Verteidigung
der Kultur -
Der Schriftstellerkongress in Paris von 1935
Feature von
Detlef Grumbach
DeutschlandRadio Kultur – Zeitreisen
Redaktion: Peter Kirsten
15. Juni 2005, 19.30 bis 20.00 Uhr
O-Ton: Steffi Spira: Lob der Dialektik, Berlin, 4. November 1989 So,
wie es ist, bleibt es nicht. Wer lebt, sage nie
niemals. (Beifall. Darüber:)
Erzähler: Die Schauspielerin Steffi Spira spricht Bert Brecht:
Lob der Dialektik.
O-Ton: Steffi Spira: Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der
aufzuhalten sein.
Erzähler: Berlin, 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz.
O-Ton: Steffi Spira: Und aus niemals wird: heute noch!
Erzähler: Intellektuelle melden sich zu Wort. Etwa 500.000
Bürger der DDR hören zu: Stefan Heym spricht vom möglichen
gelingen einer deutschen Revolution, Christa Wolf von der Befreiung
der Sprache, Christoph Hein fordert die Möglichkeit, Freiheiten
und Rechte des Individuums auch einklagen zu können. Steffi
Spira spricht die Zeilen Bertolt Brechts. Sie stammen aus dem Jahr
1931.
Erzählerin: 1931: Das kapitalistische System hat geradewegs in
die Weltwirtschaftskrise geführt, die Zahl der Arbeitslosen in
Deutschland ist auf über sieben Millionen gestiegen, in Italien
herrscht Mussolini und auch in Deutschland, Frankreich und Spanien
gewinnen nationalistische Kräfte an Macht. Zugleich wird in der
Sowjetunion das Experiment gewagt, eine Gesellschaft nach ganz
anderen Grundsätzen aufzubauen. Ein Experiment, das damals noch
große Ausstrahlungskraft hat. Noch kämpfen die politische
Linke und die ihr verbundenen Schriftsteller gegen den stärker
werdenden Faschismus. Im Juni 1935, zwei Jahre nach der
Machtübertragung an die Nationalsozialisten, treffen sich dann
fast hundert Schriftsteller aus aller Welt zu einem Kongress zur
Verteidigung der Kultur.
Erzähler: Wolfgang Klein, Literaturwissenschaftler an der
Akademie der Wissenschaften der DDR und heute Professor an der
Universität Osnabrück, erforscht die Umstände und
Auswirkungen des Kongresses seit den siebziger Jahren in der DDR.
O-Ton: Wolfgang Klein: Es gibt diejenigen dort, die sagen, der
Künstler und speziell der Schriftsteller muss der geistige
Baumeister der Menschheit sein. Und es gibt die anderen, Martin
Andersen Nexö, der selber aus dem Proletariat gekommen ist und
dann Schriftsteller geworden ist, der sagt, die Intellektuellen sind
eigentlich nur die Fühlhörner, diejenigen, die auch was
zuspitzen, die auch in gewisser Weise Würze hineingeben, aber
keineswegs diejenigen, die wissen, wie es zu sein hat und das den
anderen nur zu sagen brauchen.
Erzählerin: Kultur braucht Frieden, Menschenrechte und
Demokratie. Demokratie braucht soziale Sicherheit. Wirtschaftskrise,
Bücherverbrennung, Vertreibung, politische Verfolgung und
Kriegsvorbereitung haben deshalb 1935 in Paris absolut
unterschiedliche Schriftsteller zusammengebracht. Hier bürgerliche
Autoren, die dem Geist absoluten Vorrang einräumen: Aldous
Huxley beispielsweise, Robert Musil oder Julien Benda, der das Wort
vom „Verrat der Intellektuellen“ geprägt hatte.
Schon 1927 hatte er in aller Schärfe jene Gelehrten angegriffen,
die ihr Denken nicht universellen, sondern parteilichen Zielen
unterordneten. Da die marxistisch orientierten Kollegen wie Heinrich
Mann, Johannes R. Becher oder Bert Brecht. „Das Sein bestimmt
das Bewusstsein“, so ihre Überzeugung, und so setzen sie
sich vor allem für die Veränderung der materiellen
Lebensbedingungen ein, suchen den Schulterschluss mit den
kommunistischen Parteien.
