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Ich bin schwul - ist das gut so?

Das private Bekenntnis eines Politikers und seine politischen Dimensionen

NDR 4 - Forum 4
26. Juni 2001
Redaktion: Rolf-Martin Korda

im O-Ton:
Volker Beck, MdB, Bündnis 90/Die Grünen
Albert Eckert, ehem. Vize-Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, AL
Peter Jungblut, Korrespondent des BR in Berlin
Johannes Kahrs, MdB, SPD
Rüdiger Lautmann, Prof. für Soziologie, Uni Bremen
Krista Sager, Senatrorin für Gleichstellung, Hamburg, GAL
Birgit Schnieber-Jastram, MdB, CDU

O-Ton: Montage 1'14''
Klaus Wowereit:
Damit auch keine Irritationen hochkommen, liebe Genossinnen und Genossen ...
Albert Eckert:
Na, darauf konnte man wirklich Jahre, Jahre, Jahre warten.
Klaus Wowereit:
Ich sag's euch auch, und wer's noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul und das ist auch gut so. (Beifall)
Rüdiger Lautmann:
Auf solche Sätze warten wir, solange wir schwul sind und solange wir die Öffentlichkeit beobachten. Was jetzt in Berlin geschieht, ist etwas absolut Neues.
Birgit Schnieber-Jastram:
Ich sage mal für mich persönlich: Mich interessiert an einem Politiker, was er für Ziele hat und wie er sie realisiert, aber mich interessiert nicht, in welcher Weise er sexuelle Praktiken übt.
Peter Jungblut:
Jeder hier in Berlin wusste, das Klaus Wowereit schwul ist. Der hat daraus nie ein Geheimnis gemacht, denn auf allen Opern-Premieren, Theater-Premieren, wo ich ihn gesehen habe, war sein Freund dabei, er hat sich immer in der Öffentlichkeit mit ihm gezeigt.
Krista Sager:
Meine persönliche Meinung ist, dass nach wie vor auch Mut dazu gehört, diesen Schritt zu tun. Weil man genau weiß, dass es immer noch einen Teil der Bevölkerung gibt, die das kritisch sehen. Und ich finde auch, dass es positiv zu bewerten ist, dass jemand sagt, ich weiß, dass es nicht ohne Probleme für mich ist, aber ich mache mich damit in der Tat auch freier.

Erzählerin:
Ich bin schwul - und das ist gut so. Der Satz klingt ein bisschen trotzig, aber auch angriffslustig und siegesgewiss. Und doch schwingt auch das Sündhafte, das Tabuisierte mit, um das es in dem Bekenntnis geht. So gespalten die Aussage Klaus Wowereits wirkt, des soeben ins Amt gewählten Regierenden Bürgermeisters von Berlin, so gespalten ist deshalb ihr Echo. Es reicht von euphorischer Zustimmung über hämische Äußerungen, das Ganze sei doch wohl ein Reklame-Gag, bis zu Appellen, die mit sorgenvollen Mienen vorgetragen werden, doch bitte das Privatleben von Politikern zu schützen. Davon, dass es Eltern wirklich gleich ist, ob ihre Kinder "normal", schwul oder lesbisch sind - und das wäre ein Gradmesser für Akzeptanz -, sind wir meilenweit entfernt. Ausdrücke wie "Schwule Sau" würde heute aber kaum mehr jemand gebrauchen. Zwischen diesen Polen machen sich hilflose Versuche breit, auf den ungewöhnlichen Schritt Wowereits zu reagieren. Volker Beck, einer der beiden offen als Schwule auftretenden Bundestagsabgeordneten, wünscht sich dagegen ein bisschen mehr "Normalität".

O-Ton: Volker Beck: 35''
Ich finde, es ist an der Zeit, dass schwule Politiker und lesbische Politikerinnen aus ihrem Schwulsein, aus ihrer Homosexualität kein Geheimnis mehr machen. Die Botschaft, dass man Homosexualität verstecken müsste, ist eine Herabwürdigung der Homosexualität, und ich glaube, es hat sich einfach überlebt, das ist ein Anachronismus, wenn das viele heute noch tun. Ich denke, der Preis für ein Coming-out ist heute so gering wie nie zuvor, aber gleichwohl - das sieht man auch an der öffentlichen Resonanz - ist es noch keine Selbstverständlichkeit.

