein Taxifahrer redet und redet und redet:
Uwe Timm:
Es rumpelte. Wir fuhren über eine Behelfsbrücke.
Wenn es da an Bord zu einer Meuterei kommt, ist das Seegericht zuständig. Nee,
seit der Vereinigung gibt´s hier einen unglaublichen Aggressionsstau. Ich bin
vor zwanzig Jahren nach Berlin gekommen, wollte nicht zum Bund. War damals ein
Sammelpunkt für Aussteiger und Querköppe. Ein Sozialbiotop, ummauert, gut
bewacht. Jetzt kommen all die Jungs her, die ne schnelle Mark machen wollen.
Musik
Zitator:
Der Mensch ist nur unter freien Menschen wirklich frei, und da er nur in
seiner Eigenschaft als Mensch frei ist, ist die Knechtschaft eines einzigen
Menschen auf der Erde, als Verletzung des Prinzips der Menschheit selbst, eine
Negierung der Freiheit aller.
Erzählerin:
Bakunin. Der Stadt mit ihrer alternativen Szene, mit ihrer
Hinterhofkultur, besetzten Häusern und Zigtausenden illegal hier lebenden Ausländern
- sie verrät einen Hauch von Anarchie, für den Uwe Timm immer empfänglich war
und empfänglich geblieben ist. Schon Wenstrup, eine Figur aus dem Roman „Morenga“,
die dem deutschen Kolonialsystem den Rücken kehrt, liest die Klassiker des
Anarchismus Kropotkin und Bakunin.
O-Ton
Uwe Timm:
Es ist ein Aufbruch da, den man auch hören kann, der auch von Rhythmus ausgeht.
Das ist ein stärker gestisches Sprechen. Es gibt ja bei Thomas Mann diese
wunderbare Stelle von Mynheer Peperkorn im „Zauberberg“, so ein Mann, der Sätze
nicht zu Ende spricht und der immer sagt total,
enorm. Und der das in Gesten dann
ausdrückt. Und der dann, als er am Wasserfall steht, nicht mehr verstanden wird
und gegen diese Naturgewalt nicht ankommt in seinem Sprechen und wirklich überwältigt
wird. Dieses gestische Sprechen kann man hier im Bus hören, das hört man, wenn
man sich mit Menschen unterhält, die aus der Türkei kommen oder aus
Afghanistan kommen oder aus Marokko kommen. Da hat man dieses andere Sprechen,
das ein sehr gebrochenes Deutsch ist, ein hybrides Deutsch, aber das ist eine
spannende Sache. Alle hybriden Formen sind ja auch spannend, die sind neu und
haben neue Qualitäten.
Musik
Erzähler:
Der Erzähler lässt sich treiben, gerät in den Strudel unüberschaubarer
Ereignisse, wird aufgesogen von der Stadt: Ost und West, Arm und Reich prallen
aufeinander, Zeitgeistschickeria, Hinterhoftheater und die Kulturen der Welt. Er
begegnet den verrücktesten Figuren, changiert zwischen Dialekten und
unterschiedlichen Sprachebenen. Die Strukturen lösen sich auf.
O-Ton
Uwe Timm:
Dazu gehört eben so eine spielerische, anarchistische Gegenbewegung, dass man
von den Rändern her das angreift, auflöst. Einmal überhaupt, um überleben zu
können, das gilt ja für diese ganzen illegal hier lebenden Menschen, aber auch
für viele andere. Viele Rentner müssen sich einfach überlegen, woher sie das
Geld kriegen, und da gibt es eben sehr viele unterschiedliche Formen. Und bei
Jugendlichen, bei den sogenannten Randgruppen, die ja gar keine Randgruppen mehr
sind, sondern Zentralgruppen inzwischen und zu Recht sich eigene Lebensformen
entwickelt haben - Schwule, Lesben, Autonome und was es alles gibt - ist eine
Form drin, die wir ’68 immer nur eingeklagt haben - abstrakt
- so was wie Lustgewinn. Das ist ein sehr spielerischer Umgang mit
sozialen Formen, auch mit der Sprache, was man zum Beispiel in Graffiti sehen
kann. Es gibt hier in der Stadt ja wirklich sehr witzige Graffiti und es ist
nicht zufällig, dass die staatliche Ordnung das unter Strafe stellt. Was
eigentlich extrem witzig ist und mit einem hohen Lustgewinn ist, für den
Lesenden - für mich jedenfalls.
Zitator:
Der Staat sollte abgeschafft werden. Der Staat war stets das Erbteil
irgend einer bevorrechtigten Klasse! Bakunin.