Zitator: Ich habe mich zeitlebens der Politik ferngehalten, weil ich
kein Talent für sie spüre.
Erzähler: Gibt beispielsweise Robert Musil, der Autor des „Mann
ohne Eigenschaften“ in Paris zu Protokoll.
Zitator: Den Einwand, dass sie jeden für sich anfordere, weil
sie etwas sei, das jeden angehe, vermag ich nicht zu verstehen. Auch
die Hygiene geht jeden etwas an, und doch habe ich mich niemals über
sie öffentlich geäußert, weil ich zum Hygieniker
ebenso wenig Talent verspüre wie zum Wirtschaftsführer oder
zum Geologen.
Erzähler: Aber er ist dennoch dabei gewesen! Brecht dagegen, der
mit seiner „Dreigroschenoper“ und Stücken wie
„Furcht und Elend des Dritten Reichs“ die Verhältnisse
aufs Korn genommen hat, stellt eine klare Forderung – sowohl
für den politischen Diskurs als auch für die literarische
Arbeit:
Zitator: Kameraden, denken wir nach über die Wurzel der
Übel.(...) dass die Wurzel aller Übel die
Eigentumsverhältnisse sind. (...) Viele von uns Schriftstellern
haben sie noch nicht verstanden, haben die Wurzel der Rohheit, die
sie erschreckt, noch nicht entdeckt. Das hindert sie am Kampf. Es
besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten
des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten
an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu
ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig
sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden
Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig.
O-Ton: Wolfgang Klein: Was spannend ist und bleibt, dass sich
Intellektuelle gegen die Verhältnisse auflehnen, in denen sie
leben. Sie versuchen, sie zu benennen und versuchen auch, so etwas
wie Perspektiven klar zu machen. Es ist so etwas wie eine Haltung,
die letzten Endes dabei bleibt.
O-Ton: Doris Gercke Das Interessante an diesem 35-Kongress ist ja
unter anderem, dass sich da sozusagen auch literarische Debatten
abgespielt haben. Und dann der Brecht, der da mit der Eigentumsfrage
mitten reinkommt.
Erzähler: Doris Gercke, die zur Generation der 68er gehört
und mit ihrer Figur Bella Block eine abgeklärte und moralisch
rigorose Krimiheldin geschaffen hat, erkennt hier durchaus Vorbilder.
Für Bella Block zumindest gilt,
O-Ton: Doris Gercke dass die eine außerordentlich kritische
Sicht auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse hat. Und
merkwürdiger Weise, die Menschen, die das lesen, stellen mit
einem mal fest, dass sie eine ähnliche kritische Sicht ja
eigentlich auch haben, obwohl sie sie im Alltag wahrscheinlich selten
sagen. Aber ich habe das Gefühl, als ob ich damit ein bisschen
so etwas wie Widerständigkeit, ja, nicht entwickeln, aber
anspornen könnte. (Stimme oben)
Erzählerin: Intellektuelle? Welche Rolle spielen die eigentlich
in der Gesellschaft, wie nehmen sie ihre Aufgabe in Zeiten wahr, in
denen die Medien die einst ungeahnte macht haben, Stimmungen zu
lancieren, in denen das Gerede in Talkshows mehr Einfluss hat als das
im Parlament. Diese Frage stellt auch Johano Strasser, Präsident
des deutschen PEN.
O-Ton: Johano Strasser: Wenn wir uns die klassische Rolle
anschauen, dann bestand sie darin, dass Intellektuelle, wissend, dass
sie privilegierten Zugang zu den Medien haben, aus diesem Privileg
die Verantwortung abgeleitet haben, für diejenigen zu sprechen,
die dieses Privileg nicht haben.
Erzähler: Strasser spricht von einer Intellektuellendämmerung
nach 1989. Nach dem Untergang des Sozialismus á la
Sowjetunion, nach dem Wegbrechen einer wenigstens theoretischen
gesellschaftlichen Alternative vermisst er heute Haltung,
Widerständigkeit und utopisches Denken. Dennoch:
O-Ton: Johano Strasser: Ich glaube, die wichtigste Aufgabe für
die moderne Gesellschaft, in der wir heute leben, ist es, den
Freiheitsgedanken wieder mit dem Gleichheitsgedanken zu verbinden,
ich glaube, dass keine Gesellschaft ohne ein utopisches Moment
überhaupt existieren kann.