Rüdiger Lautmann: 15''
Wenn wir historisch zurückblicken - fangen wir ruhig hundert Jahre früher an - dann waren Homosexuelle verheiratet, hatten Kinder, das Beispiel ist der Fürst zu Eulenburg, Berater Friedrich des Zweiten, und das geht bis in die Fünfziger Jahre.

Erzähler:
Diese Zeiten, so Rüdiger Lautmann, Professor für Soziologie an der Universität Bremen, sind lange vorbei. So etwas wie den Fall Wowereit hat es allerdings in Deutschland noch nicht gegeben:

O-Ton: Rüdiger Lautmann: 1'07''
Heute, in den letzten 20 Jahren, haben wir zunehmend Politiker, die sind wenigstens nicht verheiratet. Die sind ehelos und trotzdem in der Politik weit gekommen. Diese Spezies hat sich ganz offensichtlich vermehrt in den letzten Jahren. Und wir haben viel mehr Leute, die nicht glauben, sie müssten da ein Normalitätssoll erfüllen in Familienbindungen, Ehefrau, Kinder und so weiter, sondern sie sind erst mal ledig. Und ledige Männer von Ende dreißig, da steigt die Quote der Voraussagbarkeit doch in die Nähe von vierzig Prozent, dass sie so sein könnten. Also, diese vielen ledigen Erfolgspolitiker, das sind ja keine Blaustrümpfe, die sind ja nicht unbeweibt, weil sie keine Zeit für Frauen hätten, sondern die haben zum großen Teil auch Männerbeziehungen. Und verdecken das nicht. Das ist schon eine ganze Menge gewesen. Aber sie haben es auch nicht offen- gelegt. Insofern ist der Berliner Fall jetzt etwas Neues, wo jemand, ob nun mit Mediendruck oder nicht, sich da bekennt. Das ist etwas Neues und wird Vorbild sein für andere.

Erzählerin:
Denunziation von Homosexuellen und die Beendigung von Karrieren wegen Homosexualität haben eine lange Tradition in Deutschland. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts erschütterten die Affären um den Industriellen Alfred Krupp und den Kaiserberater Eulenburg das Land. Als Hitler später seinen politisch unliebsam gewordenen Weggefährten Röhm loswerden wollte, schob er dessen lange bekannte und gedeckte Homosexualität vor. Als er den Oberbefehlshaber des Heeres, General von Fritsch, der seinen Kriegsplänen im Wege stand, beseitigen wollte, ließ er ihn wegen dieser Veranlagung denunzieren. 1961 musste der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags General a.D. Helmuth von Grolman wegen einer homosexuellen Affäre den Hut nehmen, 1966 wurde der Kölner Regierungspräsident Franz Grobben auf eigenen Wunsch aus "gesundheitlichen Gründen" entlassen, weil er an einem bekannten Treffpunkt von Homosexuellen erkannt worden war.

Erzähler:
Sexuelle Denunziation ist jedoch kein Privileg der Homosexuellen. Willy Brandt wurde nicht nur als uneheliches Kind und vaterlandsloser Geselle diffamiert, er wurde für die gesamte Dauer seiner politischen Karriere, besonders aber als er 1961 zum ersten Mal für das Amt des Bundeskanzlers kandidierte, zum Opfer von sexuell konnotierten Kampagnen. Hamburgs Erster Bürgermeister Paul Nevermann wurde 1965 von den Medien zum Rücktritt getrieben, weil seine Ehe gescheitert war, auch Hans-Ulrich Kloses Demission vom selbem Amt im Jahr 1981 war vorbereitet mit verschiedenen Sex-Geschichten in der Boulevard-Presse.

Erzählerin:
Solche Fälle gehörten in Folge der sexuellen Liberalisierung bald der Vergangenheit an, und auch die Medien sind in Deutschland zunächst sehr zurückhaltend geworden. Homosexuelle jedoch blieben in den Augen der Öffentlichkeit ein Sicherheitsrisiko. Immerhin wurde ihre strafrechtliche Verfolgung erst 1969 eingeschränkt, wurde der Paragraf 175 erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. 1985 versorgte die Kießling-Affäre die Blätter der Bundesrepublik mit Stoff und der Vier-Sterne-General musste gedemütigt seinen Posten räumen, obwohl er offensichtlich das Opfer einer Verwechslung geworden war. Und noch 1995 musste der sächsische Innenminister Heinz Eggert wegen des Verdachts homosexueller Verfehlungen zurücktreten. Immerhin: Heute ist Eggert als möglicher Nachfolger Kurt Biedenkopfs im Gespräch und die Toleranz gegenüber Homosexuellen ist gewachsen. Sowohl für die Bevölkerung insgesamt, über die Volker Beck spricht, als auch für die Einwohner einer Stadt wie Hamburg - dazu die Zweite Bürgermeisterin und Gleichstellungssenatorin Krista Sager - ist die Situation alles andere als eindeutig und geklärt.