O-Ton:
Atmo S-Bahn
Erzählerin:
Am Lehrter Stadtbahnbahnhof ist ein Obdachloser zugestiegen und bietet
ein Straßenmagazin an.
O-Ton:
Uwe Timm
Ja, hier beginnt das Regierungsviertel und hier wird alles neu gebaut. Das sind
die Wohnungen der Beamten. - Ja, hier, ich nehme eine. - Danke sehr- Danke. -
Einen schönen Tag wünsche ich noch. - Danke. - „Kiffer in Berlin“ - ja,
ich hab noch einen Kiffer in Berlin. Ja, und das sind also die Neubauten hier,
hier sieht man die ganzen Kräne vom Potsdamer Platz und vom Regierungsviertel.
Und dann kommt man plötzlich in die alte DDR mit diesen wirklich sehr
bescheidenen und aus der Mangelwirtschaft entstandenen gekiesten Wänden, die
gar nicht mal so schlecht aussahen. Das letzte, was da architektonisch gebaut
wurde, war gar nicht mal so schlecht, aber man merkt eben unentwegt diesen
Mangel, diese Mangelwirtschaft auch den Fassaden an.
Erzählerin:
Diesen Weg von West nach Ost ist Uwe Timm schon oft gefahren. Ost-Berlin
und die DDR waren verbunden mit seinen politischen Hoffnungen, hier hatte für
ihn der beste Teil der deutschen geistesgeschichtlichen Tradition seinen Ort:
den Dorotheenstädtischen Friedhof mit den Gräbern von Fichte und Hegel,
Heinrich Mann, Anna Seghers, Bert Brecht und vielen anderen. Der Dorotheenstädtische
Friedhof bildet einen Fluchtpunkt, ein immer wiederkehrendes Motiv
im Schreiben Timms. Hier hatte schon der resignierten Kerbel in
„Kerbels Flucht“ gesessen und gegrübelt - auf der Grabeinfassung
gegenüber von Hegel.
Erzähler:
Und hierher kommt auch Chris, der Beerdigungsredner, um in Ruhe
nachdenken zu können: über Iris, seine Geliebte und ihre Designer-Szene, über
die Siegessäule und das vereinte Deutschland, über die alten politischen Ziele
und den Genossen, der noch einmal zur Tat hatte schreiten wollen und den er
jetzt begraben soll. Und über sich selbst:
O-Ton
Uwe Timm:
In diesem neuen Roman spricht zwar eine Stimme, aber da kommen sehr viele andere
Stimmen hinein, die durch diese eine Stimme reden, sehr viele andere Schicksale,
die durch dieses eine Schicksal sprechen, durch diesen Beerdigungsredner. Das
hat sich sehr aufgelöst, auch die Handlungsfolge, die kann man zwar festlegen,
aber es gibt sozusagen einen Keller darunter, der sich immer damit beschäftigt,
wie Bewusstsein in einer feinen, knirschenden Weise sich verändert hat, wie
Sprache sich verändert hat, wie Sprache mit dieser Wirklichkeit umgeht, wie man
überhaupt noch erkennen kann, also wie, beispielsweise das Deutsch hat sich
meiner Meinung nach sehr stark verändert. Das ist hier in Berlin am stärksten
feststellbar, wo ein großer Anteil an ausländischen Mitbürgern lebt.
Erzähler:
Es war schon merkwürdig, wie Chris mit dem Sohn seines Genossen zum
ersten Mal die Wohnung im Souterrain betrat und sich durch einen mit Bücherregalen
vollgestellten Korridor durchkämpfte -
Uwe Timm:
- in einen Raum, der offensichtlich Wohn- und Arbeitszimmer war. Auch
hier waren die Wände bis oben mit Büchern vollgestellt, sogar die Fläche über
den Türen war bis zur Decke mit Regalbrettern genutzt, nur rechts vom
Schreibtisch, der vor das tiefreichende Fenster gestellt war, hingen mehrere
Grafiken, verschiedene Querschnitte der Siegessäule, das Fundament und die
Sockelmauern mit exakten Angaben über die Mauerstärke. Am Boden stand ein maßstabgetreues
Modell der Säule.
Zitator:
Die Lust, zu zerstören, ist zugleich eine schaffende Lust. Bakunin.
Erzählerin:
Wie kein anderes Bauwerk symbolisiert die Siegessäule die Einigung
Deutschlands: was der demokratischen Revolution 1848 nicht gelungen war, wurde
1871 unter militärischen Vorzeichen erreicht. Ursprünglich stand sie auf dem
„Königsplatz“, dem heutigen „Platz der Republik“ am Brandenburger Tor.