Erzählerin: Intellektuelle sind Laien, unabhängige
Einzelgänger, die sich in einem allgemeinen Interesse, im Sinne
von hehren Zielen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechten in
Dinge einmischen, ohne dass man sie gebeten hätte. Die die
Zustände kritisieren mit dem, was oft „gesunder
Menschenverstand“ genannt wird. Auf diese Formel kann man es
vielleicht bringen. Für ihre Gegner bedeutet dies eine Anmaßung,
die sie besser unterlassen sollten. Für andere liegt gerade
darin ihre Qualität. Wo Sachzwänge vorgeschoben werden oder
einzelne Gruppen ihre Interessen über das Gemeinwohl stellen,
fühlen sie sich herausgefordert. Oft sind es einzelne
Schriftsteller, die diese Rolle einnehmen. Sie tun auf der
politischen Bühne und – ganz anders – in ihrem Werk.
Erzähler: Denken wir an die Impulse, die in den sechziger Jahren
der Bundesrepublik der Adenauer-Ära von Autoren wie Martin
Walser, Günter Grass und Heinrich Böll und vom 1969
gegründeten Verband deutscher Schriftsteller ausgegangen sind,
an die Unruhe unter Autoren, die, unter ganz anderen Verhältnissen,
die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der erstarrten DDR 1976
ausgelöst hat, an das Engagement eines Jean Paul Sartre im
Pariser Mai 1968, oder eben an die Berliner Demonstration am 4.
November 1989:
Erzählerin: Oder an Peter Weiss. Der 1916 geborene Autor der
„Ästhetik des Widerstands“ ging mit seinen Eltern
ins Exil, lebte in Schweden und hat von dort aus dazu beigetragen,
deutsche Verhältnisse ins Tanzen zu bringen. Auf der Straße
demonstrierte er gegen den Vietnam-Krieg. Stärker noch als
dadurch wirkte er mit seinen Theaterstücken „Die
Ermittlung“ und „Viet Nam Diskurs“. In der
Bundesrepublik und in der DDR aufgeführt, brachten sie
Auschwitz, die Verdrängungen der Nachkriegsära und die
Verbrechen der USA in Vietnam auf eine Art und Weise ins Zentrum der
Öffentlichkeit, der sich niemand entziehen konnte. Dabei fehlt
diesen Stücken jeder eingreifende Appell, jede propagandistische
Note. Sie wirken allein durch den klaren, analytischen Blick, durch
das Hinschauen und Durchdringen, was ist. Gerade dies ist vielleicht
wichtiger als Aufrufe oder Resolutionen.
O-Ton: Sabine Peters Der Manifestcharakter, der phasenweise ja da
war bei den Verlautbarungen von Intellektuellen, dem glaubt man nicht
mehr richtig.
Erzähler: Sabine Peters, 1961 geboren und damit einer späteren
Generation zugehörig, ist im Mai dieses Jahres mit dem
Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet worden.
O-Ton: Sabine Peters Und die Vorstellung davon, zu appellieren –
da ist so eine Resignation zu fühlen. Das passiert zwar noch –
es gibt ja den PEN und es gibt ja Verlautbarungen. Aber ich habe die
Vorstellung, während die Leute appellieren und mahnen, sehen sie
das Grinsen und das in den Wind Sprechen.
Erzähler: Den Preis hat sie für ein auf den ersten Blick
sehr privates Buch erhalten: Die Geschichte vom Sterben eines Vaters.
Im Mikrokosmos einer Familie handelt die Erzählung „Abschied“
von einer machtvollen Autorität, die schwach und gebrechlich
wird, von festgefahrenen Strukturen, die plötzlich
zusammenbrechen, von Umbrüchen, die das Leben auf den Kopf
stellen.
O-Ton: Sabine Peters Widerständiges Schreiben geht ganz stark
von der Sprache aus, die ein Potential von Borstigkeit und Eckigkeit
haben möchte, die das Denken überhaupt erst in Gang setzt.