O-Ton: Volker Beck 1'10''
Wir haben seit Jahren eigentlich eine stabile Situation, dass wir ein Drittel der Bevölkerung haben, die gegenüber Homosexualität und gegenüber Schwulen und Lesben offen akzeptierend sind, wir haben ein Mittelfeld von einem Drittel bis etwas mehr von Leuten, die sich liberal gebärden, die aber durchaus selber Vorurteile haben, an bestimmten Punkten auch sagen, das muss eine Lesbe oder ein Schwuler nicht unbedingt tun, und wir haben nach wie vor einen aggressiv minderheitenfeindlichen Bodensatz von ungefähr fünfzehn Prozent. Man muss immer wissen, dass dieses Bündnis von dieser liberalen changierenden Mitte der Gesellschaft mit den echten Akzeptierenden immer ein fragiles Verhältnis ist. Ich denke, dass da die gesetzgeberischen Handlungen, die in dieser Wahlperiode mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz und mit einem Antidiskriminierungsgesetz für alle Minderheiten, das wir noch vorhaben, auch einen Beitrag dazu leisten können, dass sich die liberale Tendenz verfestigt, aber ausgemacht ist das zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht.

Krista Sager 50''
Na ja, ich bekomme natürlich schon noch Briefe, die teilweise anonym sind und dann auch wenig stubenrein. Und ich bekomme auch Briefe, die nicht anonym sind, sondern richtig bittere und besorgte Briefe aus zum Beispiel sehr religiösen Kreisen. Und da haben natürlich auch die Kirchen nach wie vor eine Aufgabe. Ich habe gerade in den letzten Jahren durchaus den Diskurs bis in christliche Kreise hinein gesucht um dieses Thema und weiß auch, dass sich in beiden Kirchen dort etwas bewegt, in der evangelischen etwas mehr als in der katholischen Kirche. Auch dort ist nicht alles fest gemauert, aber die Kirchen könnten doch noch viel dazu beitragen, dass gerade bei ihren Anhängern sich noch etwas öffnet im Denken.

Erzähler:
Lieber Klaus Wowereit,

Erzählerin:
so schreibt der Kolumnist der Berliner Bild-Zeitung und geht zum Angriff über:

Erzähler:
Sie offenbarten sich im Hinblick auf die mögliche Schlammschlacht im bevorstehenden Wahlkampf. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Leben wir denn in den Fünfzigern, Sechzigern, wo schwul, unehelich (Willy Brandt) Wahlkampfthemen waren. Halten Sie es wirklich für möglich, dass politische Gegner in der Stadt der Love Parade tatsächlich plakatieren: Wählt Wowereit nicht, er küsst Männer.

Erzählerin:
Und in Anspielung auf die Zusammenarbeit mit der PDS endet der Brief:

Erzähler:
Ihre Männerküsse, lieber Klaus, sind so unwichtig wie schön. Ihre politischen Küsse sind furchtbar.

Erzählerin:
Dieser beispielhaft für viele andere Pressestimmen zitierte Brief, der durch dieses "lieber Klaus" jede gebotene Distanz preisgibt, argumentiert mit der Trennung von Politischem und Privatem. Es ist bezeichnend, dass vor allem jene Wowereits Vorstoß verurteilen, das Thema Homosexualität in den Bereich des Privaten abschieben und damit weiterhin tabuisieren, die selbst die größten Schwierigkeiten damit haben. Um diese zu verdecken, beschwören sie eine "Normalität" - "Ihre Männerküsse sind schön" -, die so noch nicht existiert, gegen die sie sich sogar wehren, wenn sie sich beispielsweise dagegen wenden, dass Schwule und Lesben sogenannte "Eingetragene Partnerschaften" eingehen können.

O-Ton: Birgit Schnieber-Jastram: 15''
Es stecken da keine Vorurteile dahinter, dass Menschen, die homosexuell sind, vielleicht die schlechteren Menschen sind. Das ist mit Sicherheit nicht der Fall. Sondern die Frage, die wir stellen müssen, ist: Ist der Staat für den Schutz einer solchen Lebensgemeinschaft zuständig und verantwortlich.

