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"Der Assimil-Kümmel ist der mieseste Trip, seit es den Kanaken gibt", echauffiert sich Feridun Zaimoglu: "Der Assimil-Kümmel ist einer, der zurechtgemacht und zurechtgestutzt ist, der Edelmigrant, der in seiner Nische hockt als ewig gleicher Nicht-Türke und als ewig gleicher Ankömmling und nur dazu dient, das Bild von der freundlichen Aufnahme von Migranten aufrechtzuerhalten." Hier ein Trend zur Anpassung, die bis zur Selbstaufgabe gehen kann. Auf der anderen Seite eine Tendenz zu "türkischem Stolz" und Reislamisierung: Beide Haltungen basieren auf einer klaren Gegenüberstellung einer türkischen und einer deutschen Identität. Jenseits dieser für sie anachronistischen Dichotomie suchen junge, hier geborene oder aufgewachsene Kinder und Enkelkinder türkischer "Gastarbeiter" selbstbewusst nach ihrem eigenen Leben. Sie nennen sich "Deutschländer", "Turkos" oder einfach "Kanaksters" und "Kanakstas". Feridun Zaimoglu, der sich als "educated Kanakster" bezeichnet, gehört zu ihnen und verleiht jenen eine Stimme, die selbst oft kein Gehör finden.
Im Zentrum Zaimoglus Arbeit steht eigentlich die Malerei. Seine expressiven Bilder erinnern an Popart oder an Comicstrips, in die auch orientalische Elemente integriert sind. Aus verschiedenen Versatzstücken gesamplet drücken sie sein Lebensgefühl aus: so etwas wie "orientalischer Pop". "Die Zeit” nannte ihn den "Malcom X der deutschen Türken”. Eigentlich sollte er Arzt werden, wie sein Onkel. Die Eltern drängten und unterstützen ihn, damit er es einmal besser hätte als sie. Immerhin hatte sein Vater in Istanbul ein Studium aufgegeben, um "Gastarbeiter" zu werden. So paukte der Sohn die regelmäßigen und unregelmäßigen Verben, machte das Abitur und kam zum Studium. Zur Sprache hat er schon als Kind ein beinahe erotisches Verhältnis entwickelt. Zu Hause hat er türkisch gesprochen, verfügte er über einen reichen Schatz von Erzählungen und Erfahrungen. Draußen war er ein Stummer. Da sprachen die anderen Kinder, ihre Welt aber blieb ihm verschlossen. Er wurde neugierig. Also lernte er, um "drinnen" und "draußen" zusammenbringen zu können. "Es wird immer so besprochen, und das stinkt mir, dass wir zwischen zwei Kulturen leben. Ich war nicht zwischen zwei Kulturen, sondern ich habe zu Hause Dinge erlebt und erfahren und gesprochen, und ich wollte draußen weiter sprechen. Es war der Wille, sprechen zu können und verstehen zu können."
"Woher kommt die Trauer? Woher kommt es, dass ich jeden Tag mich zusammenhalten muss? Dass ich mich zusammenreißen muss, dass ich, wenn ich in die Fabrik gehe, die Zähne zusammenbeiße?" Zaimoglu: "Er fing dann an, auch mit den Zähnen im Schlaf zu knirschen. Er hat etwas nicht verarbeitet. Dass er nicht mehr als Metin - so heißt er - angesehen wurde, als ein ehrbarer Mann, sondern als Türke." Feridun Zaimoglu lernte erst Bayrisch, dann Hochdeutsch. An der Kieler Universität wurde er Ausländerreferent, der "Alibi-Ali", wie er sagt, "der vom Alemannen vorgezeigt wurde, um anderen zu bedeuten: Ihr könnt bei uns ankommen." Wenn er aber heute zum Kulturamt geht und sich nach Ausstellungsmöglichkeiten erkundigt, weiß er, warum diesen Posten dann aufgegeben hat: "Wenn man seinen Platz in der deutschen Gesellschaft einnehmen will, stößt man auf Grenzen. Was wird mir da gesagt? Ach ja, gut, dass Sie kommen. Wir hatten sowieso vor, ja, eine gemischte Ausstellung mit ausländischen Künstlern, Malern und Installateuren zu machen. Da können Sie ja teilnehmen. Das ist ein entscheidender Punkt. Ich habe ja keine Lust, hier ausländische zu zeigen, sondern meine Kunst." Das Fremde ist nicht assimilierbar, die Differenz ist stärker. Blauäugige Integrationspolitiker beobachten das Scheitern ihrer Politik, die Betonung des Deutschen und des Türkischen im Umgang miteinander gewinnt oft an Bedeutung: seitens der Deutschen, aber auch seitens vieler deutscher Türken oder türkischstämmiger Deutschen. Es dient als Rettungsanker, auch wenn die Identität längst brüchig geworden ist. Feridun Zaimoglus Eltern sind als Rentner in die Türkei zurückgegangen. Sie werden dort "Deutschländer” genannt, werden beneidet um den bescheidenen Wohlstand und erneut ausgegrenzt. Via Satellit schauen sie RTL und Sat 1 und sehnen sich nach frischen Brötchen. Ihr Wunschbild von der Türkei hat sich nach ihrer Rückkehr als Trugbild entpuppt. Für ihren Sohn aber gibt es diesen Weg zurück überhaupt nicht. Für ihn existiert nur die Erfahrung der Differenz, der Nicht-dazu-Gehörigkeit, die Spielregeln, nach denen Einschluss und Ausschluss funktionieren. Und zwar gar nicht in erster Linie auf der kultureller Ebene, sondern - oft genug durch ethnische Zuschreibung kaschiert, auf der sozialen. "Manch einer lächelt, wenn ich sage: Guckt euch die sozialen Verhältnisse an. Wenn 