Man kann jedes Thema und jedes Sujet so nehmen, so bearbeiten, sich
da hineinhorchen, dass ein Unruheherd vernehmbar wird. Und in diesem
Unruheherd und in dem, was nicht zu befrieden ist und was nicht in
der Allgemeinen Affirmation aufgeht, da liegt für mich auch das
utopische Potential von Literatur.
Erzähler: Die 1957 geborene Dorothea Dieckmann repräsentiert
auf ähnliche Weise eine neue Generation engagierter Autorinnen
und Autoren. Was bedeutet Folter – dieser Frage ist sie in
ihrem letzten Roman „Guantánamo“ nachgegangen.
Ausgangspunkt waren die Berichte über das amerikanische
Kriegsgefangenenlager:
O-Ton: Dorothea Dieckmann Das ist der Versuch, ein Schweigen zu
brechen, das sich als Sprechtabu um das Phänomen des Lagers
gelegt hat, und zwar gerade in Deutschland. Was ich also mit diesem
Buch wollte, ist nicht in erster Linie das konkrete Lager Guantánamo
vorführen und anprangern, sondern was ich wollte ist mit einer
ganz radikalen Introspektion die Depravierung und die
Entpersönlichung von Menschen unter Gewaltverhältnissen
zeigen.
Erzähler: Gewerkschaftliche Organisierung wie im Verband
deutscher Schriftsteller – VS –,politisches Auftreten als
Autorin sind ihr dagegen fremd.
O-Ton: Dorothea Dieckmann Ein Schriftsteller hat in seiner Kunst
eine andere Rolle, nicht andere Inhalte, aber eine andere Rolle als
außerhalb. Sobald ich politisch auftrete und gegen Nazis oder
gegen dies oder gegen jenes meine Stimme erhebe, tue ich das nicht
mehr als Autorin von Guantánamo, sondern als Bürgerin
oder Linke oder so. Es ist ganz klar, das angesichts konkreter
Bedrohungssituationen Sammlungen und Zusammenschlüsse sein
müssen, aber ich misstraue aus Erfahrungen Organisationsformen
wie dem VS, weil ich finde, meine künstlerische Arbeit hat mit
einer im weitesten Sinne politischen Organisationsform nichts zu tun.
O-Ton: Jörg Magenau: Ich halte es eigentlich mit Bordieu.
Erzähler: Meint Jörg Magenau, der als Feuilleton-Redakteur
bei der Wochenzeitung Freitag und bei der Taz tätig war und zwei
große Biographien über Christa Wolf und Martin Walser
vorgelegt hat. Er setzt eher dezidiert politische Akzente in der
Diskussion:
O-Ton: Jörg Magenau: Intellektuelle sind Leute, die in ihrem
Berufsfeld eine gewisse Reputation erworben haben, Berühmtheit,
und die diese Berühmtheit dazu nutzen, über ihr
eigentliches Wissensgebiet hinaus sich zu äußern.
Politisch zu äußern. Das sind nicht nur Schriftsteller.
Das können Physiker sein, wer auch immer sein. Bedingung ist
Prominenz. Prominenz als Kapital, um der eigenen Wortmeldung Gewicht
und Aufmerksamkeit zu verleihen.
Erzähler: Oder auch nicht, je nachdem, wie die Öffentlichkeit
organisiert ist.
O-Ton : Jörg Magenau: In der DDR ging es glaube ich nicht so
sehr nur um Einmischung sondern fast auch schon ums Gegenteil, um
Zurückhaltung. Um nicht Mitmachen müssen. Oder wollen.
Distanz halten. In Osteuropäischen Ländern vor 1989 konnte
man gefährlich werden dadurch, dass man nicht mitspielen wollte.
Und eben Walser jetzt als Beispiel genommen ist ein aus den Medien
und in den Medien geschulter Autor, der sich aber mehr und mehr
diesem Medientalk entziehen will. Und das, glaube ich, ist auch eine
Provokation. Eine Form vielleicht auch von Engagement, indem man sich
gerade diesem Mitspielen verweigert. Christa Wolf 1989 auf dem
Alexanderplatz – das war natürlich eine Sternstunde der
Intellektuellen, also da war eine historische Kipp-Situation, wo es
drauf ankam, dass einzelne etwas gesagt haben, das kommt in einem
Menschenleben vielleicht ein Mal vor, so eine Situation.