Erzähler:
So bekräftigt Birgit Schnieber-Jastram, die parlamentarische Geschäftsführerin der CDU/CSU Fraktion im Deutschen Bundestag, ihr Nein zur sogenannten Homoehe, lehnt öffentliche Bekenntnisse zum Schwulsein aber ab, weil alles gar kein Thema sei:

O-Ton: Birgit Schnieber-Jastram: 24''
Ich bin froh, dass wir sehr viel toleranter geworden sind, dass die Zeiten, in denen Homosexualität strafbar war, endgültig vorbei sind. Deswegen glaube ich auch heute nicht mehr, dass Politiker deswegen diskriminiert werden. Ich sage noch mal ganz ganz klar: Ich glaube, dass es wichtig ist, Politiker an ihren Taten, an ihren Vorstellungen zu messen und nicht daran, wie sie privat und mit wem sie privat zusammen sind.

Erzählerin:
Wie wenig privat dies tatsächlich ist, wird allein dadurch belegt, dass sich der Staat immer dafür interessiert hat, dass Homosexualität verfolgt und bestraft wurde - sogar mit dem Tod. Mutig nennen deshalb andere den Schritt Klaus Wowereits und verteidigen ihn gegenüber den Angriffen. Denn die Angst der vielen schwulen und lesbischen Prominenten davor, dass ihr Lebensstil an die Öffentlichkeit kommt, zeigt doch, dass sie glauben und oft auch erlebt haben, dass dies nicht von Vorteil für ist. Auch die Vehemenz, mit der sich zu Recht oder zu Unrecht in die Nähe der Homosexualität gerückte Personen gegen diesen Verdacht wehren - sowohl der Tagesschausprecher Jens Riewa als auch der Thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel bemühten erst unlängst die Gerichte in solchen Fällen - bestärkt den Eindruck, dass Homosexualität noch immer als ehrenrührig angesehen wird. Johannes Kahrs, der sich bei der letzten Bundestagswahl in Hamburg erfolgreich um ein Direktmandat beworben hat, zog es vor, zumindest vor der Wahl, sich nicht zu outen. Dass es hinterher gar nicht so schlimm wurde - wer hätte das schon gedacht?

O-Ton: Johannes Kahrs 42''
Also viele wussten es, aber ich habe es nie öffentlich zum Thema gemacht. Ich habe das auch für richtig gehalten, weil ich der Meinung war, dass das nicht der Schwerpunkt meiner Arbeit sein wird. Ich bin jetzt im Verteidigungsausschuss. Ich habe nachher gemerkt, dass es besser war, es zu sagen und dann auch publik zu machen, weil man dann auch selber mit bestimmten Dingen ganz andres umgeht. Das ist mir aber nicht einfach gefallen. Da habe ich lange drauf 'rum überlegt, weil man ja auch nicht weiß, wie andere Leute drauf reagieren oder nicht. Wie gesagt, man macht sich da mehr Gedanken als andere und wenn man es dann gemacht hat, fühlt man sich einfach besser. Herr Wowereit hat es zu einem Zeitpunkt gemacht, wo er sich auch sehr viel Rückenfreiheit gegeben hat, was ich in Ordnung finde. Und andere müssen das für sich selbst entscheiden.

Erzählerin:
Aber wie können Politiker und andere zur Offenheit ermutigt werden - so fragen Volker Beck und Krista Sager -, wie soll sich hier etwas ändern, wenn es so wenig positiv besetzte schwule Vorbilder gibt, wenn es sie - folgt man den aktuellen Kommentaren zu Wowereits Coming-out - wegen eines angeblichen Schutzes der Privatsphäre gar nicht geben darf?

O-Ton: Volker Beck: 48''
Also ich kenne so viele bekennende Familienväter in der Politik, die uns mit der Privatheit ihrer Heterosexualität ständig konfrontieren, dass ich es schon sehr verlogen finde, wenn man so tut, als ob das Coming-out eines Politikers nun das Private zum Gegenstand öffentlicher Debatte machen würde. Die Frage wie man lebt bei einem Menschen, der im öffentlichen Interesse steht, ist nicht wirklich privat. Das erfahren wir von allen anderen Kolleginnen und Kollegen genauso, ob sie verheiratet sind, ob sie eine Lebenspartnerin oder einen Lebenspartner haben. Und wenn der Schwule oder die lesbische Politikerin in dieser Situation schweigt und nichts sagt, macht sie sich immer zur kuriosen Figur.