Am 9. November 1918 hatte Philipp Scheidemann hier die deutsche Republik
ausgerufen. Der Siegesengel, der an die Schlachten und Kriege des preußischen
Militarismus erinnert und hoch oben auf einer Säule thront, die mit erbeuteten
Kanonenrohren geziert ist, wurde so zum Taufpaten eines demokratischen
Deutschlands. Die Nationalsozialisten haben sie 1938/39 aufgestockt und zum
jetzigen Standort versetzt.
Musik:
Erzählerin:
Am 13. März 1921 scheiterte ein Sprengstoffanschlag auf das Monument.
Und während die Stadt im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gebombt wurde,
blieb die Siegessäule stehen, wurde bis zuletzt verteidigt. Die Franzosen
hissten sogar die Trikolore über dem Engel, wo unten an den Einmarsch deutscher
Truppen in Paris erinnert wird. Ausgerechnet die Franzosen.
O-Ton
Uwe Timm:
Ja, das ist eben das Interessante, dass die Franzosen, die nach den
Napoleonischen Kriegen eine Vendôme-Säule
errichtet haben, die den Sieg Napoleons verherrlicht, die ist in dem Aufstand
der Kommune umgerissen worden von Kommunarden, weil man das als ein Symbol des
Imperialismus, des Militarismus verstanden hat. Und dieser Napoleon landete
buchstäblich auf einem Haufen Mist. So etwas ist die Eigenkorrektur der
Geschichte, die sich damit beschäftigt hat. Das ist das Interessante und
Spannende und das ist auch das Vorbild für diese Figur in dem Roman, der mit so
einem Attentat versuchen will, auf diese unselige Vergangenheit aufmerksam zu
machen. Wobei man sagen muss, ob das nicht völlig überholt ist, das ist eine
ganz andere Frage. Für diese Figur nicht.
Uwe Timm:
Verrückt, sagte ich zu Iris, als ich sie am selben Abend auf einem ihrer
Abendessen traf. Sie stellte den geladenen Freunden und Bekannten (sie
unterschied da sehr genau) eine neue Lichtinstallation vor, zwei Bergkristalle
hatte sie mit einem Kugelgelenk verbunden, so dass sie, je nach dem wie sie
gedreht wurden, Spektralfarben erzeugten, mal mehr ins Rote oder ins Blaue
gingen, sie konnten in die unterschiedlichsten Farbkonstellationen gebracht
werden. Etwas für weiße Wände, die sie so öde fand.
Erzähler:
Iris ist auf der Höhe der Zeit. Sie lebt in einer anderen Welt. Chris
ist in Gedanken bei seinem Fall, der ihn so plötzlich aus der Routine gerissen
hat. Der ihn auch melancholisch stimmt, die verflossenen Jahre ins Bewusstsein rückt,
ihn plötzlich auf andere Art auf sein Alter aufmerksam macht als die junge
Geliebte das oft tut. Der ihn aber auch daran erinnert, dass man auch heute noch
politisch handeln kann, etwas tun muss, auch wenn es bei einem Symbol bleibt.
Dass er sogar Sprengstoff in der Wohnung des alten Genossen gefunden hat, erzählt
er Iris lieber nicht. Die Notizen, die Pläne,
Uwe Timm:
- wie ein Fisch an Land geschleudert, 89, die Wende -
Erzähler:
und die Rede, die er am liebsten vielleicht sogar hier halten würde? Auf
dem Dorothenstädtischen Friedhof, in der Nähe von Hegel und Brecht, von
Stephan Hermlin und Heiner Müller? Aber noch hat Uwe Timm den Roman nicht
abgeschlossen, noch entwickeln die Figuren auch ihr Eigenleben.
O-Ton
Uwe Timm:
Also ich muss einfach sagen, ich bin noch nicht soweit, dass der das ganze
aufgearbeitet hat. Das wirkt zunächst mal wie ein Appell an seine eigene
Vergangenheit - und so versteht er das auch. Je mehr der sich damit beschäftigt,
je mehr kommt auch seine eigene Vergangenheit hoch und es ist tatsächlich auch
eine Trauerarbeit über die eigene politische Arbeit, womit er gestrandet ist.
Und das geschieht aus einer Sicht, die sehr ironisch distanziert ist und sich
aber verändern wird. Da wird eine Empörung dann in der Entwicklung sichtbar,
die beides, Trauer und Wut verbindet.
E N D E
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