Erzählerin: Wer heute nach den großen Intellektuellen und
den ihnen wichtigen Themen sucht, wird hierzulande immer wieder auf
Günter Grass stoßen. Während seine DDR-Kollegen
pauschal mit dem SED-Regime identifiziert wurden und die
westdeutschen Linken ihre Wunden leckten, äußert er sich
zu den Fehlern im deutschen Vereinigungsprozess, tritt aus der SPD
aus, weil sie das Asylrecht ausgehöhlt hat und nimmt erst jüngst
auch zur Kapitalismusdiskussion Stellung. In Frankreich denkt man an
Pierre Bordieu und seine differenzierte Analyse der Gesellschaft, in
den USA denkt man an den Sprachwissenschaftler Noam Chomsky und
seinen Schriftstellerkollegen Gore Vidal. Angefangen vom
Vietnam-Krieg sind beide fundamentale Kritiker der amerikanischen
Politik und Gesellschaft: heute sind der Golfkrieg, Israel und
Palästina und der Irak ihre bestimmenden Themen. Oder man denkt
an den in Jerusalem geborenen Araber, Literaturwissenschaftler Edward
Said. Überall ein Außenseiter hat er gerade diese Position
genutzt, bis zu seinem Tod vor zwei Jahren als herausragender Anwalt
des palästinensischen Volkes zu wirken. Said über den Ort
des Intellektuellen:
Zitator: Der Intellektuelle heutzutage sollte ein Amateur sein,
jemand, der der Meinung ist, dass man als denkendes Mitglied einer
Gesellschaft das Recht hat, selbst bei einer ausschließlich
technischen und hoch professionalisierten Tätigkeit moralische
Anliegen zur Sprache zu bringen. Sie können das eigene Land,
Fragen der Machtausübung und des Umgangs mit den Bürgern
wie auch mit anderen Gesellschaften betreffen. (...) Uneingeschränkte
Meinungs- und Redefreiheit sind die Hauptbastion des weltlichen
Intellektuellen: ihre Verteidigung aufzugeben oder ihre Grundlagen
antasten zu lassen heißt in der Tat, die Berufung des
Intellektuellen zu verraten.
Erzählerin: Genau darum ging es auch 1935 in Paris. André
Gide sitzt im Präsidium des Kongresses, die erwähnten
Julien Benda, Robert Musil und Aldous Huxley, Bert Brecht Andersen
Nexö nehmen teil. Thomas Mann hat wegen Terminproblemen
kurzfristig absagen müssen, er ist im Juni 1935 in Amerika. Aber
Klaus Mann und Lion Feuchtwanger sind da, Boris Pasternak, Ludwig
Marcuse, Ilja Ehrenburg, Henri Barbusse und Heinrich Mann:
Zitator: Das Denken selbst ist gefährdet, und doch ist der
Gedanke der Schöpfer der Welt, in der wir noch leben.
Erzähler: Heinrich Mann, dessen Vision vom klugen und guten
Herrscher in seinen Romanen über Henri IV. Gestalt angenommen
hat, verbindet die existenzielle Bedrohung der aus Deutschland
vertriebenen und in ganz Europa verstreut lebenden Autoren mit der
universellen Gefahr, die vom Faschismus ausgeht. Er fährt fort:
Zitator: Die Pflicht aber verlangt von den Intellektuellen, dass sie
sich widersetzen mit allen Kräften, wenn Dummköpfe sich
aufwerfen zur Weltbeherrschung und zu Zensoren. Dumme geht das Denken
nichts an, das Handeln übrigens ebenso wenig. Gehandelt soll
werden, nicht von Kommissbrüdern, denen Fabrikanten die Macht
verleihen, sondern von Männern der allerhöchsten Erkenntnis
und Festigkeit.