Krista Sager 24''
Diejenigen, die jetzt von der konservativen Presse sagen, warum behelligt er uns jetzt damit, ich finde das eine unglaublich scheinheilige Reaktion. Und ich finde, sie ist nicht glaubwürdig. Ich habe persönlich den Eindruck, der Wowereit ist ihnen zuvorgekommen, er hat ihnen irgendetwas aus der Hand genommen, womit die noch wochenlang hätten rumspielen können.

Erzähler:
Tatsächlich hat sich das Verhältnis der Medien zu den Politikern zu einem Spiel entwickelt, das zwar anders als in England oder in den USA noch bestimmten Regeln des Anstands gehorcht, das aber von ständigen kleinen Grenzüberschreitungen lebt und von beiden Seiten benutzt wird. Auf der einen Seite spielen die Medien ihre Macht aus und drängen Politiker dazu, von sich aus mehr preiszugeben, als sie wollen. So erging es Krista Sager, als sie noch als Bundessprecherin der Grünen eine neue Beziehung einging, so erging es Bundesaußenminister Fischer erst jüngst in einem ähnlichen Fall. Auf der anderen Seite benutzen Politiker die Medien auch dazu, ihr Privatleben in Szene zu setzen, um auf diesem Wege Sympathiepunkte zu sammeln. Man denke nur daran, wie Gerhard Schröder die Ehe mit seiner damaligen Frau Hiltrud in der Öffentlichkeit zelebriert hat und dann - vor der Bundestagswahl - sehr schnell die gestörten Verhältnisse wieder ins Reine bringen musste, man denke an die Geschichte Rudolf Scharpings und seiner "Gräfin". Peter Jungblut, politischer Korrespondent des Bayerischen Rundfunks - früher in Bonn und jetzt in Berlin - registriert hier durchaus einen Trend.

O-Ton: Peter Jungblut: 1'08''
Ich glaube, wir machen zur Zeit einen Wandel durch im Journalismus zumindest hier in Deutschland. Bis vor einigen Jahren war das Privatleben von Politikern vollkommen tabu. Für die Berichterstattung wohlgemerkt, nicht im internen Kreis selbstverständlich. Journalisten waren immer bestens informiert über die Seitensprünge von führenden Politikern, über Eheprobleme von führenden Politikern, über schwule Politiker, aber es war bis vor wenigen Jahren so, dass das keinerlei Rolle spielte im politischem Journalismus, was vielleicht auch daran liegt, dass es in Deutschland eine ziemlich scharfe Trennung gab zumindest zwischen politischen Journalisten und Boulevard-Journalisten. Inzwischen ist es so, dass diese Grenze immer mehr aufweicht, dass es immer mehr boulevardeske politische Berichterstattung gibt und dass Politik auch für Boulevard-Magazine kein Tabu mehr ist. Das heißt, es geht rüber, hierher und dorthin, so dass sich da eine Entwicklung abzeichnet, die dahin führt, dass das Privatleben von Politikern ganz allgemein für die politische Berichterstattung immer wichtiger sein wird.

Erzählerin:
Vor diesem Hintergrund ist auch das Bekenntnis von Klaus Wowereit nicht ganz freiwillig erfolgt. Wenn besonderer Wert darauf gelegt wird, Anzug- und Krawattenmarken zu nennen, jemanden als überzeugten Junggesellen mit stets tadellosem Äußeren zu beschreiben oder als Diva zu bezeichnen, klingt das noch harmlos und sagt für die durchschnittlichen Konsumenten der Medien noch wenig aus. Wenn es weiter geht wie bei Klaus Wowereit und es dann irgendwann heißt, er koche gern für seine Freunde, wenn er - so die "Süddeutsche Zeitung" - von seinem Kollegen und Herausforderer von der CDU-Fraktion, Frank Steffel, als "deformierter Charakter" bezeichnet wird, ist das Spiel, von dem Krista Sager spricht, in vollem Gange:

O-Ton: Krista Sager 40''
Man kennt das doch: Man macht irgendwelche versteckten Bemerkungen, wo man sich dann schon vorstellt, dass der Mann, wenn er das morgens in der Zeitung liest, vielleicht ins Schwitzen gerät, ob dann am nächsten Tag nachgelegt wird oder am übernächsten Tag nachgelegt wird. Da steckt ja auch ein Gefühl von Macht dahinter gegenüber solchen Menschen. Und diese ganzen Spiele sind ja jetzt im Grunde kaputt gemacht worden und aus meiner Sicht sind das richtige Krokodilstränen, die da jetzt vergossen werden, weil man dieses Spiel nicht spielen kann und dass man jetzt sich nur noch in die Pose des Beleidigten zurückziehen kann und sagen kann: Warum belästigt der uns eigentlich mit diesem Thema?