40 bis 45 Prozent der ausländisch-stämmigen Jugendlichen arbeitslos sind, so ist dieser Umstand ein viel wichtigerer Indikator für Mentalitäten, nicht einer, sondern mehrerer Mentalitäten, für die Gedanken, für Vorstellungen, die damit verbunden sind. Ich lebe hier, und ich agiere und reagiere in meinen Bedingungen. Und da kommen wir an einen zentralen Punkt: Was spielt für mein Leben eine Rolle?" In seinem Roman "Abschaum”, der demnächst unter dem Titel "Kanak Attak" in die Kinos kommt, erzählt Feridun Zaimoglus "die wahre Geschichte von Ertan Ongun”. Soziale Ausgrenzung und die beinahe tägliche Herabwürdigung führen zu Aggressivität und Gegenwehr, in eine Spirale von Gewalt, Kriminalität und Drogensucht. Ein durch die Realität überhaupt nicht mehr gedecktes "türkisches” Selbstbewusstsein wird zum vermeintlichen Schutzschild: "Entweder zeigt man seine Größe, seine Körpergröße oder man ist verraten und verkauft. Man ist weg vom Fenster, und man kann seine Geschäfte nicht machen. Und diese Ausscheidungskämpfe haben dazu geführt, dass Ertan Ongun von sich schließlich behauptet: Ich fühle nichts mehr. Ich bin asozial. Dazu kommen Posen, dazu kommt eine so kranke Männlichkeit, die hinten und vorne nicht stimmt. Er spricht ja immer wieder, er ist der Oberplaner, und er hat das größte Gemächt auf Gottes Erden, er macht es klar mit Frauen. Aber wenn man die Geschichten liest: Er macht überhaupt nichts klar. Im Gegenteil." Ertan Ongun ist nicht der Türke in Deutschland, der sich nicht an Sitte und Ordnung hält, er ist ein Kind dieser Gesellschaft, das sich in die Posen flüchtet, die ihm angeboten werden. Posen sind auch Zaimoglu nicht ganz fremd. Und nicht ganz ohne Pose wirbt auch das kulturelle und politische Programm von Kanak Attak um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit einer Generation jenseits ihrer Herkunft. "Meine Erfahrung ist die, das ihr Leben großstädtisch geprägt ist. Das ist ein ganz besonderer Punkt, weil man es plötzlich nicht mehr nur mit zwei starren normativen Kulturkörpern zu tun hat. Man hat es nicht mehr mit Bekenntnissen zu tun. Es sind viel mehr Posten da draußen. Die Räume und die Möglichkeiten, die Lebensentwürfe beziehen sich auf individuelle Strategien. Das ist das Postmoderne in Anführungsstrichen, das postmoderne Lebensgefühl." Nicht nur Deutsche und Türken, Christen und Muslime und verschiedene Geschmacksrichtungen treten in der "multikulturellen" Gesellschaft einander gegenüber, sondern auch Landbevölkerung und Großstadt; unterschiedliche Bildungsgrade, Arbeiter, die in gewerkschaftlichen Kämpfen zusammenstehen und solche, die auf dem Arbeitsmarkt in eine gnadenlose Konkurrenz geraten. Die Generationskonflikte nehmen in verschiedenen Familien verschiedene Formen an, die Mixtur aus Revolte und Anpassung, aus Rücksichtnahmen, ausweichenden und eindeutigen Positionen sind sehr unterschiedlich: "Jeder muss sich vor Augen führen, was er mit seinem Leben macht", meint Zaimoglu. Aber er muss auch die Chancen dazu bekommen. "Mir scheint es so, nicht nur aus meiner Biographie heraus, dass man immer kämpfen muss. Es ist ein ständiger Kampf mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft, in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, und es ist ein ständiger Kampf mit den Restposten der Herkunftskultur, die im Elternhaus vorherrschen, ein ständiger Kampf, seinen Weg zu gehen. Und dieser Weg ist manchmal ein Zickzack-Kurs." Das jeweils Andere akzeptieren und achten kann nur, wer sich selbst aber nicht zum Maßstab der Dinge macht, wer nicht nur dem Anderen Anpassung abverlangt und ihn bestenfalls als Bereicherung empfindet, sondern auch sich selbst "anders", als historisch geworden, sozial geprägt und veränderbar erlebt. Es ist vielleicht "altmodisch", auf jeden Fall provokativ: Es geht Zaimoglu nicht um Multikulti als eine folkloristische Bereicherung, sondern um Emanzipation. Die gibt es weder zum Nulltarif noch isoliert - für eine gesellschaftliche Gruppe. "Ich komme mir nicht toll vor. Immer schön auf dem Gebetsteppich bleiben", lacht Zaimoglu auf die Frage, was er denn mit seinen Büchern, dem Film und der Offensive "Kanak Atack" erreichen will: "Es wäre wunderbar, wenn ich nur ein Stück, nur ein bisschen vielleicht sachdienliche Leistungen erbracht hätte für die Rechte von Leuten, die sonst nicht zu Wort kommen. In letzter Instanz geht es aber um den Kampf um die kulturelle Hegemonie. Es kann nicht mehr darum gehen, dass diese Subkulturexperten, diese Minderheitenbeschauer das Meinungsmonopol haben und uns als Objekte der Migrationsforschung betrachten. Es geht darum, dass wir uns selbst und das Subjekt, das eigentliche Subjekt, unser eigenes Subjekt ins Spiel bringt. Jetzt kommen Leute, die kämpfen. Fighter."
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