Erzählerin: Als Hauptfeind der Kultur und des freien Wortes hat
Heinrich Mann in seiner ersten Publikation im Exil, in der
Essay-Sammlung „Mut“, den Nationalismus identifiziert und
sein „Bekenntnis zum Übernationalen“ abgelegt.
Zitator: Geschichtliche Willkür hat die meisten Nationen
zusammengebracht, und die „Blutsgemeinschaft“ besteht
überall hauptsächlich darin, dass immer ein Teil den
anderen blutig gezwungen hat, mitzumachen“
Erzähler: So bringt er sarkastisch den Ursprung des
Nationalismus im 19. Jahrhundert auf den Punkt und beschreibt dann,
wie der Nationalismus der dreißiger Jahre im Kampf um sein
Überleben als letzte Verzweiflungstat auf den Krieg setzt.
Heinrich Manns durchaus idealistisches Bekenntnis dagegen lautet:
Zitator: Ja, das Bekenntnis zu der Idee des Übernationalen
eröffnet selbst schon das neue Zeitalter. Das Bekenntnis ist
Handlung und unter den Taten dieses Augenblicks die einzige nicht
ganz vergebliche.
Erzählerin: Die Worte der Schriftsteller konnten dennoch nicht
viel bewirken – auch schon zu Zeiten der Weimarer Republik, als
Heinrich Mann offene Briefe an den Reichskanzler schreibt und sich
wie Günter Grass in Wahlkämpfe einmischte. Mit dem Problem
des Scheiterns, mit der auch heute aktuellen Frage, warum gerade die
Jugend nicht der Vernunft folgt, sondern politischen Bauernfängern
auf den Leim gehen, beschäftigt sich Klaus Mann. Wolfgang Klein:
O-Ton: Wolfgang Klein Der Ausgangspunkt war die Feststellung –
und das hat er so scharf und klar formuliert wie keiner sonst –
wir haben alle möglichen Ideen davon, wie der Mensch sein könnte
und sein sollte und wie die Gesellschaft aussehen soll. Und wenn man
sich anschaut, was die jungen Menschen, speziell in Deutschland,
machen, dann sieht man, die gehen zu den Faschisten. Woher kommt das
eigentlich? Wieso ist das so?
Zitator: Man hat es unternommen, jedem, der den Fortschritt und also
eine neue, gerechte Wirtschaftsordnung, also die Aufhebung der
Ausbeutung und der Klassen will, den Eid auf die materialistische
Weltanschauung abzunehmen. Den konnte nicht jeder leisten – und
auch ich kann und will ihn nicht leisten (um ein persönliches
Beispiel zu geben). Nicht jeder, der mit der Wirtschaftstheorie des
Marxismus einverstanden ist, glaubt an die materialistische
Philosophie. (...)
O-Ton: Wolfgang Klein Und dann sagt er, wir haben kein
Menschenbild entwickelt, was dem entgegengesetzt den Menschen, den
jungen Menschen im Speziellen, eben die Möglichkeit gibt, ja,
auch wieder sich selbst zu finden, sich selbst zu verwirklichen, sich
selbst zu engagieren.
Erzählerin: 1935 – Klaus Mann stand damals mit dieser
Position nicht allein – waren viele Träume oder Utopien
mit der Sowjetunion verbunden. Zwar zeigten sich schon Symptome einer
neuen Gängelung, doch galten sie damals noch als
„Kinderkrankheiten“ des Sozialismus – und nicht als
Vorboten stalinistischer Säuberungen und anderer Verbrechen.
Intellektueller Widerstand gegen den Faschismus brauchte außerdem
auch eine Utopie, aus der er Kraft schöpfen, eine politische
Bewegung, mit der er sich verbinden konnte.
Erzähler: Auf Initiative der Kommunistischen Internationale
hatte schon Ende August 1932 in Amsterdam ein internationaler
Antikriegskongress getagt, an dem auch zahlreiche Schriftsteller
teilnahmen. Eingeladen hatten Roman Rolland und Henri Barbusse. Im
Anschluss daran tagten die Schriftsteller unter sich und berieten
darüber, wie sie in Westeuropa mit ihren Möglichkeiten
gegen den drohenden Faschismus und den Krieg arbeiten könnten.