Erzählerin:
Wahrscheinlich hat Krista Sager Recht. Aber ist das "Spiel" im "Fall Wowereit", das Spiel mit dem Privatleben einer schwulen Persönlichkeit tatsächlich dasselbe wie in anderen genannten Fällen? Oder tritt hier doch noch etwas anderes hervor?

Erzähler:
Niemand von Moral und Verstand hätte den SPD-Kandidaten je nach seinem Geschlechtsleben gefragt,

Erzählerin:
kommentiert Nikolaus Blome auf der Titelseite der Welt und beklagt mit Sorgenfalten auf der Stirn, dass Klaus Wowereit seinerseits die Grenze zwischen Privatem und Politischem überschritten hätte:

Erzähler:
Es steht zu befürchten, dass nun all die Politiker unter Druck geraten, denen diese Grenzen wichtig sind. Mit seiner durchaus kalkulierten Offenheit könnte Klaus Wowereit einer pseudopolitisch begründeten Neugier Vorschub leisten. Denn jetzt ist das Geschlechtsleben der Politiker auf dem politischen Markt der Berliner Republik. Da hätte es nicht hingehört.

Erzählerin:
Blome, der hier stellvertretend für viele Kommentatoren zitiert wird, spricht nicht vom Privatleben oder von der Privatsphäre Klaus Wowereits. Er spricht vom Geschlechtsleben - so wie die CDU-Bundestagsabgeordnete Schnieber-Jastram eingangs noch deutlicher von "sexuellen Praktiken" sprach. Und das ist doch wohl etwas anderes! In der meinungsbildenden Welt der Heterosexualität wird hier sehr wohl unterschieden: Kein Politiker, der sich mit Frau und Kindern auf dem Wahlplakat zeigt und damit etwas durchaus Interessantes über seine privaten Verhältnisse und soziale Bindungen aussagt, muss sich anhören, niemand interessiere sich für sein Sexualleben oder dafür, welche sexuellen Praktiken er ausübe. Wenn Gerhard Schröder vor der Bundestagswahl Doris Köpf geheiratet hat, hat er seine privaten Verhältnisse in Ordnung gebracht - aber sein Geschlechtsleben?
Auch Jakob Augstein in der "Süddeutschen Zeitung" schlägt einen etwas aggressiven Ton an, wenn der kategorisch verkündet:

Erzähler:
Wir können auf Informationen zu Klaus Wowereits Sexualleben verzichten.

Erzählerin:
Sagt jemand, ich bin schwul, so bedeutet dies in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit also nicht in erster Linie, dass bei ihm zu Hause noch ein anderer Mann wohnt, dass wahrscheinlich keine Kinder da sind und er sich am Sonntag Nachmittag eher in einem netten Café auf dem schwulen Kiez wohlfühlt als beim Familienausflug in den Zoo. All das, was für ein Privatleben wichtig, im persönlichen Umfeld nach außen sichtbar und selbstverständlich auch für die Öffentlichkeit bedingt interessant ist, wird in den Kommentaren ausgeblendet. Stattdessen wird die Aussage reduziert auf das Sexuelle. Und wenn Jakob Augstein in der "Süddeutschen" betont, sich nicht vorstellen zu wollen, so wörtlich, "was Klaus Wowereit mit seinen Männerfreunden anfängt", nähern wir uns unfreiwillig dem Kern dessen, was den Umgang mit Homosexualität so problematisch macht: Eben diese Vorstellung. Es geht um Promiskuität, um verantwortungslose, schmutzige Sexualität- "mit seinen Männerfreunden" ; Plural! -, und in der unausgesprochenen Zuspitzung um den Analverkehr. Was in Zeiten wohlwollender Berichterstattung über den Christopher-Street-Day oder glückliche gleichgeschlechtliche Paare, die endlich heiraten wollen, in Vergessenheit gerät, tritt hier hervor, obwohl Klaus Wowereit nicht eine einzige Silbe zu seinem Geschlechtsleben gesagt hat: Das Bild des schwulen Mannes als eines, der sich - sprechen wir es deutlich aus - ficken lässt, der damit seine Männlichkeit und seinen Stolz preisgibt, zur verweichlichten, tragischen und letztlich zur verachtenswerten Figur wird. Zum deformierten Charakter, wie Frank Steffel es ausdrückte.

Erzähler:
Verbindet man mit dem Bild des Familienvaters und Ehemanns - zum wievielten Mal verheiratet spielt heute keine Rolle mehr - Männlichkeit, Stärke und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Eigenschaften, die man nicht versteckt, die für die Öffentlichkeit interessant sind, entspricht das Bild des Schwulen tief im Kern noch immer dem krassen Gegenteil dieser Vorstellung von Männlichkeit. Und so einer soll Verantwortung übernehmen? Es wundert nicht, dass die meisten homosexuellen Politiker sich verstecken, aber ändern kann sich diese Vorstellung erst dann, wenn Homosexuelle in ihren öffentlichen Ämtern, in der Wirtschaft und auch in ihren Beziehungen sichtbar werden. Wenn darüber jetzt gesprochen werden kann, ist das gut so.

O-Ton: Albert Eckert 13``
Die Zeit hat sich ungeheuer geändert. Als ich 1989 ins Berliner Abgeordnetenhaus kam und zum Vize-Präsidenten desselben gewählt wurde, sind die Republikaner damals unter Protest rausgegangen, haben den Saal verlassen.

Erzähler:
So berichtet Albert Eckert, damals parteilos auf der Alternativen Liste gewählt und heute Pressereferent der Heinrich-Böll-Stiftung.

O-Ton: Albert Eckert 27``
Na ja, und nicht viel später hat dann die CDU, der Abgeordnete Wienhold, der jetzt wieder mit Bank-Gesellschafts-Geschichten in der Presse ist, einen Skandal losgetreten, indem er mich als Strichjungen bezeichnete, und der Koalitionspartner, die SPD war das damals, mich aufforderte, zurückzutreten. Und damals, als diese Hetze einsetze, war das der Zeitpunkt, wo man das noch musste. Heute glaube ich, zehn Jahre später, wäre das anders.

Erzähler:
Der Schwulenbewegung war es damals wichtig, eine größere Zahl öffentlich bekannter Vorbilder zu haben und sie stritt deshalb über das Outing auch gegen den Willen der betroffenen Persönlichkeiten. Rosa von Praunheim nannte in RTL dann sogar einige Namen. Dass in den neunziger Jahren die Toleranz deutlich zunahm, hat nach Ansicht Peter Jungbluts damit jedoch kaum etwas zu tun:

O-Ton: Peter Jungblut 55''
Wir wissen jetzt ja, was es bewirkt hat, nämlich eigentlich sehr wenig. Dass Alfred Biolek schwul ist, das haben die meisten, glaube ich, schon wieder vergessen der normalen Fernsehzuschauer. Weiter gebracht hat uns, dass die Schwulen ihre Lobbyarbeit professionalisiert haben, dass es schwullesbische Verbände gibt, die hier auf der Hauptstadtbühne im Saal der Bundespressekonferenz ihre Meinung sagen, Papiere vorlegen und in den Ministerien an die Türen klopfen. Das hat die schwullesbische Bewegung weiter gebracht, aber nicht die Tatsache, dass es jetzt zehn oder zwölf oder fünfzehn prominente Schwule mehr gibt, die das Coming-out hinter sich haben. Denn man darf ja auch nicht vergessen: Wenn Klaus Wowereit sagt, ich bin schwul und das ist gut so, ist damit noch überhaupt nichts gesagt, wie er sich ab jetzt als Schwuler in der Öffentlichkeit benehmen wird. Geht er auf die CSD-Parade, marschiert er da mit, setzt er sich für schwule Bürgerrechte ein oder lässt er es dabei bewenden?