1933 unternimmt der aus dem Expressionismus kommende Johannes R.
Becher, der 1918 der KPD beitrat und später Kulturminister der
DDR war, im Auftrag der KPD zwei große Reisen durch die Zentren
des Exils. Das Ergebnis: die verstreut lebenden Autoren auf einer
Konferenz zusammen zu bringen.
O-Ton: Wolfgang Klein Und wenn man an diesen Punkt kommt, dann
klappt das nur, wenn die Leute, die dann da mit arbeiten, das aus
eigenen Vorstellungen tun: Wie weit kann ich das, was ich selbst
verwirklichen will, in diesem Bündnis weiter bringen? Da kommen
Leute aus einer eigenen Geschichte, aus eigenen Erfahrungen, mit
eigenen Vorstellungen, wie es weiter gehen könnte und reden
ihres. Und das kommt in einem sehr hohen Maße dann mit dem
überein, was die Organisatoren oder einige Organisatoren auf der
politischen Ebene damit anfangen wollen.
Erzähler: Als großes Beispiel für die Vereinnahmung
der Intellektuellen durch die Komintern, durch „Göttern,
die keine sind“, wie Julien Benda es formuliert hat, wird der
von Becher dann organisierte Kongress dennoch oft genannt. Wolfgang
Klein lehnt diese Interpretation ab – genauso wie das
einseitige Bild von der Gängelung der Intellektuellen später
in der DDR.
O-Ton: Wolfgang Klein Und was in der DDR dann lange Zeit passiert
ist, war ja im Grunde nichts anderes. Also Figuren wie Christa Wolf,
wie Volker Braun haben in den sechziger Jahren damit angefangen mit
der Vorstellung, man kann aus dieser DDR etwas machen.
Erzählerin: Neue Forschungen in den seit 1989 geöffneten
Berliner und Moskauer Archiven haben darüber hinaus
differenzierteres Bild ergeben. Wolfgang Klein hat Belege dafür
gefunden, dass die KPD, dass sogar Stalin und auch Henri Barbusse
gegen diesen Kongress waren, weil sie Angst vor der Eigendynamik des
Bündnisses hatten. Becher hat ihn gegen die aus Moskau
verkündete Linie vorbereitet. Grünes Licht aus Moskau und
auch etwas materielle Unterstützung kamen erst, als der Kongress
von dort aus nicht mehr zu verhindern war! Doch solche Details
einmal beiseite gelassen: Ist es heute nicht das Fehlen einer
alternativen politischen Kraft, das Fehlen einer gesellschaftlichen
Utopie, das viele Intellektuelle heute schweigen. Das sie wieder vor
allem zu Beobachtern macht, genau, klug, analytisch, oft aber auch
gepaart mit einer Portion Sarkasmus?
O-Ton: Christoph Links Die Parallelität, wenn man die
zwischen Paris 1935 und Ostberlin, November 1989 überhaupt
ziehen will, dann liegt sie glaube ich vor allen Dingen in einem klar
benennbaren Gegner.
Erzähler: So interpretiert der Verleger Christoph Links das, was
Strasser eine Intellektuellendämmerung nennt:
O-Ton: Christoph Links Das war 1935 der aufkommende Faschismus in
Europa und so war auch im Herbst 1989 ein Aufbegehren der
Intellektuellen gegen die Bevormundung, gegen die verwehrte
Meinungsfreiheit, für Versammlungs- und Äußerungsfreiheit.
Aber nachdem die DDR-Verhältnisse, die verkrusteten,
aufgebrochen und der Mehrheitswille dann nicht für den Reformweg
einer erneuerten DDR sondern für die schnelle Einheit gestimmt
hat, war der gemeinsame Gegner weg und es gab ja keine konzeptionell
wirklich anderen Entwürfe.
Erzählerin: Andere Entwürfe, die in der Postmoderne
sogenannten „großen Erzählungen von der Aufklärung
angefangen bis zur Idee vom Sozialismus, sind zumindest in Westeuropa
schon länger in die Defensive. Postmoderne Theoretiker haben
schon seit den siebziger Jahren darüber debattiert, so Wolfgang
Klein,
O-Ton: Wolfgang Klein dass die Orientierung auf andere Werte,
linke Werte, universale Werte im Grunde immer nur dazu führt,
die Leute neu zu versklaven, weil eine neue Doktrin an die Stelle der
alten gesetzt werden soll. Und Lyotard hat dann Ende der siebziger
Jahre sehr klar gesagt: Es gibt im Grunde keine Wahrheiten.
Infolgedessen sind Leute, die sagen, so und so muss man bestimmte
Verhältnisse kritisieren und so und so muss man andere
Gesellschaften aufbauen, prinzipiell eigentlich überhaupt nicht
zu akzeptieren, nicht ernst zu nehmen, Intellektuelle müssen zu
Grabe getragen werden.
Erzählerin: Das Ende der Geschichte als Höherentwicklung
der Menschheit? Das Ende der Utopien? Statt dessen sollen sich
Experten um die Details kümmern – ohne großartige
moralische Maßstäbe? Gegen ein solches Szenario „nach
dem Tod der Intellektuellen“ fordert Doris Gercke, wenn auch
ganz bescheiden, neues Engagement:
O-Ton: Doris Gercke Ich finde, es ist schon aufmüpfig heute,
und im Grunde ist das lächerlich, wenn man die politischen
Verhältnisse nicht außer Acht lässt. Ich kann nicht
anders als bestimmte Dinge wahrzunehmen und ich verarbeite sie nicht
mehr wie früher auf der Straße in Demonstrationen und
mache Flugblätter, sondern ich verarbeite das, was ich höre
und sehe, in dem, was ich schreibe.
O-Ton: Christoph Links Ich selbst gehöre ja auch zu denen,
die sich von Anfang an mit eingemischt haben und die Gründung
des eigenen Verlags im Dezember 1989 war ja dazu gedacht,
Erzähler: So Christoph Links.
O-Ton: Christoph Links dass man sich auch mit einem Maßstab
in die Gesellschaft einbringt und einmischt, der jenseits von
wirtschaftlichen Verwertungsinteressen einerseits und
parteipolitischen, in Vierjahreszyklen denkenden Interessen
andererseits auch ein Podium schaffen muss.
Erzählerin. Gerade nach den Bürgerkriegen auf dem Balkan,
nach den Golf-Kriegen und den wachsenden Problemen im vereinten
Europa fordern kritische Intellektuelle wieder stärker ein
engagiertes Eingreifen. Johano Strasser stellt fest,
O-Ton: Johano Strasser: dass wir schon seit Mitte der siebziger
Jahre im Westen eine ideologische Offensive haben, die man je nach
dem neokonservativ, neoliberal nennen kann, dass wir eine ständige
Kommerzialisierung und Vermarktung aller Bereiche des Lebens haben
und die Eigenständigkeit und das Eigenrecht der Kultur heute
durch diese Kommerzialisierung gefährdet ist. Wir müssen
wieder dafür streiten, dass in einer Gesellschaft
unterschiedliche, konkurrierende Logiken eine Rolle spielen und das
die Logik des Ökonomischen nicht alle Lebensverhältnisse
durchdringt. (Stimme oben)
Zitator: Heute bringen wir all unsere Sympathie, all unser Sehnen,
all unser Bedürfnis nach menschlicher Gemeinschaft einer
unterdrückten, entstellten und leidenden Menschheit entgegen.
Erzähler: So Andre Gide in Paris 1935 über die Solidarität
der Intellektuellen mit den sozial deklassierten und die Notwenigkeit
ihres Engagements – weit über die Situation akuter
Bedrohungen hinaus:
Zitator: Aber ich kann nicht glauben, dass das Interesse am Menschen
aufhört, wenn er keinen Hunger mehr hat, nicht mehr leidet und
unterdrückt wird. Ich bestreite, dass er unser Mitgefühl
nur im Unglück verdient. Ich weiß gut, dass Leiden oft
erhebt. Wenn es uns nicht niederwirft, schmiedet und stählt es
uns. Aber trotzdem möchte ich einen Gesellschaftszustand
entwerfen und anstreben, wo die Freude allen zugänglich ist,
Menschen entwerfen, die durch die Freude wachsen.
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