Erzählerin:
1994 wurde der Homosexuellenparagraph 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, in zahlreichen Kommunal- und Landesparlamenten, aber auch im Bundestag agieren schwule und lesbische Politiker. Die Demonstrationen zum CSD, zum Christopher-Street-Day mutierten unter großer Anteilnahme der Medien zu riesigen Paraden der Lebensfreude, auf denen sich in allen großen Städten auch zahlreiche Politprominenz zeigt und für Toleranz eintritt. SPD-Politiker wie Ortwin Runde und in München Christian Ude, aber auch Heiner Geißler von der CDU übernahmen Schirmherrschaften über das Spektakel; und aus Werbung und Unterhaltungsgewerbe sind Schwule und Lesben gar nicht mehr wegzudenken. Dass jetzt ein offen schwuler Spitzenpolitiker keine Klientelpolitik für Schwule und Lesben machen, sondern die Hauptstadt regieren will, macht den Wahlkampf - so die "Berliner Zeitung" - zu einem "Feldversuch in Sachen Toleranz". Wie schnell die Republik nach allen Aufregungen zu Beginn der vorletzten Woche dann doch zur politischen Tagesordnung übergegangen ist und dass nach einer FORSA-Umfrage 84% der Bundesbürger keine Vorbehalte gegen einen schwulen Bürgermeister in Berlin haben, spricht dafür, dass der Versuch gut ausgeht. Dennoch - so Peter Jungblut und Rüdiger Lautmann - ist die Berliner Situation derzeit aber noch etwas Besonderes, man kann nicht damit rechnen, dass jetzt zahlreiche andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Wowereits Schritt folgen werden.

O-Ton: Peter Jungblut 1'06''
In Berlin ist es zweifellos so, dass die Stadt eine liberale ist, dass es meines Erachtens keine Rolle spielt, ob ein Spitzenpolitiker homosexuell ist oder nicht. Das gilt für Berlin, das gilt sicherlich für Hamburg, das gilt für Köln und die Stadt München, kurz und gut, für alle großstädtisch geprägten Milieus. Sehr wohl ein Thema kann es sein auf dem Lande, und da haben schwule Politiker nach wie vor viele Gründe, es zu verschweigen oder unter dem Deckel zu halten, mit welchen Strategien auch immer. Man darf nicht vergessen, es gibt nach wie vor sehr stark auch sehr christlich, auch katholisch-christlich geprägte Gegenden, wo es sicher ein Thema ist, wenn ein offen schwul lebender Mensch, der seine Homosexualität ja auch auslebt und nicht nur die Veranlagung dazu hat, für ein Spitzenamt kandidiert. Und das gilt natürlich auch für Spitzenpolitiker, die bundesweit kandidieren müssen, die auch diese Landstriche integrieren müssen. Da wird es meines Erachtens weiter so sein, dass die das unter der Decke halten, weil sie Angst haben, dass das bürgerliche Deutschland, das konservative Deutschland kein Verständnis hat für ein schwules Leben.

Rüdiger Lautmann 36''
Wir erleben das jetzt mit den Klagen gegen die sogenannte Homoehe in Karlsruhe, wo ja tatsächlich doch viele Menschen und politische Kräfte und meinungsbildende Medien der Meinung sind, das darf nicht sein, das muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Und wer als Politiker oder Politikerin in diesem Spektrum gewählt sein will, der muss darauf Rücksicht nehmen, denn auch das öffentliche Bekenntnis wird schon als eine Grenzüberschreitung angesehen, weil immer noch der Satz gehandelt wird: Machen Sie das doch nicht öffentlich, das ist doch Ihre Privatsache, wie Sie sexuell sind.

Erzähler:
Dieser Einschätzung schließt sich auch Krista Sager an. Doch nennt sie drei wichtige Gründe, aus denen ihr Nachahmer Wowereits sehr willkommen wären:

O-Ton: Krista Sager 54''
Ich glaube, dass es die betroffenen Personen in erster Linie auch für sich selber brauchen. Sie brauchen es, um sich wirklich frei zu fühlen. Auf der anderen Seite glaube ich auch, dass es die Bevölkerung darin bestärkt, dass dieses wirklich etwas ist, das akzeptiert werden muss und was nicht etwas Anrüchiges ist. Und drittens glaube ich auch, dass es immer noch wichtig ist für einen Teil derjenigen Schwulen und Lesben, die in kleinen Gemeinden auf dem Land leben, die in konservativen Umfeldern leben, die vielleicht auch der älteren Generation angehören. Denen macht es Mut, dass auch sie sich etwas besser aufgehoben und akzeptierter fühlen können, weil sie sehen, selbst Menschen, die sehr angewiesen sind auf die Zustimmung anderer, trauen sich inzwischen offen zu sagen, dass sie schwul oder lesbisch sind.


© Detlef Grumbach 1999 - 2009 - Böckmannstraße 48 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach